Zeitung Heute : Was tun

Bleiben oder hinfahren: Viele wollen helfen, wissen aber nicht, wie – Experten raten zu Spenden

Ruth Ciesinger

Mancher Angehörige überlegt: Soll ich hinfahren und helfen? Mancher Urlauber rätselt: Soll ich den Ort des Schreckens so schnell wie möglich verlassen – oder bleiben? Was können, was sollten sie tun?

Daheimbleiben – das ist das Beste, was Angehörige machen können, die in Phuket, Sri Lanka oder anderswo im Krisengebiet jemanden vermissen. Claudia Kaminski vom Malteser-Hilfsdienst hat mehrere Menschen erlebt, die verzweifelt nach Thailand geflogen sind, um nach Vermissten zu suchen. Sie sind noch verstörter zurückgekehrt. „Was dort passiert, ist so dramatisch“, sagt Kaminski, „dass niemand, der so aufgeregt ist, mit der Situation umgehen kann“.

Die professionellen Helfer haben selbst mit dem Anblick und dem Leid zu kämpfen, das sie rund um die Uhr beschäftigt. Zerstörte Häuser und Hotelanlagen, meterhohe Schuttberge und immer wieder Leichen, die zum Teil in unvorstellbarer Zahl wie Strandgut zusammengeschoben sind – mit solchen Bildern werden auch sie ohne psychologische Hilfe kaum fertig. Dazu kommt der Verwesungsgeruch, der in der Luft hängt und den kaum jemand wieder vergisst. Die Hilfsorganisationen bereiten deshalb für ihre eigenen Mitarbeiter Anlaufstellen vor, wenn diese nach Deutschland zurückkehren. Die Betreuung von Angehörigen, die jetzt in die Region reisen, und dort unter dem Schock zusammenbrechen, wäre eine zusätzliche Aufgabe, die kaum zu leisten ist, weder von den Hilfsorganisationen noch von den deutschen Konsulaten und Botschaften in den Ländern.

Zwar ist das Verständnis groß für alle, die Gewissheit wollen. „Mit der endgültigen Wahrheit ist leichter abzuschließen“, sagt Rudi Tarneden vom UN-Kinderhilfswerk Unicef. Doch wer jetzt losfliegt, den überwältigt nicht nur die Trauer, der blockiert auch im Zweifel Flugplätze und Logistikkapazitäten, die beispielsweise von Hilfsorganisationen gebraucht werden. In manchen Gebieten droht zudem Seuchengefahr.

Auch den vielen Freiwilligen, die sich jetzt melden, um im Katastrophengebiet mit anzupacken, raten die Hilfsorganisationen deshalb von ihrem Vorhaben ab. „In der Region herrscht absolutes Chaos“, sagt Berthold Engelmann von der Hilfsorganisation Help. Freiwilligen sagt er deshalb grundsätzlich ab, auch wenn er sich über die vielen Angebote freut. Aber: „Wir können dort nur Leute einsetzen, die Erfahrung mit humanitären Katastrophen haben.“ Wer in Deutschland ist, dem bleibe als einzig sinnvolle Alternative: Spenden für die Opfer der Flut.

Was die Zahl der Helfer und Freiwilligen betrifft, herrscht zumindest in den zugänglichen Regionen wie Thailand oder im Süden Sri Lankas im Übrigen kein Mangel. Immer wieder berichten Gerettete von der Hilfsbereitschaft der Einheimischen. Diese haben Menschen, die selbst noch die Kleider am Leib verloren hatten, bei sich aufgenommen oder in Krankenhäuser gebracht. „Jeder hilft, wie er kann“, sagt Sabine Klaus, die für Help in Sri Lanka arbeitet. „Die Menschen haben Reis gebracht, Kleider gesammelt, spontane Taxidienste organisiert.“ Und natürlich wird jede Hilfe gebraucht, sagt sie. Aber Einheimische, die die Kultur kennen, die Sprache sprechen, können viel mehr leisten. „Außerdem“, sagt sie, „ist hier so viel zerstört. Es gibt gar keine Unterkünfte mehr, wo weitere Helfer wohnen könnten.“

Schließlich wohnen dort auch noch Touristen, die trotz allem einfach ihren Urlaub verleben wollen. Gerade für Thailand oder Sri Lanka ist der Tourismus eine der wichtigsten Einnahmequellen. Für diese Länder wäre es sogar furchtbar, wenn die Reisenden wegen der Tsunamis nun wegblieben. Ihm sei auch kein Fall bekannt, in dem die Urlauber Hilfs- und Bergungsarbeiten gestört hätten, sagt Rudi Tarneden. Auch wenn sich eine unvorstellbare Tragödie ereignet hat, „das Leben auf der Welt geht überall weiter“. Tarneden allerdings fände es wichtig, wenn für die Trauernden ein „kollektives Zeichen“ in der Region gesetzt würde, ähnlich wie es durch die Gedenkfeiern statt rauschender Feste an Silvester schon in Ansätzen geschehen ist.

Jeder müsse für sich selbst entscheiden, ob er jetzt gerade in der Region Urlaub machen möchte, findet auch Sabine Klaus. Und natürlich soll jeder, der will, auf Sri Lanka bleiben. Eines aber kann sie nicht verstehen, sagt sie. Sie hat mit Hotelgästen gesprochen, die jetzt wieder im Meer baden gehen. „Und das, während immer noch Leichen darin herumschwimmen.“

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