Was man machen muss Dies : ist eine Pflichtlektüre

von
Stark am Glas: Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.
Stark am Glas: Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.Foto: Tagesspiegel

Ich möchte eher keinen Helm tragen, wenn ich aufs Fahrrad steige. Das ist eine sehr persönliche Entscheidung und, bitte schön, ein Ja zur partiellen Unvernunft. Es gibt aber zahlreiche Menschen, die es sehr vernünftig fänden, wenn mir und Gleichgesinnten die persönliche Entscheidung abgenommen würde. Sie wollen, dass alle Menschen, die Fahrrad fahren, zum Helm verpflichtet werden. Die Einsicht, also die Vernunft, wird dann schon später kommen. So wie bei der Gurtpflicht, respektive bei der Anschnallpflicht. Wer heute seinen Gurt nicht anlegt im Auto, wird sofort durch nervtötendes Piepen bestraft. Mindestens. Wenn nicht auch durch die Polizei. Die meisten sehen aber auch ohne Sanktionen ein, dass das Anlegen eines Gurtes eine Pflicht ist, der sie gerne und pflichtschuldig nachkommen.

Das Verhältnis zu Pflichten kann sich ändern. Schaut man sich zum Beispiel die Ehepflicht an, wird wohl heute kaum noch jemand dem Bundesgerichtshof folgen, der 1966 festhielt: „Die Frau genügt ihren ehelichen Pflichten nicht schon damit, dass sie die Beiwohnung teilnahmslos geschehen lässt.“ Pflichten können schon sehr ärgerlich sein. Besonders wenn sie, wie in diesen Zeiten, nahezu inflationär daherkommen und gefordert werden. Neben der Dauerdiskussion zur Helmpflicht debattieren wir in diesen Tagen die Kita-Pflicht und die Impfpflicht.

Wenn die Politik die Bürger in die Pflicht nimmt, ist das oft, meistens, wie eine Erklärung zur Unmündigkeit. Analog zur Politikverdrossenheit der Bürger kann man heute schon von einer Bürgerverdrossenheit der Politik sprechen. Wenn Ihr doofen Bürger die Sachen nicht einseht, dann verpflichten wir euch eben. Bertolt Brecht hat das 1953 im Gedicht „Die Lösung“ so formuliert: „Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?“ Das war natürlich in einem anderen Zusammenhang, aber um die Unmündigkeit von Bürgern ging es da auch.

Die Steuerpflicht darf nicht unerwähnt bleiben. Sie ist wirklich sehr lästig. Aber ohne sie hätten wir keine Straßen, auf denen wir Fahrrad mit oder ohne Helm oder Auto mit Gurt fahren. Und Krankenhäuser hätten wir auch nicht, in die wir uns legen, wenn wir ohne Gurt Auto gefahren sind. Aber Steuern zu zahlen ist vielleicht weniger eine Pflicht als eine Selbstverständlichkeit für eine Gemeinschaft. Es gibt also auch gute Pflichten. In diesem Zusammenhang soll noch auf die unbedingte Pflichtlektüre dieser Kolumne hingewiesen werden.Helmut Schümann

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar