Zeitung Heute : Was nicht tötet, macht hart!

Von Esther Kogelboom

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In meiner Familie werden seit Generationen – getrennt nach Geschlecht – zwei gravierende Probleme vererbt: die Neigung zu nervösem Magen und Schlabberoberarme. Im Alltag sieht das so aus: Wenn die Männer sich aufregen, kotzen sie. Und wenn wir Frauen unter uns sind, kneifen wir uns gegenseitig in die Oberarme, um den Grad des Verfalls zu bestimmen und zu diskutieren. „So fing’s bei mir auch an.“ – „Wink’ doch mal, ha ha!“ – „Nächsten Sommer muss wirklich Schluss sein mit Spaghettiträgern.“

Mir hat’s gereicht. Ich wollte nicht nur die erste Vorbestrafte in der Familie sein, sondern auch die erste weibliche Kogelboom mit Oberarmen aus Stahl. Sport!

Normalerweise bin ich kein Mensch, der eine bestimmte Tätigkeit lange durchhält. In das Freundschaftsbuch meiner zwölfjährigen Cousine habe ich bei Hobbys „schlafen“ eingetragen, darin habe ich es zu großer Meisterschaft gebracht. Man kann schon sagen, dass mir grundsätzlich alles ziemlich schnell auf die Nerven geht, besonders im Winter. Trotzdem habe ich vor kurzem ein verdammtes Fitnessstudio aufgesucht. Bereits während ich den Vertrag unterschrieb, den mir ein blondgeföhnter He-Man hinhielt, wusste ich, dass ich einen schweren Fehler mache. He-Man schien Gedanken lesen zu können. Er lächelte so schmierig, dass ich sicherheitshalber schon vor Beginn des Trainings eine Dusche nahm.

Was ja ganz wichtig ist im Fitnessstudio, ist die richtige Kleidung. Ich trug einen dunkelblauen Nike-Anzug, für den ich ein kleines Vermögen bezahlt hatte. Ich legte mich auf eine Matte; während die schrecklichen Pussycat Dolls aus den Lautsprechern stöhnten, riss ich im Takt Gewichte. Irgendwann spürte ich meine Handgelenke nicht mehr, dann glibberten und knackten die Ellbogen, bevor die Schultergelenke ins Leere rotierten. Ich dachte: „Das ist also dieser berühmte tote Punkt, von dem die anderen Sportler immer reden.“ Beim Verlassen des Studios schenkte mir He-Man als kleine Motivationshilfe einen grünen Luftballon. Und doch ahnte ich bereits, dass aus mir niemals ein She-Man werden wird.

Am nächsten Morgen fühlte ich meine Arme noch immer nicht. Sie schlackerten einfach links und rechts an meinem Körper runter. Als ich am BVG-Automaten eine Fahrkarte ziehen wollte, zitterten die Hände. Mir fehlte sogar die Kraft, den Fahrschein in den Schlitz des Entwerters zu stecken. Ich hätte ohne weiteres die harten Cold-Turkey-Szenen in „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ doubeln können.

Später rief ich meine Mutter an. „Jaha“, rief sie. „Was nicht tötet, macht hart, meine Liebe!“ – „Aber ich habe wirklich große Schmerz…“ – „Ich muss auflegen, Lindenstraße fängt an.“

Und wenn es wirklich stimmt, was meine Mutter sagt? Dass fiese Armschmerzen, Magenschmerzen, Herzschmerzen einen hart machen? Aber vor allem: hart genug für was genau eigentlich? Für das Leben als solches? Die Liebe?

Vielleicht hat es ja seinen Sinn, dass Muskeln sich nur gegen einen Widerstand bilden. Ich jedenfalls habe, zumindest, was meine Fitnesskarriere betrifft, jeden Widerstand aufgegeben. Ich hänge abends wieder wie früher vor dem Fernseher herum, trinke Beck’s aus der Flasche und rauche selbst gedrehte Zigaretten. Dabei trage ich meinen dunkelblauen Nike-Anzug. So, wie es bereits meine Ahnen getan haben.

Unsere Kolumnistin, 30, bekommt laufend gute Ratschläge. An dieser Stelle überprüft sie alle 14 Tage einen davon auf seinen Wahrheitsgehalt.

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