Zeitung Heute : Was vom Leben übrig bleibt

Sterbehilfe ist eine Frage der Würde, sagt Uwe-Christian Arnold. Ein Treffen mit dem Vertreter von Dignitas

Markus Brauck

Es gibt Menschen, die sagen, hier werde „der Tod verkauft“. Hannover, Edenstraße 11. Der Hof ist mit Betonplatten gepflastert, in einem Kübel ein verdorrter Rhododendron. Auf dem Briefkasten klebt ein Zettel mit der Aufschrift: „Dignitas 14 - 17Uhr“. Das ist alles.

Ende September hat hier der erste deutsche Ableger der Schweizer Organisation Dignitas eröffnet. In der Schweiz hilft Dignitas seit sieben Jahren bei der Selbsttötung, etwa mit Natrium-Pentobarbital – es wird den Schwerkranken gereicht, trinken müssen sie es selbst. 253 Deutsche sind in den vergangenen Jahren zu Dignitas in die Schweiz gereist, um dort zu sterben. In Deutschland sei das nicht geplant, heißt es: kein Sterbezimmer, nicht einmal Sterbeberatung – nur Lobbyarbeit. Und doch hat die Eröffnung einen Aufruhr verursacht, als hätte Scientology den Kölner Dom gekauft. Die bayerische Sozialministerin hat erklärt, man wolle in Deutschland „keine Todesengel“, die niedersächsische Justizministerin denkt darüber nach, einen Straftatbestand für den Verein zu schaffen. Dann wäre die professionelle Hilfe bei der Selbsttötung künftig strafbar. Aus ihrem Haus verlautete auch, man wolle das Büro von der Polizei beobachten lassen. Der Hamburger Justizsenator vertrat dagegen die Auffassung, Hilfe beim Sterben könne ein Gebot der Nächstenliebe sein, und hat damit eine Welle von Kritik ausgelöst.

Von Dignitas kommt nun kaum noch jemand aus der Deckung. Es ist schwer, ein deutsches Mitglied des Vereins zu sprechen. Schließlich sagt Uwe-Christian Arnold zu. Er ist zweiter Vorsitzender der deutschen Dignitas-Zweigstelle. Vor allem ist er Arzt, einer der wenigen, sagt er, die sich um das Thema Sterbehilfe nicht „herummogeln“ wollen.

Das Treffen findet in einem kleinen italienischen Restaurant in Berlin statt: Arnold ist Anfang 60, ein drahtiger Mann mit kurzen, grauen Haaren und warmen Augen. Er ist Berliner, hatte hier lange eine Urologiepraxis. Es ist Nachmittag und wenig los. Ein paar Tische weiter sitzen zwei alte Frauen in gestärkten Blusen beim Weißwein. Vor einer Viertelstunde, Arnold war noch nicht da, konnte man ihnen zuhören. Sie sprachen über Krankheiten und Pflegeheime, und eine der beiden sagte: „So will man ja nicht sterben.“ Traut man Umfragen, befürwortet die Mehrzahl der Deutschen die aktive Sterbehilfe. Die Angst vor einem elenden Ende ist groß, die Unsicherheit aber auch.

Uwe-Christian Arnold kennt die Arbeit der Schweizer Dignitas seit Jahren, und als die Idee auftauchte, in Deutschland einen Verein zu gründen, hat er sich bereit erklärt, mitzumachen. Er wird sehr energisch, wenn man ihn nach den Vorwürfen fragt, die immer wieder gegen Dignitas erhoben werden – dass Sterbewillige am Morgen anreisen und am Abend schon das tödliche Medikament erhalten, ohne eingehende Prüfung des Einzelfalls. Arnold sagt: „Das gibt es nicht.“ Zu den Menschen, die zum Sterben in die Schweiz fahren, habe der Verein zuvor über Wochen Kontakt. Auch stimme es nicht, dass sich Dignitas an den Einnahmen durch die Sterbehilfe bereichere. „Wenn sie das täten, brächten sie sich ja selbst in Verruf.“ In der Schweiz ist die Beihilfe zum Suizid strafbar, wenn dem Helfer selbstsüchtige Motive nachzuweisen sind.

Arnold erzählt von einer Begebenheit, wie sie einem Arzt immer wieder passiert. Eine Frau war zu ihm gekommen und hatte gesagt, sie wolle nicht mehr leben. Sie hatte ein Krebsgeschwür, litt unter Schmerzen. Arnold hat die Frau erst einmal untersucht, hat festgestellt, dass sie schwere Depressionen hatte. Brachte sie mit einem Psychiater zusammen und mit einem Onkologen, der die Schmerztherapie verbesserte. Über den Selbstmord sprach er mit ihr gar nicht mehr. „Sterbeberatung kann eben auch bedeuten, dass man einen anderen Ausweg findet als den Suizid“, sagt Arnold. Er sagt: „Es ist furchtbar, was verzweifelte Menschen tun, um sich umzubringen.“ Ein grausamer Tod – wenn es denn überhaupt funktioniert und nicht damit endet, dass hinterher alles noch schlimmer ist.

Arnold sagt, es gehe ihm nicht um aktive Sterbehilfe, also nicht darum, Patienten ein tödliches Medikament zu spritzen, wenn sie darum bitten – was beispielsweise in den Niederlanden erlaubt ist. Aber die aktuelle deutsche Praxis geht ihm nicht weit genug: In Deutschland dürfen Ärzte lebensverlängernde Therapien auf Wunsch des Patienten beenden oder die Dosis der Schmerzmittel erhöhen, auch wenn dies den Tod rascher herbeiführt. Doch Arnold fordert darüber hinaus ärztliche Beratung für Patienten, die sich selbst töten wollen, weil sie unheilbar krank sind, also letztlich die Erlaubnis für Mediziner, Beihilfe zum Suizid zu leisten. Mit Natrium-Pentobarbital würde das in Deutschland nicht gehen, hier ist das Medikament verboten. Nur Veterinäre dürfen Tiere damit einschläfern. „Wir gehen mit unseren Haustieren humaner um als mit unseren Todkranken“, erregt sich Arnold. Vielleicht wird man so wütend, wenn man als Arzt „ohnmächtig an dem Bett eines Menschen gestanden hat, der nur noch sterben will und es nicht darf“. Der Tod auf Rezept, unter Aufsicht des Arztes, ist für Arnold eine Frage der Würde – der Dignitas.

Die Gegenargumente sind vielfältig. Christiane Schreiber zum Beispiel, Rechtsanwältin in einer Kommission des Juristinnenbundes, die sich mit diesen Fragen beschäftigt, sagt, dass man „mit gutem Grund Angst vor Missbrauch“ haben könne. Auch in den Niederlanden habe die juristische Klärung die Sterbehilfe nicht aus der Grauzone geholt. Jeder zweite Fall werde von den Ärzten nicht gemeldet. Jeder dritte Patient wurde getötet, weil die Angehörigen sein Leiden nicht mehr ertragen konnten.

Ein anderer Einwand gegen Dignitas lautet: Statt sich um Suizidhilfe zu kümmern, sollte man lieber mehr Klinikbetten für wirksame Schmerztherapie schaffen. Das sieht Arnold genauso. Er glaubt aber nicht, dass irgendwann ausreichend Klinikbetten zur Verfügung stehen. „Das ist einfach zu teuer.“ Und den einen wirksame Schmerztherapien anzubieten, den anderen aber nicht einmal das Recht, das Leben mit ärztlicher Hilfe selbst zu beenden, findet er zynisch.

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