Zeitung Heute : Was kommt nach Windows 98?

PETER ZSCHUNKE (AP)

Das neue PC-Betriebssystem Windows 98 ist kaum auf den ersten Rechnern installiert, da basteln die Microsoft-Entwickler mit Milliardenaufwand bereits an den nächsten Programmen.Schon in zwei bis drei Jahren wird Windows 98 wahrscheinlich von einem System abgelöst, das die Technik von Windows NT als Kernbestandteil hat - diese Zeitspanne sei zumindest der "standardmäßige Produktlebenszyklus", sagte der Geschäftsführer der Microsoft GmbH, Richard Roy, gegenüber AP.Der genaue Zeitpunkt sei noch nicht absehbar."Das hängt davon ab, welche Features rein sollen."

Die beiden bisher getrennten Betriebssystem-Linien Windows 95/98 für Privatanwender und Windows NT für den professionellen Einsatz werden aber vermutlich kaum zu einem einheitlichen Produkt zusammengeführt - auch künftig soll es eine Version für Privatanwender und eine für Geschäftskunden geben.Letztere hätten einfach andere Bedürfnisse, sagte Roy und verwies auf die Notwendigkeit einer umfassenden Systemverwaltung von Firmennetzen und der optimalen Anbindung von Mitarbeitern, die sich als "remote user" von außerhalb in das Computersystem eines Unternehmens einklinken."NT 5.0 wird da einen Riesenfortschritt bringen." Für den Spätsommer ist die zweite Betaversion (vorläufige Entwicklungsversion) von NT 5.0 angekündigt, das die neue ans World Wide Web angelehnte Oberfläche von Windows 98 mit der Stabilität von NT und zusätzlichen Verwaltungs- und Sicherheitsfunktionen verbinden soll.

Ob Windows NT 5.0 dann tatsächlich wie erwartet 1999 auf den Markt kommen wird, darauf will sich Roy nicht festlegen."Wir müssen sicher gehen, daß die Tests für die Geschäftskunden auch erfolgreich verlaufen sind." Und mit einem Blick auf manch vorzeitige Software-Ankündigung in der Vergangenheit erklärt Roy: "Es ist nicht mehr die Zeit, daß das Produktmarketing die Vorgaben für den Erscheinungszeitpunkt liefert." Tonangebend sind Forschung und Entwicklung, für die Microsoft in diesem Jahr nach Angaben Roys 2,6 Milliarden Dollar investiert - "das sind fast 20 Prozent des Umsatzes".

Für den sogenannten Consumermarkt geht die Entwicklung in Richtung einer Verschmelzung der verschiedenen Medien."Wie bringt man Internet-Funktionalität ins Fernsehgerät?" - die Beantwortung dieser Frage werde darüber entscheiden, ob sich das Internet in der Gesamtbevölkerung verbreite, sagte Roy.Bisher werde nur eine bestimmte Altersgruppe zwischen 15 und 45 Jahren für das globale Computernetz angesprochen.Das Fernsehgerät ermögliche aber eine extrem einfache Nutzung, auf die sich dann auch ältere Menschen einlassen würden.In der amerikanischen Ausgabe von Windows 98 ist das WebTV - die Nutzung interaktiver Fernsehprogramme am Computerbildschirm - schon jetzt integriert.Doch für dieses Jahr plant Microsoft zusammen mit der Deutschen Telekom ein Pilotprojekt für WebTV in Nordrhein-Westfalen.Die Einzelheiten stehen noch nicht fest, wie Telekom-Sprecher Jörg Lammers erklärt.

Ebenfalls bereits in Windows 98 integriert, aber auf seiten der Hardware noch in Entwicklung ist die OnNow-Technologie.Bei dieser besonderen Form der Energieverwaltung kann der PC jederzeit in einen Zustand versetzt werden, in dem er fast ausgeschaltet ist - aber auf Wunsch nach fünf Sekunden wieder an derselben Stelle einsetzt, an der die Sitzung unterbrochen wurde.Auf diese Weise könnte der PC bei geringem Stromverbrauch ständig in Betrieb bleiben und der aufwendige Boot-Vorgang entfallen.Roy erwartet, daß in diesem Jahr die ersten tragbaren Computer mit der OnNow-Technik auf den Markt kommen.

Stärker in den Vordergrund drängen wird künftig die dritte Linie der Microsoft-Betriebssysteme, die nicht nur den PC, sondern das gesamte Alltagsleben durchdringen könnte: In diesem Jahr sind die ersten Minicomputer und Organizer mit Windows CE auf den deutschen Markt gekommen.Künftig soll dieses Betriebssystem auch in Autos, Telefonen, Geldautomaten, Haushaltsgeräten, Set-Top-Boxen für digitales Fernsehen oder Fertigungsanlagen werkeln."Windows CE hält mehr und mehr in Produkten Einzug, die wegen der langen Vorlaufzeiten heute und morgen noch nicht so aktuell sind", sagt Roy.Bei diesen Mini-Betriebssystemen stößt Microsoft noch auf eine weit stärkere Konkurrenz als auf der PC-Plattform - gut im Geschäft sind unter anderem Java von Sun Microsystems und Epoc32 von Psion.Doch der Stellvertreter von Bill Gates in Deutschland versichert: "Wettbewerb ist gesund, das spornt an."

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