Zeitung Heute : Was übrig bleibt

JAN GYMPEL

Das umstrittene Porträt eines Pathologen: "Der Weg nach Eden" "Ich spreche nicht gern über meinen Beruf.Wenn man mich fragt, sage ich, daß ich im Gesundheitswesen arbeite", berichtet Herr Keserú, ein durchschnittlich wirkender Familienvater mittleren Alters aus Budapest.Für die Zurückhaltung gibt es gute Gründe: Herr Keserú arbeitet als Seziermeister in einem pathologischen Institut.In seinem Dokumentarfilm "Der Weg nach Eden" verfolgt Robert-Adrian Pejó Freizeit und Arbeitsalltag von Herrn Keserú.Da werden Leichen aus Kühlregalen geholt, gewaschen und ausgiebig seziert, dann wieder zusammengesetzt, Transporte koordiniert, Formalitäten mit den Angehörigen geregelt. Einerseits wirkt der Film distanziert, was noch dadurch verstärkt wird, daß Keserús Aussagen, die den einzigen Kommentar darstellen und einen filmlangen Monolog bilden, Christian Brückner spricht, also ein geschulter Sprecher, dessen Stimme aus vielen Dokumentationen vertraut ist und der einen geglätteten Text vorträgt.Andererseits enthält sich der Regisseur nicht manch krasser Bilder, bis hin zu Großaufnahmen zerschnittener Körper und entnommener Organe. Derlei überschattet die Gedanken und Berichte des Seziermeisters, zum Leben und Tod, zum Kontakt mit den Angehörigen und deren Verhalten - etwa wenn sie die Toten nur noch selten sehen wollen und dann in hergerichteter Form.Genau hier dürfte der wunde Punkt liegen, den dieser Film berührt.Mehr noch als gegen die immer wieder beschworene Tabuisierung des Todes verstößt er wohl gegen die allgemeinen Wunschvorstellungen vom Tod, vom Aussehen Toter und dem Umgang mit ihnen.Hier scheint das Selbstwertgefühl vieler Menschen berührt, die sich mehr über ihre in jedem Fall sterbliche Hülle definieren als über den Geist, der darin steckt. Der Streifen, der beim Festival von Rotterdam mit dem Publikumspreis für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde und hier beim Europäischen Fernsehfestival gezeigt wird, sorgte nach seiner bisher einzigen Ausstrahlung im dritten Programm des WDR für einigen Wirbel.Er dürfte so bald nicht wieder zu sehen sein.JAN GYMPEL Heute 21 Uhr 45, Freiluftkino Kreuzberg.Morgen, 22 Uhr, Freiluftkino im Waschhaus Potsdam.Anschließend Gespräch mit Regisseur und Produzent.

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