Zeitung Heute : Was ist da im Busch?

Millionen Zuschauer verfolgen seit Tagen ein Spektakel im australischen Dschungel. Wie es um die Würde des Menschen steht – eine Analyse.

Christian Hönicke

Der Kandidat ist außer sich. „Nein, nein, das schaffe ich nicht!“, schreit er. Es hilft nichts: 30 000 Kakerlaken warten in einem Container auf ihn. Eine Minute lang erträgt Daniel Küblböck die Qual, dann wird er erlöst. Noch Stunden später heult er. Millionen Menschen sahen zu, wie sich Küblböck in der RTL-Fernsehshow „Ich bin ein Star“ im australischen Dschungel demütigen ließ. Hat er an jenem Sonntagabend vor einer Woche seine Würde verloren?

Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Grundgesetz, Artikel 1

Würde ist althochdeutsch für Wert, die Menschenwürde bezeichnet demnach den Wert eines Menschen. Wichtige Faktoren dieses Werts sind Freiheit und Selbstbestimmung. Gleichzeitig bezeichnet der Begriff auch den Anspruch jedes Menschen auf würdevolle Behandlung; in Deutschland ist dies im Grundgesetz festgehalten. Rechtlich gesehen verlieren Menschen den Anspruch auf würdevolle Behandlung niemals, „selbst wenn sie sich selbst noch so sehr erniedrigen“, sagt Kathrin Braun vom Institut für Politische Wissenschaft in Hannover.

Auf der sozialen Ebene sieht das schon anders aus. „Man kann seine Würde vor sich selbst verlieren, indem man sich erniedrigt, sich zum Ding macht, sich instrumentalisieren lässt“, sagt Braun. Wer sich selbst öffentlich demütigt, weiß oft nicht, was er da anrichtet. „Er merkt es erst, wenn er wieder zurück in seinem Dorf ist und die Leute sagen: Mein Gott, der hat es ja nötig“, sagt der Direktor des Psychologischen Instituts Heidelberg, Joachim Funke. Aus diesem Grund arbeiten bei vielen Talkshows mittlerweile psychologische Berater, die Probanden Tipps geben, die sich gerade für 50 Euro vor ihrer kompletten Heimatstadt lächerlich gemacht haben.

Die Würdefrage in der Unterhaltung ist so alt wie das Vergnügen: Der Mensch belustigt sich eben am liebsten an Seinesgleichen. „Wer seine Würde aus freien Stücken hergibt, handelt meist aus monetärem Antrieb“, sagt Funke. Hinter den Motiven der Peiniger stecken in den meisten Fällen Machtinteressen. Funke: „Das sicherste Zeichen für Macht ist, jemanden dazu zu bringen, etwas zu tun, was er ohne mich nicht getan hätte.“

Nicht jeder spielt aber bereitwillig für andere den Hanswurst. „Würde ist eine Frage des persönlichen Anspruchsniveaus“, sagt Funke. „Jeder muss sich fragen: Liegt das jetzt unter meinem gewohnten Würdeniveau oder nicht?“ Erfahrungen spielen hierbei eine große Rolle: Wenn die Würde durch viele Ereignisse immer wieder bestätigt worden ist, lässt sich eine kurzzeitige Kränkung oder Demütigung leichter ertragen. Andererseits steigt mit solchen Erfahrungen auch das Anspruchsniveau: Selbst mehr oder weniger normale Vorgänge können schon als unter der Würde betrachtet werden.

Je aufgeklärter ein Mensch ist, desto stärker wird er seine Würde verteidigen. Natürlich ist es schwer, sich in diesem Kampf gegen Mächtigere, etwa den Chef, durchzusetzen. Doch diejenigen, die ihre Würde unter widrigsten Bedingungen verteidigen, wie etwa die Widerstandskämpfer im Dritten Reich, werden besonders bewundert.

Die Würde eines Menschen wird verletzt, wenn er instrumentalisiert, das heißt wie ein Objekt für einen ihm fremden Zweck gebraucht wird.

Immanuel Kant

Hat in den letzten Jahrzehnten, mit dem Siegeszug des Individualismus und der Kommerzialisierung, ein Wandel stattgefunden? Es scheint akzeptabel, seine Würde zu verkaufen, wenn der Preis angemessen ist. Für ein wenig Prominenz oder Geld geben Menschen Freiheiten auf, für die ihre Vorfahren jahrhundertelang gekämpft haben.

Noch in der Antike billigte man etwa Armen keinerlei Wert zu. Erst mit der Herausbildung des Christentums und später mit der Aufklärung setzte sich die Überzeugung durch, dass jeder Mensch einen unveräußerlichen Wert besitzt. In den Verfassungen wurde die Würde erst nach 1945 verankert.

Natürlich gibt es auch heute Extremsituationen, „wo man seine Ethik überprüft, weil das Überlebensinteresse stärker ist“, sagt Funke und nennt das Beispiel von Überlebenden eines Flugzeugabsturzes, die zu Kannibalen werden. Den Erhalt der Würde muss man dann womöglich mit dem Leben bezahlen.

Angebote sind unzulässig, wenn sie gegen die Menschenwürde verstoßen, insbesondere durch die Darstellung von Menschen, die sterben oder schweren körperlichen oder seelischen Leiden ausgesetzt sind (…); eine Einwilligung ist unbeachtlich.

Rundfunkstaatsvertrag

Bei den RTL-Kandidaten ging es zwar nicht ums Leben, wohl aber bei den meisten um die mediale Existenz. Sie hatten ihre Höhepunkte hinter sich, die Verbannung vom Bildschirm war eine reale Bedrohung – womöglich kam daher Existenzangst auf. Ein gut entlohnter Auftritt im Dschungel kann da zur Verlockung werden. Die Zukunft wird zeigen, ob der Preis angemessen war.

Die Folgen einer Demütigung in aller Öffentlichkeit können gravierend sein. Häufig stellt sich ein Gefühl von Macht- und Hilflosigkeit ein, Depressionen oder Aggressionen können die Folge sein, im schlimmsten Fall kann es zu schwerwiegenden psychischen Problemen bis hin zur Zerstörung der Persönlichkeit kommen. Wer einmal für alle sichtbar seine Würde verloren hat, dem haftet ein Stigma an, das schwer wieder loszuwerden ist. „Der Mensch wird nur noch über diese Demütigung identifiziert, man macht Witze über ihn“, sagt die Politologin Kathrin Braun.

Einen solchen Absturz soll uns eine Instanz ersparen: die Scham. „Wer sich nicht schämt, hat keine Würde zu verteidigen“, sagt Funke. Oder andersherum: Wer sich schämt, ist sich bewusst, dass er etwas unter seiner Würde getan hat. Das wirkt meist heilsam, aus dieser Erfahrung lernt man. Muss man Menschen, die kein ausgeprägtes Schamgefühl haben, vor dem Verlust ihrer Würde schützen? Nein, sagt der Psychologe Funke: „Um seine Würde muss sich schon jeder selbst kümmern.“

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