Zeitung Heute : Was Regierungsbauten sagen

Ein neuer Sammelband zeigt, wie sich Macht und Herrschaft in Architektur ausdrücken

Friedrich Rössler

Vergangene Epochen faszinieren heute vor allem durch ihre Bauten. Man denke an die Pyramiden in Ägypten, die Akropolis in Athen oder das Forum Romanum in Rom. Sie zeigen uns den Machtanspruch alter Zivilisationen. Ihre Macht mag verloren sein, aber ihr Anspruch auf sie manifestiert sich durch die imposanten Gebäude bis in unsere Zeit.

Heute äußert sich der Gedanke von Herrschaft in einer anderen Öffentlichkeit. Herrschaft müsste deswegen keiner baulichen Manifestation mehr bedürfen. Diese Vision entwerfen zumindest die Autoren des Buches „Machtarchitekturen“ in ihrem Vorwort. Sie sagen, dass in der medienintegrierten Erlebnisgesellschaft Macht effizienter und weniger aufwändig stabilisiert werden könnte.

Den Band über Ausdrucksmöglichkeiten von Macht gab die UdK im vergangenen Jahres heraus. Die Bauentwürfe und Aufsätze zeigen: Tatsächlich soll auch heute noch Macht und Herrschaft durch Architektur definiert werden – sei es, dass neue Bauten geschaffen oder alte zerstört werden.

Ein Beispiel sind die Bauten, die UdK-Studenten für das „Bürgerforum im Band des Bundes“ in Berlin entwarfen. Das Bürgerforum sollte zwischen dem Paul-Löbe-Haus, dem zentralen Bau für die Volksvertreter, und dem Kanzleramt gebaut werden. Es wurde aber noch nicht realisiert. Die Entwürfe der Studierenden zeigen ihre Hoffnungen, dass die Bauten die Lücke zwischen dem Paul-Löbe-Haus und dem Kanzleramt schließen könnten. So würde die Kluft zwischen Volksvertretern und Regierung symbolisch überbrückt, sagen die angehenden Architekten.

Das Seminar, in dem die Studierenden ihre Entwürfe herstellten, wurde von einer Vortragsreihe begleitet, bei der sich Experten zum Thema „Politische Architekturen“ äußerten. Darunter war auch Peter Conradi. Der ehemalige SPD-Abgeordnete und Präsident der Bundesarchitektenkammer setzte sich kurz nach der Wiedervereinigung für den Umzug von Bonn nach Berlin ein. Nach der Entscheidung für Berlin organisierte er als Umzugsexperte der SPD-Fraktion den Wechsel von Parlament und Regierung nach Berlin maßgeblich mit.

Conradi rollt die Baugeschichte von Bundestags- und Regierungsbauten auf. Der Bundestag zog 1993 in den neuen Plenarsaal in Bonn – und begann schon sechs Jahre später mit dem Umzug nach Berlin. Der gesellschaftliche Umbruch in Deutschland erforderte eben einen neuen Regierungssitz, begründet Conradi in der Retrospektive. In Bonn gab sich das Bundeskanzleramt nüchtern als Zweckbau aus. 1994 schrieb die Bundesregierung einen Wettbewerb für das Berliner Kanzleramt aus. Das Preisgericht ermittelte zwei erste Preise. Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl entschied sich dann für den Entwurf von Axel Schultes und Charlotte Frank. Viele Abgeordnete, die 1991 für Bonn als Hauptstadt gestimmt hatten, fühlten sich übergangen, sagt Conradi. Sie hätten einen weniger monumentalen Bau gefordert.

Die Fachkritik hingegen konnte dem Bau viel Positives abgewinnen. Er setze sich deutlich von den Allerwelts-Bürocontainern ab. Conradi unterstützt diese Meinung. Er deutet die Diskussion um den Neubau als eine politische Diskussion. Das Kanzleramt am Spreebogen sei ein Entwurf ganz im Sinne der Befürworter des Umzugs nach Berlin gewesen, sagt der Sozialdemokrat. Sie hätten eine strenge, neoklassizistische Architektursprache favorisiert. Die Regierung Kohl ließ die neuen Bauten am Spreebogen eine deutliche architektonische Sprache sprechen, und die Auseinandersetzung zwischen „Bonnern“ und „Berlinern“ reagierte darauf, erläutert Conradi.

Was aber ist mit den ehemaligen Staatsbauten der DDR? Mit denen hat die Bundesregierung heute noch Probleme. Das behauptet zumindest Bruno Flierl, der bis 1984 an der Humboldt-Universität Architektur und Stadtentwicklung lehrte und für seine Kritik an den Plänen für die Berliner Spreeinsel bekannt ist. Der Weg zum Abriss des Palastes der Republik und die Kritik am Fernsehturm sind für Flierl Beispiele, wie Herrschaft immer noch über Architektur definiert wird.

Während der Abriss des Palastes beschlossene Sache sei, entstehe ein weiterer Machtkampf um das höchste Wahrzeichen der Ex-DDR. „Der Angriff auf den Palast der Republik ist seit der Wende 1990 stets durch Angriffe auf den Fernsehturm begleitet worden. Was die Kritik vom Westen her betrifft, so richtete sie sich bis 1989/90 mehr gegen den Fernsehturm, schon weil er weiterhin sichtbar war“, mutmaßt Flierl. So sollten heute neue Hochhäuser am Alexanderplatz vor allem deswegen gebaut werden, um dem Fernsehturm etwas von seiner visuellen Macht zu nehmen.

Machtarchitekturen. Beiträge zur Diskussion politischer Architekturen. Herausgeber: Florian Dreher, Klaus-Tilmann Fritzsche (UdK). ISBN 3-89462-117-6, 156 Seiten, 13,50 Euro.

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