WAS ICH LIEBE, WAS ICH HASSE : Kritik ist die beste Medizin

Die Spielzeit-Kolumne von Rüdiger Schaper, Leiter der Kulturredaktion des Tagesspiegels

Mieses, kaltes Wetter, das gehört zur Berlinale. Beim Theatertreffen aber ist es meist maigrün und schön – nur die Stimmung lässt zu wünschen übrig. Man hadert mit der Jury und den ausgewählten Inszenierungen und dem Zustand des Theaters. Zwar haben auch Filmmenschen am Ende eines langen Festivals etwas Verkniffenes und Zerknautschtes, doch würden sie niemals ihr Medium und ihr Geschäft anzweifeln, so wie es Theatermenschen tun, seit Hamlets Zeiten.

Neulich war ich beim Zahnchirurgen. Schlimm genug. Als der Mann hörte, was mein Beruf und meine Arbeit ist, trat er einen Schritt zurück und ließ eine wüste Beschimpfung los – auf die Musikkritik! Er hatte mich in der Hand, als Abonnent und Arzt, da kann man wenig tun. Ich murmelte etwas in der Art, wie schwierig es sei, über Musik zu schreiben, und überhaupt, und dass die Liebhaber klassischer Musik eben besonders leidenschaftlich sind (ich meinte: unerbittlich) und die Geschmäcker verschieden (ich dachte: der lässt nur die eigene Meinung gelten, typisch). Er sah mich finster an und machte den Scheibenwischer. Ich saß in der Falle, Verteidigung zwecklos. Es blieb nur die Flucht aus der Praxis – vor dem Musikkritik-Kritiker und dem „winzigen Eingriff“, den man jetzt gleich „problemlos“ vornehmen könne. Ich sah die Spritze, die die nette Assistentin schon vorbereitet hatte, und Sekunden später stand ich wieder auf der Straße, zurück im Leben. Die Musikkritik hatte mich gerettet!

Ihr habe ich ohnehin viel zu verdanken. Meine ersten Zeitungsbeiträge waren Musikkritiken. Polizeiberichte, Vereinsnachrichten und Musikkritiken. Was in einer Lokalzeitung so anfällt. Lange, lange her und sehr weit weg. Ich habe die Musikkritik damals aufgegeben, als der Redakteur meinte, ich verstünde nichts von Popmusik, aber sehr viel von Klassik ... Mein Beschluss ist gefasst: Wenn ich das nächste Mal wegen der Kollegen und Kolleginnen Musikkritiker in eine bedrohliche Lage gerate, hole ich mein altes Zahnarztbesteck heraus und schreibe die Konzertkritiken selbst.

Eigentlich wollte ich mich hier mal nur auf das Theatertreffen freuen, auf den Mai. Auf Wärme und Licht. Wollte gute Laune machen. Verfluchte Zähne!

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