Zeitung Heute : Was wohl wird

Die Angst ist da. In Amerika heißt sie: Terror. In Europa heißt sie: USA

Malte Lehming[Washington]

Heute legt US-Präsident George W. Bush den Eid für seine zweite Amtszeit ab. Was kann das Misstrauen Europas beseitigen und der Furcht Amerikas entgegenkommen?

Die Angst geht um. Sie trägt einen Namen: Terror. Mit dem größten Sicherheitsprogramm aller Zeiten soll die zweite Amtseinführung von George W. Bush geschützt werden. Sie stellt an Aufwand alles in den Schatten, was nach den Anschlägen vom 11. September 2001 aufgeboten worden war. Der Höhepunkt der Inauguration ist der Amtseid, den Bush heute zur Mittagszeit vor dem Kapitol ablegt. Dann beginnt die Parade zum Weißen Haus. Etwa 500000 Besucher werden erwartet.

Amerikas Hauptstadt ist gerüstet wie für eine Schlacht. Der Luftraum über der Stadt ist abgeriegelt. 6000 Polizisten und 7000 Soldaten sind im Einsatz. Hundert Straßen entlang der Paraderoute werden abgesperrt. Auf den Dächern entlang der Strecke sind Scharfschützen postiert. Die Gäste jener Hotelzimmer, die einen Blick auf die Parade erlauben, werden gesondert kontrolliert. Schnüffelhunde suchen nach Sprengstoff. Die Speisen für die Candle-Light-Dinners werden auf Gift überprüft. Experten mit biochemischen Messgeräten laufen in Zivil herum. Alle kritischen Plätze und U-Bahnstationen werden per Videokamera überwacht.

Die Planung für das Ereignis begann vor acht Monaten. Hochsensible Technologie kommt zum Einsatz. Alle Daten laufen in einem futuristisch wirkenden Einsatzzentrum, 40 Kilometer vor Washington, zusammen. Der Secret Service hat das Oberkommando. Auf 3-D-Monitoren kann jeder Punkt beobachtet werden. Computerprogramme errechnen, für den Fall eines ABC-Angriffs, unter Einbeziehung von Windrichtung und -geschwindigkeit, den Verseuchungsverlauf. Das Groteske an diesen Maßnahmen: Es gibt keinerlei Indiz dafür, dass ein Angriff geplant ist. Die Terrorwarnstufe wurde nicht erhöht. Es ist reine Prophylaxe, die auf Spekulation und Sorge basiert. Und auf einer Erfahrung: „Nine-Eleven“.

Die Angst geht um. Sie trägt einen Namen: USA. In Europa meint eine Mehrheit der Menschen, die Wiederwahl von Bush habe die Welt unsicherer gemacht. Das Misstrauen ist erheblich. Manchmal reichen Gerüchte und Gefühle, damit das Misstrauen in Verdacht umschlägt. Das jüngste Beispiel ist die Furcht vor einem Irankrieg. Amerikanische Geheimkommandos sollen bereits Ziele in Iran erkunden, heißt es in einem Artikel des Magazins „New Yorker“. Die Alarmglocken läuten: Hat die Geschichte im Irak nicht ebenso begonnen? Man ist wild entschlossen, diesmal den Anfängen zu wehren.

Das Groteske daran: Die Hysterie basiert auf Spekulationen und Sorgen. Und auf einer Erfahrung: dem Irakkrieg. Diese US-Regierung hat enorm viel Vertrauen verspielt. Für einen Teil der Europäer ist das irreversibel. Bush könnte das Kyoto- Protokoll unterzeichnen, dem Internationalen Gerichtshof beitreten, das Militär auflösen und die Hälfte seines Budgets an Unicef überweisen: Es würde ihm nichts nützen. Sein Ansehen ist ruiniert.

Dabei versichert die US-Regierung ein ums andere Mal, dass ein Regimewechsel in Teheran nicht ansteht. Condoleezza Rice, die neue Außenministerin, hat dies bei ihren Bestätigungsanhörungen im Senat betont. Auch beim Thema Irak gab sie am Mittwoch Fehler zu:„Wir haben eine Menge Entscheidungen in dieser Zeit getroffen. Einige von ihnen waren gut, einige waren nicht gut und einige waren schlechte Entscheidungen, davon bin ich überzeugt“, sagte Rice. „Wir hatten nicht die Fähigkeiten, um einen solchen Wiederaufbau handhaben zu können.“

Das doppelte Misstrauen ist da. Gegen Fakten erscheint es resistent. Was ist zu tun? Europa muss lernen, die amerikanische Angst vor Terror zu akzeptieren. Und Amerika muss begreifen, dass Europas Angst vor neuen militärischen Abenteuern der USA schnell zu aktivieren ist. In einem Interview hat Bush vor kurzem gesagt, einige seiner flapsigen Bemerkungen bereue er. Dazu zählen sein „tot oder lebendig“ zu Osama bin Laden und seine Anfeuerungen der US-Truppen im Irak. Mindestens drei Mal will der US- Präsident 2005 nach Europa kommen. Soll die Versöhnung mit den Aliierten gelingen, wird er seine Worte wägen müssen. Gemessen sollte er an seinen Taten werden.

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