WAS ICH LIEBE, WAS ICH HASSE : Regie auf Autopilot

Die Spielzeit-Kolumne von Rüdiger Schaper, Leiter der Kulturredaktion des Tagesspiegels

Nichts ist unmöglich, oder? Eine faszinierende Idee: Wegen technischer Mängel rufen Theater ihre Inszenierungen zurück in die Werkstatt. Die Zuschauer bekommen ihr Geld wieder, und sie müssen ganz schnell vergessen, was sie da auf der Bühne gesehen haben, denn es war fehlerhaft und obendrein gefährlich. Ein Tschechow oder Shakespeare oder Edward Bond mit einem verhakelten Gaspedal oder einem porösen Bremsschlauch ... da muss gründlich nachgearbeitet werden. Da hat die Qualitätskontrolle am Fließband gepfuscht.

Es ist mir neulich erst mit bestürzender Klarheit aufgefallen, wie viel der Theaterbetrieb und die Automobilindustrie gemeinsam haben. Seit Jahren schon gibt es eine inoffizielle Abwrackprämie für alte Stücke und Klassiker; einige Regisseure und Intendanten müssen sich eine goldene Nase verdient haben. Und jetzt die Sache mit der Rückrufaktion. Toyota hat es voll erwischt, und letztes Jahr gab es bei meinem Renault ein Problem mit der Software am Steuerrad. Ja, da lernt man gleich dazu. Ohne Bordcomputer läuft nichts.

Was mich auf die Idee brachte, mal hinter den Kulissen zu recherchieren. Und tatsächlich: Viele Inszenierungen in Berlin sind mit Bordelektronik ausgestattet. Der Regisseur, der nach der Premiere sowieso abreist, schaltet einfach auf Autopilot, was die Schauspieler entlastet und auch den Bühnentechnikern den Job erleichtert. Die Aufführungen sind auf einem Chip programmiert und laufen – mit echten Menschen und in Echtzeit – vor unseren Augen ab. Fast wie im Kino.

So ein gechipter Theaterabend ist leicht zu erkennen, es greift um sich. Man sieht es sofort, wenn man etwas Übung darin hat, die Symptome einzuordnen. Die Aufführungen mit Autopilot spulen sich ohne jeden Tempowechsel ab. Immer dieselbe Stimmung, das Licht wechselt kaum, die Schauspieler halten mehr oder weniger eine Tonlage über zwei Stunden. Jan Bosses und Peter Lichts Molière-Bearbeitung am Gorki ist ein auffälliges Beispiel. Dieser „Geizige“ läuft auf Autopilot, immer geradeaus bei mittlerer Geschwindigkeit und gut gefedert. Insgeheim hoffe ich, dass so ein Ding mal gegen die „vierte Wand“ crasht. Dann fliegt der Schwindel endlich auf.

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