WAS ICH LIEBE, WAS ICH HASSE : Haltet die Diebe!

Die Spielzeit-Kolumne von Rüdiger Schaper, Leiter der Kulturredaktion des Tagesspiegels

Dass man etwas verloren hat, merkt man manchmal erst dann, wenn es wieder da ist. So ging es mir bei der Uraufführung der „Diebe“ von Dea Loher am Deutschen Theater. Ein langer Abend, eine aufwendige Produktion, ein großes neues Stück: Plötzlich wird spürbar – weil ein solcher Abend die Ausnahme ist –, wie sehr dem Theater die Autoren fehlen. Wie leer der Betrieb läuft, wenn es keinen lebendigen Input gibt. Wie lange wir schon entbehren, was im Kino und in der Literatur selbstverständlich ist: das frische Originaldrehbuch, die zeitgenössische Erzählung, den heutigen Roman.

Das sagt noch nichts über Qualität. Aber es ist klar, dass einer Kunst der Atem ausgeht, wenn ihr die Worte fehlen – der Autor, die Autorin. Ohne neue Formulierung bleibt die Form hohl. Es gibt auch bei Dea Lohers „Dieben“ seltsame Schwachstellen, Längen, und über Andreas Kriegenburgs Inszenierung mit ihrer riesigen Tretmühle wäre ebenfalls eine Menge Kritisches zu sagen. Nur: Es ist ein großer Entwurf. Stück und Inszenierung wollen etwas, wollen viel. Darum geht es. Nicht um all die kleinen Problemstückchen, die immer mal wieder irgendwo im Eckchen uraufgeführt werden, um die Zeitgenossenquote zu halten. Sondern um die Dimension des Geschriebenen und Gedachten – damit das „neue Stück“ nicht schon im Maßstab hinter dem durchgesetzten Repertoire zurückbleibt.

Dea Lohers Panorama der (Berliner) Geister und Gestalten hat die Kraft, die Theatertexte brauchen, um nicht sogleich wieder im Rezensionsgrab zu verschwinden. Haltet die „Diebe“ fest, ihr Intendanten und Dramaturgen, lasst sie nicht entkommen! Es gibt nicht viele neue Stücke, die einen derart großen Echoraum öffnen.

Schüchtern hat sich die Autorin beim Applaus verbeugt, und bei der Premierenfeier stand sie auch eine Zeit lang abseits; es muss ihr ein Bedürfnis gewesen sein nach all der Anstrengung. Aber es soll kein Sinnbild sein. Denn die Autorin und der Autor gehören ins Zentrum, nicht an die Peripherie, von ihnen geht die Fantasie aus, nicht allein von Regisseuren. Sicher gibt es da welche, die den Autor ersetzen können. Aber nicht immer und eigentlich immer weniger: Jetzt müssen die Autoren der Regie mal gründlich die Schau stehlen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar