Zeitung Heute : Was kostet Krieg?

Ökonomie von Kriegen und Terrorbekämpfung hat auch politische Dimension

Andrea Nüsse
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Kosten der Angst. Das Institut ermittelt unter Auswertung von Umfragen und anderen Daten, wer warum wovor Angst hat und welche...

Das National Priority Project in den USA hat eine Uhr laufen: Jederzeit kann der Bürger einsehen, wie viel Dollar seit 2001 für die Kriege in Irak und Afghanistan ausgegeben wurden – die Uhr läuft unerbittlich und zeigt auch an, wie viel Dollar genau in dieser Sekunde ausgegeben werden. Und wie viel Geld das pro Amerikaner ist. 929 Milliarden Dollar waren es bis Wochenanfang. 3160Dollar pro Einwohner.

Auch die Abteilung Weltwirtschaft des DIW will die Kosten für Kriege, Terrorismus und Terrorismusbekämpfung transparenter machen. Nicht aus politischen Gründen – sondern weil sie ein entscheidender Wirtschaftsfaktor sind, der oft noch unzureichend untersucht ist. „Die indirekten Kosten von Kriegen werden vernachlässigt“, meint Tilmann Brück, Leiter der Abteilung Weltwirtschaft, der gleichzeitig eine Professur an der Humboldt-Universität innehat. Dazu zählen beispielsweise die Kosten für Nachbarländer, deren Handel mit dem Kriegsland zum Erliegen kommt. Oder die Kosten für Flüchtlinge, die das Land aufnehmen muss. Oder: In welchem Maße verhindern die Kriegsausgaben der USA Wirtschaftswachstum zu Hause? Dafür will das DIW in einem neuen Projekt Zahlen liefern. Durch die Vernetzung von Daten und verschiedenen Ansätzen sollen die wahren Kosten berechnet werden. Für den Zeitraum eines Jahres könnten dazu „solide“ Zahlen genannt werden, glaubt Brück. Sie würden auf jeden Fall präziser ausfallen als die Klimaprognose für die nächsten 30 Jahre. „Das wird die Zahlen in die Höhe jagen und wahrscheinlich aufrütteln“, glaubt Brück, der keine politische Wertung vornehmen will. „Wir sagen nur, was es kostet. Ob der Preis lohnt, müssen andere sagen.“

Besonders spannend und politisch bedeutsam für Deutschland ist jedoch auch der zweite Strang des Schwerpunkts. Dabei geht es um die Ökonomie des Terrorismus, also die Kosten, die Terrorismus verursacht und die Ausgaben für dessen Bekämpfung. „Alles wird bei uns auf den Quadratzentimeter genau bemessen und berechnet, nur die Kosten für Sicherheit nicht“, meint Brück zu diesem relativ jungen Forschungszweig. Brück selbst widmet sich dem Thema seit den Anschlägen in der Londoner U-Bahn am 7. Juli 2005. In einem von der EU finanzierten Forschungsnetzwerk finden sich Studien und etwa 15 Volkswirte, die zu dem Thema arbeiten und sich jährlich treffen. (www.economics-of-security).

Relativ gut untersucht seien Ursache, Funktionsweise und Auswirkung des Terrorismus. Sehr ideologisch und ohne wissenschaftliche Grundlage verlaufe dagegen die Diskussion um Anti-Terror-Maßnahmen, „die auch ihre Kosten haben“. Zahlen und Fakten seien daher notwendig für die Debatte, „wie viel Sicherheit wir uns leisten wollen““, und wie viel verlorenes Wirtschaftswachstum uns das wert sei, meint Brück. Seiner Ansicht nach kann man eventuelle Bedrohungen messen in Form von Terroraufrufen im Internet oder auffälligen Grenzübertritten – wie in anderen Bereichen dürfe die Wissenschaft hier nicht der Regierung das Monopol über die Statistiken überlassen. Um zu entscheiden, welche Maßnahmen der Terror-Bekämpfung der Staat sich leisten will, müssen aber auch die Grundannahmen immer wieder wissenschaftlich überprüft werden. Macht es noch Sinn, in Afghanistan gegen den Terror zu kämpfen, sollten die Terroristen womöglich mittlerweile von Somalia aus agieren, fragt Brück provokativ.

Ein Projekt des Instituts widmet sich der „Angst“ vor Terrorismus – unter Auswertung von Umfragen und anderen Daten soll ermittelt werden, wer warum wovor Angst hat und welche wirtschaftlichen Auswirkungen das haben könnte. Vielleicht sei es billiger, statt des vermeintlichen Terrors die Angst davor zu bekämpfen, lautet eine Arbeitsthese. Eine Studie über die Anschläge in London hat gezeigt, dass die Zustimmung zur Beschneidung der Freiheit der Bürger erst etwa eine Woche nach einem Terroranschlag in die Höhe schnellt – entweder weil das Ereignis verarbeitet werden muss oder weil die Medien dann erst das Thema ins Zentrum der Berichterstattung stellen? Dazu bräuchte es weitere Forschungen.

Deutlich wurde in der Auswertung von Umfragen in Großbritannien von Juni bis November 2005 aber auch, dass die Zustimmung der Bürger zur stärkeren eigenen Überwachung auch sehr schnell wieder nachlässt. Insgesamt sind die Grenzen zwischen Wirtschaft und Sozialwissenschaft hier fließend. Die politische Debatte werden die Studien der Abteilung Weltwirtschaft auf jeden Fall bereichern.

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