Zeitung Heute : Was ist einfacher, als eine Russin zu heiraten?

KERSTIN DECKER

Eigentlich wollte der Cellist nur einen Trabant, jetzt hat er auch einen Sohn.Zögernd kommen sich beide näher."Kolya" besitzt diese melancholische Heiterkeit, wie sie wohl nur tschechische Filme kennenVON KERSTIN DECKERMan möchte mit der Hand über diesen Wolkenteppich streichen.So sanft, so spielerisch verbirgt er die Erde, als wollte er, daß wir sie einfach vergessen.Man könnte jetzt aussteigen aus dem Flugzeug, laufen und...Aber irgendwo muß dieses Lichtreich doch ein Loch gehabt haben.Welch ein dunkler Saal plötzlich! Nur der Klang ist noch derselbe.Alle Töne von dort oben hat man hier drin eingeschlossen.Alle? Dieses wütende Pfeifen im Hintergrund, ist das nicht ein Wasserkessel? Mit einem gezielten Hieb beendet der Bogen des Cellisten den Einsatz des vor Eifer dampfenden Instruments.Überhaupt, der Bogen des Cellisten! Wie er unter das Kleid der Sopranistin fährt, ganz spanischer Degen, es aufhebt, höher und höher zielt - da, ihr hohes C, ist es nicht viel zu spitz geraten? Verletzte es nicht entschieden himmlisches Ebenmaß? Unten im Saal öffnet sich dennoch wie immer das schwere Eisentor.Und der Sarg fährt ein in ein Rot, das ohnehin kein Maß mehr kennt.Das Konzert ist zuende.Die Feierhalle des Krematoriums schließt.Der Cellist geht nach Hause.Die Sopranistin auch.Das ist der Ton des Films.Durmoll."Kolya" - ein Konzert für Cello, gleich mehrere (!) Sopranstimmen, real existierenden Sozialismus (sagen wir: Rassel oder Schlagzeug) und Violine.Die Violine spielt Kolya, ein achtjähriger russischer Junge, der neue Sohn des tschechischen Cellisten.Er bekommt sie zum Geburtstag, genauer: an dem Tage, als der Cellist beschließt, dies solle künftig der Geburtstag seines Sohnes sein.Schließlich muß auch Kolya irgendwann einmal Geburtstag haben; seine Mutter, eine russische Dolmetscherin - die einzige, die das wissen könnte - ist ja längst im Westen, in der Bundesrepublik. Die Geschichte spielt kurz vor Beginn unserer Zeitrechnung, also ungefähr 1988.Da konnte so ein bei den Prager Symphonikern rausgeflogener Cellist (wegen sehr häßlicher, undankbarer Äußerungen über den Sozialismus) noch ein bißchen Geld damit verdienen, eine Russin zu heiraten, die dringend einen tschechischen Paß braucht fürs Ausreisen.Eigentlich ist der Cellist ja nicht käuflich und Russen mag er schon gar nicht.Nur so einen schönen, blauen, gebrauchten Trabant, den wollte er wirklich gern.Und was ist schließlich einfacher, als eine Russin zu heiraten? Und was ist, ein paar Monate später, schwerer, als der Vater eines kleinen russischen Jungen zu sein, den man nie zuvor gesehen hat? "Kolya" besitzt diese melancholische Heiterkeit, wie wohl nur tschechische Filme sie kennen.Kein Wunder, die Vorlage stammt von Zdenek Sverák, der schon viele Drehbücher schrieb, darunter "Heimat, süße Heimat" für Ji«ri Menzel.Sverák, einer der bekanntesten Schauspieler Tschechiens, spielt zugleich die Hauptrolle, den Cellisten, Sohn Jan Sverák hat die Regie. "Kolya" wurde im letzten Jahr zum erfolgreichsten Film in Tschechien.Dabei hatte Jan Sverák anfangs ernste Zweifel, ob seine Landsleute sich einen Film ansehen würden, der von einem kleinen Russen handelt.Doch die Tschechen wollten.Sie konnten längst schon lachen über die Russen, den Sozialismus und - sich selbst. Und Ostalgie? Na sicher, denn manches kommt so schnell nicht wieder.Etwa der Konflikt, ob man am 1.Mai seine Fenster mit Sowjetfahnen bekleben sollte oder nicht.Der Cellist hat es noch nie getan, zum Ärger seiner Hausverwaltung.Aber nun wohnt Kolya bei ihm, man trägt also Verantwortung.Da klopft es an der Tür, ganz sicher jemand zur Überwachung der 1.-Mai-Plakatierung.Sehr mit dem Entschluß zufrieden öffnet der Cellist die Tür...die Cello-Schülerin! Schülerin im weitesten Sinne, denn von Franti«sek - so heißt der Lehrer - ließ sich schon immer mehr lernen als nur Cellospielen.Aber doch wohl nicht mehr mit diesen Fahnen an allen Fenstern! Seltsam genug, daß manche Kritiker "Kolya" Sentimentalität bescheinigt haben.Seltsam deshalb, weil doch gerade die überlegene Abwesenheit des allzu Empfindsamen diesem Film erst seine Größe gibt.Kein souveränerer Schluß ist denkbar als dieser, und wir werden ihn auch nicht verraten.Oder sollte es wirklich sein, daß mancher den wunderbaren Wehmut dieses Films für sentimental hält? Nicht zu vergessen: "Kolya" hat in diesem Jahr den Oscar für den besten ausländischen Film gewonnen.Im Capitol, Cinema Paris (auch OmU), International, Off

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