WAS ICH LIEBE, WAS ICH HASSE : Sex on the Beach und andere Nummern

Die Spielzeit-Kolumne von Rüdiger Schaper, Leiter der Kulturredaktion des Tagesspiegels.

Letztes Wochenende war ich im Ratibortheater, beim internationalen Impro-Theater-Festival. Ja, immer auf der Suche nach Abenteuern. Ich hatte Lust auf Unterhaltung; und nicht schon wieder so was Schwergängiges, Kaputtes, Beziehungstechnisch-Posterotisches, das auch noch möglichst dunkel und schwer und frisch aus der Diskursschleuder performt wird.

Ich war dort, zugegeben, ewig nicht. Man findet das Ratibortheater, falls das jemand nicht weiß, in der Cuvrystraße in Kreuzberg. Hier sind die berühmten „Gorillas“ zu Hause, die Primaten des Impro-Zoos; sie organisieren das Festival. Wie so ein Abend abläuft? Ganz einfach: Die Schauspieler bekommen ihr Thema aus dem Publikum zugerufen und es geht los. Das ist eine Variante, sie garantiert, dass tatsächlich improvisiert und nichts Einstudiertes gespielt wird.

Beim Gastspiel der kanadischen Truppe Crumbs funktioniert es etwas anders: „Your 15 Minutes of Fame“. Mitspieltheater! Der große Albtraum! Die Crumbs beherrschen die heimtückischste Methode des Zuschauerhineinziehens. Sie sagen, dass sie nach unschuldigen Opfern suchen, die noch nie auf der Bühne gestanden und sich auch nie zuvor an Impro-Theater versucht haben.

Der Druck wächst. Jemand muss den Anfang machen. Plötzlich begreife ich, dass ich mittendrin sitze, auf dem Präsentierteller. Das Saallicht ist eingeschaltet, ich habe eine Art Heiligenschein, so heiß ist es auf meinem Kopf! Einer der kanadischen Impro-Profis hat mich ausgeguckt, von allen Seiten höre ich: Come on, why not, go ahead ...

Es ist dann eine junge Frau auf die Bühne gegangen, ihre Zirkusfantasie mit den unsichtbaren Bällen in der Luft war schön. Und nach ihr ein Träumer aus Rumänien, der das Thema „Drinks“ wählte und bei einer flachen Nummer mit „Sex on the Beach“ landete; pure Anmache am Strand.

Nachher habe ich bedauert, dass ich mich nicht getraut habe. Aber ich passe eigentlich nicht ins Beuteschema. Denn Kritiker improvisieren nur! Müssen immer schnell antworten auf das, was ihnen zugeworfen wird. Müssen schlagfertig und witzig sein, auf alles gefasst. Das nächste Mal vielleicht. Eine Stand-up-Review, eine Impro-Rezension, frei nach dem Motto: Kann er hier, Kanada!

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