Zeitung Heute : Was, Herr Blüm, würden Sie denn tun?

Der Tagesspiegel

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Was würde ich selber tun, wenn Deutschland besetzt würde?“ fragte Jürgen Möllemann mit Blick auf die Eskalation des Nahostkonfliktes, und er antwortet: „Ich würde mich auch wehren, und zwar mit Gewalt. Ich bin Fallschirmjägeroffizier der Reserve. Es wäre dann meine Aufgabe, mich zu wehren.“ Kann man sich eine lächerlichere Heldenpose und verfehltere Selbstbeweihräucherung vorstellen, als die des Vorsitzenden der „Deutsch-Arabischen Gesellschaft“? Dem geht natürlich auch ein Terminus wie „Staatsterrorismus“ leicht über die Lippen.

Und was ist mit Norberts Blüms Wort vom „hemmungslosen Vernichtungskrieg“, mit dem Israel die Palästinenser überziehen würde? Wer weiß, was Vernichtungskrieg für die Juden bedeutet hat, dem verbieten sich solche Gleichsetzungen. Der ehemalige Bundesarbeitsminister hätte das wissen müssen.

„Habt keine Gnade mit den Juden, egal, wo sie sind. Bekämpft sie, wo ihr auch seid. Wenn ihr ihnen begegnet, tötet sie.“ Ein Wort von Hitler, Himmler, Heydrich? Keineswegs, sondern vom Rektor der Islamischen Universität in Gaza, Dr. Ahmad Abu Halabiya, über den Bildschirm – eine von unzähligen Hasstiraden, die alltäglich über arabische und palästinensische Anstalten ausgestrahlt werden.

Was, Herr Blüm, macht man mit einem solchen Gegner? Können Sie sich vorstellen, was in Deutschland los wäre, wenn hier jedermann jederzeit überall gewärtig sein müsste, von einer „lebenden Bombe“ in Tod oder Verstümmelung gerissen zu werden? Unsere Gesellschaft ist, jedenfalls bis zur Stunde und zu ihrem Glück, nicht in der Situation Israels. Aber das braucht nicht so zu bleiben – der islamistische Terror hat, siehe Frankreich, schon mit seinem Export begonnen.

Wie wehrt man sich gegen einen Irrationalismus, der seinen Jüngern suggeriert, dass man flugs ins Paradies gelange, wenn man sich und andere in die Luft sprengt? Gerade höre ich, dass wieder ein Selbstmordattentat in Haifa stattgefunden hat. Was ist das für eine Gesellschaft, in der Eltern dem „Märtyrertod“ ihrer Kinder in der Öffentlichkeit zustimmen, und erst zu weinen beginnen, wenn die Kamera nicht mehr da ist? Was soll man gegen einen religiös indoktrinierten Hass tun, der rationalen Argumenten nicht zugänglich ist?

Die „Operation Schutzwall“ kommt nicht aus einem historischen Vakuum, sie hat ihre blutige Vorgeschichte. Die aber wird von einer mittlerweile zum Fürchten einseitigen anti-israelischen Berichterstattung auf eine Weise ignoriert, dass guter Glaube ausgeschlossen werden kann. Mir ist diese Verdammung Israels, die so tut, als sei der Nahostkonflikt eine Einbahnstraße der Gewalt, zu einhellig, als dass sie seinem komplizierten Charakter gerecht werden könnte. Die militärischen Reaktionen Israels seien „unverhältnismäßig“ – ach ja? Kann man sich vorstellen, dass „Unverhältnismäßigkeit der Mittel“ auch tiefe Verzweiflung zum Geburtshelfer haben kann?

Ich halte nicht jeden, der Israel und Scharon kritisiert, auch gleich schon für einen Antisemiten – ich müsste dann selber einer sein. Aber ich kann auch nicht die jahrzehntelange Erfahrung übersehen, dass der deutsche Schulddruck aus der Nazizeit immer versucht hat, sich durch Anklagen gegen Israel oder überhaupt gegen Juden zu ventilieren, oft unbewusst und ohne Kenntnis der psychologischen Zusammenhänge. Das übrigens auch bei Nachgeborenen, die völlig schuldlos sind, aber dennoch diesen Schulddruck empfinden.

Doch gibt es selbstverständlich in Deutschland auch Antisemiten, die sich nichts sehnlicher wünschen, als ein Dutzend Ariel Scharons – nach allen demoskopischen Erhebungen ein gar nicht unbeträchtlicher Teil der Bevölkerung.

Ich kriege es gerade wieder zu spüren. Müßig zu sagen, dass ihnen das Los der Palästinenser völlig gleichgültig ist, Hauptsache, sie sehen ihren Hass gegen Juden gerechtfertigt. Die könnten sich wie die Engel benehmen – der Antisemitismus würde dennoch daran keinen Schaden nehmen.

Zum Schluss noch ein Wort zu Arafat, der sich in der Rolle eines verfolgten alten Mannes gefällt und so auch von den Medien gehätschelt wird. Es ist noch gar nicht lange her, da hat Scharons Vorgänger, Ministerpräsident Ehud Barak, ihm 95 Prozent des Territoriums der Westbank und des Gazastreifens mit der Hauptstadt Ostjerusalem angeboten, ein Kompromiss bis hinaus über die israelische Schmerzgrenze. Arafat, schon damals eine Marionette in den Händen der Extremisten, hat abgelehnt. Wer alles will, kriegt nichts. Mehr als jeder andere ist deshalb Arafat mitverantwortlich für die derzeitige Eskalation des Nahostkonfliktes.

Der – richtig – ist nur durch Frieden zu lösen. Mit der Fortsetzung des Terrors der „lebenden Bomben“ aber wird es ihn nicht geben.

Der Autor wurde 1923 als Sohn eines sizilianischen Vaters und einer deutsch-jüdischen Mutter in Hamburg geboren. Zwischen 1948 und 1957 war er Mitglied der Kommunistischen Partei. Giordano lebt heute als Publizist in Köln. Morgen antwortet ihm Thilo Bode.

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