Zeitung Heute : Was wollen die bloß in Bagdad?

Trotz dringlichster Warnungen: In der irakischen Hauptstadt lebt immer noch eine kleine deutsche Gemeinde. Manche wollen auch hier bleiben, wenn Bomben fallen. Manche bereiten ihre Flucht vor. Angst haben alle.

Wolfgang Bauer[Bagdad]

Die Lippen werden rissig, die Haut ist zum Zerreißen gespannt, man sieht es beim Lachen. Wenn Andrea Hilger, 33, einmal nicht im Dauerlauf durch das Büro jagt, sich niedersetzt zum Reden, halten sich ihre Hände gegenseitig im Klammergriff. Heute morgen gab es wieder dieses Gerücht. Dass die Uno ihre Mitarbeiter abzieht. Unruhig fliegt ihr Blick zwischen den Wänden. „Ich sollte nicht mehr darauf hören. Hier bist du umzingelt von Gerüchten. Belagert.“ Sandsäcke verbarrikadieren das Bürofenster der Münchner Architektin. Bis zur Zimmerdecke haben sie sie geschichtet, den Himmel ganz ausgesperrt. Fensterscheiben können zu Messern werden, warnten sie irakische Mitarbeiter. Sie sirren durch die Luft und schneiden sich dir tief ins Fleisch.

Ohnehin von zerbrechlicher Statur hat Hilger noch einmal drei Kilo abgenommen. Sie raucht wieder Kette. Tippt fieberhaft E-Mails, telefoniert, checkt die Nachrichtenlage. Versucht, ihre kleine Hilfsorganisation APN auf das Undenkbare vorzubereiten. Sie weiß, ihr läuft die Zeit davon. Februartage in Bagdad. Der Himmel ist von einem unschuldigen Blau.

Das Chronometer der Gewalt. Sein Räderwerk kreiselt und surrt seit Monaten. Die 4.US-Infanteriedivision und kurdische Peschmergas warten im Norden auf Order, die 3.US-Infanteriedivision, Marines und britische Armee im Süden. 200000 Soldaten zieht die stärkste Militärmacht der Welt gegen Iraks Hauptstadt zusammen.

Saddam Hussein gräbt sich derweil mit seinen Truppen in mehreren Ringen immer tiefer um Bagdad ein. Aus den Kasernen ziehen die Soldaten in Wohnblöcke. Manchmal sieht man sie auf Balkonen, über die Geländer gebeugt, zigarettenrauchend. Unauffällig, von Wällen aus Sandsäcken umgeben, ragen doppelläufige Flugabwehrgeschütze auf den Dächern empor. Niemand kann die Widerstandskraft der irakischen Armee einschätzen. Es drohen Belagerung, Straßenkämpfe, Hungersnot. In dieser Metropole im Fadenkreuz lebt immer noch, trotz allem, entgegen dringlichster Warnungen, eine kleine deutsche Gemeinde. „Mein Vater in München“, sagt Andrea Hilger, „hat eine wahnsinnige Angst. Ich bin sein einziges Kind.“

Die Stadt als Falle

Wasserkanister stapeln sich im Hinterzimmer, Lebensmittelpakete, die fünf Menschen zwei Monate lang am Leben halten. Für den Fall, dass der amerikanische Angriff schneller kommt, als Hilger reagieren kann, dass die Anliegerstaaten ihre Grenzen schließen. Und die 33-Jährige in Bagdad in der Falle sitzt. Aus diesem guten Grund haben die meisten der insgesamt 40 deutschen Bewohner die Stadt bereits verlassen. Die Firmenfilialen, mit Ausnahme der Interessensvertretung von Mercedes, sind geschlossen. Hilger bleibt – solange sie arbeiten kann.

„Ich könnte jetzt loslegen. Sofort. Heute. Gestern.“ Vor anderthalb Jahren zog sie mit ihrem Mann Alexander Christoph in den Irak. Ihre gemeinsam gegründete Hilfsorganisation „Architects for people in need“ plant im Norden des Landes, am Euphrat, die Sanierung der Wasseraufbereitung eines 20000-Einwohner-Ortes. In zwölf Jahren Embargo verrotteten dort die Filteranlagen. Die Ersatzteile ließen sich auch militärisch nutzen, fürchtete das zuständige UN-Komitee. Im Ort brachen Typhus aus, Cholera, Durchfallerkrankungen. Nach Monaten der Vorbereitung könnte Hilger jetzt beginnen. „Alles ist so weit. Die Arbeiter stehen bereit. Lasst mich endlich anfangen. Verfluchte Krise."

Die Stadt ersehnt den Morgen nicht. Benommen liegt sie nach Sonnenaufgang da. Auf unbelebten Straßen fährt Andrea Hilger um 7 Uhr 30 in Richtung Saddam City, dem Schiitenviertel, wo die Ärmsten wohnen. Träge wälzt sich der Tigris unter Bagdads Brücken. Hunde mit grau verfilztem Fell stromern auf den Bürgersteigen. Autos, diese Ruinen aus Rost und Baustellendraht, begegnet Hilger nur vereinzelt. Ungewöhnlich spät für eine arabische Metropole kommt das Leben hier zu sich.

Die Deutsche hat ihre Kriegsvorkehrungen unterbrochen und versucht ein normales Arbeitsprogramm. In das Dorf im Norden kann sie nicht, die Iraker zögern wegen der Krise die Erteilung der Reisegenehmigung hinaus. Sie besichtigt stattdessen Krankenhäuser. Das Warten erträgt sie nicht. Die einst im Nahen Osten gerühmten irakischen Krankenhäuser verkamen in den vergangenen Jahren zu Sterbeanstalten. Unter dem Embargo ist die Gesundheitsversorgung praktisch zusammengebrochen. 1,5 Millionen Menschenleben haben die Folgen der Sanktionen nach Schätzungen der UN bislang gefordert. Hilger will, wenn es die Lage zulässt, ein Krankenhaus renovieren. Ihr Mann ist unterdessen nach München geflogen, um Spenden für Lebensmittel zu sammeln.

Jozas’ Schreien füllt den Raum. Die Wände sind schmutzig-grün, die Luft riecht nach aggressivem Reinigungsmittel. Frauen im schwarzen Tschador sitzen vor Brutkästen. Sie starren in die Lampen, als die Deutsche im Tross von Übersetzer und Ärzten eintritt. Das sechs Tage alte Bündel Hautfalten namens Jozas, der Kopf kaum größer als eine Faust, wird nur mit Glück überleben, denn die Temperaturanzeige des Brutkastens ist ausgefallen. Ersatz kommt nicht über die Grenze, klagen die Ärzte. Insgesamt scheint das Hospital jedoch in einem besseren Zustand als viele andere im Land. Kein Kandidat also für Hilgers Projekt. Zurück im Büro telefoniert sie mit Amman. In der jordanischen Hauptstadt mietet sie derzeit eine Wohnung an, noch ohne Wasser, ohne Telefon, schimpft sie. Im Kriegsfall wird sie sich dorthin zurückziehen.

Die Literaturwissenschaftlerin Stefanie Burckhart unterrichtet in einer Universität, in der die Türklinken von den Professoren nach Ende der Vorlesung abgeschraubt werden, damit sie Studenten nicht klauen. „Alle Kollegen sind ehemalige Studenten von mir. Die anderen sind ins Ausland oder gestorben.“ Seit 30 Jahren lebt die geborene Mainzerin in Bagdad, verheiratet mit einem irakischen Akademiker, den sie in den Vereinigten Staaten traf. Die 59-Jährige mit ihrem mädchenhaften Schalk ist abgehärmt, kein Gramm zu viel an ihr. Den Poncho, den sie anhat, trägt sie seit 30 Jahren. Sie fährt einen rostverbeulten Mercedes. Ihr Professorengehalt ist auf wenige Dollar zusammengeschnurrt. Den Mittelstand Iraks gibt es nicht mehr. In ihrem Haus in „Brain City“, einem Vorort für Akademiker, sind die Wände nackt, die Möbel aus den 70er Jahren abgewetzt, und auf dem Teppich brennt ein tragbarer Gasofen vor ihren Knien. Dennoch macht sie einen aufgeräumten Eindruck. Heute morgen hat sie endlich die große Ratte in der Küche geschnappt. „Sie liegt auf dem Kompost. Wollen Sie sie sehen?“

Die Professorin wird auf ihrem Sofa sitzen, wenn die Bomben fallen. Im letzten Krieg war dem Ehepaar der Almarija-Bunker in der Nähe ihrer Wohnung zugewiesen worden. „Angeblich war das ein sicherer Bunker. Ich fuhr hin und habe mir die Stahltür angeschaut. Ich bin niemals hinein gegangen.“ Sie wäre sonst tot. Der Schutzraum wurde am 13. Februar 1991 von zwei amerikanischen Bomben getroffen, die erste durchbrach die Decke, die zweite zerriss 325 Menschen, keiner überlebte.

Das Kriegsfahrrad hat sie vergangene Woche bekommen. „Hero“ ist in den Lenker gestanzt. Den Platten im Hinterrad will Burckharts Mann vor Kriegsbeginn noch reparieren. Im Kessel von Bagdad werden die Benzinreserven bald erschöpft sein. In der Stadt sind Fahrräder nahezu ausverkauft, Privilegierte wie Universitätsprofessoren kriegen sie zugeteilt. „Als ich 1991 im Poncho mit dem Rad herumfuhr, dachten die Iraker, ich sei ein abgeschossener alliierter Pilot. Für den gab es 20000 Dollar Kopfgeld. Ich musste ständig sehr laut auf Arabisch fluchen.“ Im September erst ist sie von einem längeren Deutschlandaufenthalt zurückgekehrt. In Freiburg und Karlsruhe leben ihre Kinder. „Ich konnte nicht bleiben. Ich habe im Irak so viele Freunde. Das Entsetzlichste wäre: Mir am Fernseher die Bombeneinschläge anzuschauen.“

Stefanie Burckhart lässt sich für diese Geschichte deshalb fotografieren, sagt sie, damit ihre Kinder in Deutschland noch ein letztes Foto von ihr haben. Sie sagt es wie im Scherz, aber ohne Ironie.

Offene Rechnungen

Der Krieg wird immer wahrscheinlicher, und das Leben in Bagdad geht seinen Gang. Die Geigenbögen streichen über die Saiten, die Klarinetten öffnen und schließen ihre Töpfe. Das irakische Sinfonieorchester probt für ein Konzert. Unter den Musikern sind Soldaten, junge, kurz geschorene Männer, die versunken Oboe spielen. Tagelöhner stehen mit Spaten am Straßenrand. Arbeitslose Halbwüchsige kicken an den Ufern des Tigris hohe Staubfahnen in den Himmel. In den Cafés setzen die Alten Dominosteine, wie sie es seit Urzeiten tun. Bagdads Kinos zeigen Hollywood-Klamotten. Die Zuschauer, ausschließlich Männer, onanieren bei Liebesszenen.

Moscheen und Kirchen sind gut besucht, viel besser als noch vor Jahren. In weißen Jeeps hasten UN-Waffeninspektoren über die Highways. Der Betreiber eines Festsaals klagt, von 30 Hochzeiten in diesem Monat seien nur drei nicht abgesagt. Vermögende leeren ihre Bankkonten, kaufen Grundstücke. Der Immobilienmarkt floriert. Die Menschen meiden die Krankenhäuser, ihre Angehörigen nehmen sie mit nach Hause. Sie glauben sie dort sicherer. Viele graben Brunnen in ihre Vorgärten, für den Fall, dass die Wasserversorgung zusammenbricht. Russische Kalaschnikows der originalen Baureihe kosten im Schwarzhandel 60 Dollar, rumänische Lizenzprodukte gibt es schon für 20. Die Bagdadis bewaffnen sich. Die Amerikaner machen ihnen nicht die größten Sorgen. Am meisten fürchten sie den Bürgerkrieg. Und der wird kommen, ist die Mehrheit überzeugt, denn viele Rechnungen sind in Bagdad offen.

Zu Tausenden fliegen die Köpfe der schrecklichen Orks von den Rümpfen, silberne Schwerter säbeln, schwarzes Blut fließt. Die Töchter von Ulrike Al Fellah (Name geändert) wenden sich angeödet ab. „Der Herr der Ringe“, zweiter Teil, läuft im irakischen Fernsehen. In einer Raubkopie. „Langweilig“, sagen sie. Ihre Mutter ist vor 20 Jahren aus Puttbus/Rügen an den Tigris gekommen, der Liebe wegen natürlich, nach bestandenem Studium der sozialistischen Politökonomie. Die Diktatur der DDR tauschte sie gegen die Diktatur des Saddam Hussein.

Ihr Mann ist Direktor einer neu gegründeten Wirtschaftshochschule. Er berät auch Teile der Regierung. Deshalb bittet er, seine Familie nicht zu fotografieren, auch seinen Namen zu ändern. „Sie wissen, warum. Die CIA-Agenten sind schon im Land.“ Auf 90 Quadratmetern einer Plattenbausiedlung im Zentrum wohnt die sechsköpfige Familie, vier Töchter schlafen in einen Raum, gegessen wird im Flur. Die meisten Nachbarn, allesamt höhere Beamte, seien schon aus der Stadt. So war es auch im letzten Krieg. Da hielten sie in ihrem Wohnblock als Letzte aus, alle anderen hatten die Stadt bereits verlassen. Nur die Al Fellahs blieben, weil der Mann als Funktionär zur Stadtverteidigung eingeteilt war. „Meine Zweitjüngste ist unser Sensibelchen, die schrie und weinte und hatte schreckliche Angst“, sagt die Mutter. Direkt hinter dem Haus, dort wo der Zivilflughafen liegt, loderte eine riesige Feuerwand. Reem heißt die Zweitjüngste. Das Mädchen ist 14 Jahre alt und hat kluge Augen.

Wenn um dich herum alles dunkel ist, überlegt Karin Al Rawe, kannst du kein Licht anmachen. Selbst, wenn es dir gelungen ist, einen der raren Notstromgeneratoren zu ergattern. Ist es bei den Nachbarn finster, solltest du es auch bei dir besser finster sein lassen. Sonst fällst du auf. Nicht zu empfehlen im Krieg. In einem Einfamilienhaus in besserer Gegend lebt die 61-jährige Berlinerin mit Sohn Samy und Mann Ghanai. Er arbeitet im Planungsministerium als Abteilungsleiter. Die Nerven der Kollegen lägen immer häufiger blank. Viele blieben zu Hause, meldeten sich krank. Klagen über Schlaflosigkeit und Magenprobleme. Die, die ins Büro kämen, würden unkonzentrierter. „Über das Thema Krieg sprechen wir im Betrieb nicht. Das ist tabu. Wir würden uns damit wahnsinnig machen.“ Karin Al Rawe hat den Krieg 1991 durchgestanden, jetzt kann sie nicht mehr. Einfach gesundheitlich, sagt sie. Sie fliegt zur Tochter nach Berlin. Ihr Mann will mit dem Sohn Zuflucht unter dem Treppenaufgang suchen. „Wir werden das schon schaffen.“ Ob sie sich jemals wieder sehen, wissen die Al Rawes nicht.

Ein Heer von Spitzeln

Unter den verwitterten Dächern, über die Saddam Hussein mit Heerscharen an Spitzeln wacht, wird viel erzählt, mehr als früher. Journalisten können sich frei in der Stadt bewegen. Immer noch aber ist in jedem Gespräch die Furcht, sich um Kopf und Kragen zu reden. Telefone werden abgehört. Hotelzimmer. Privathäuser. Viel wird erzählt und kann nicht geschrieben werden, weil sich sonst möglicherweise der Journalist ungewollt zum Henker macht.

Der Abschied von Bagdad fällt in diesen Tagen schwer. Der Händedruck beim Gehen ist anders als sonst, er dauert länger als in anderen Städten zu anderen Zeiten. Welche Menschen, denen man hier begegnet ist, gibt es bald nicht mehr? Ahmed, der Taxifahrer, der sich und seine Fahrgäste auf dem freigelegten Motorblock eines Mercedes transportiert? Tayama, die Frau mit den zauberhaftesten Brauen Bagdads? Walid, der unglücklich Verliebte, der seiner Angebeteten seit fünf Jahren in der Lokalzeitung anonyme Liebesgedichte schreibt? Er seufzt: „Die Liebe in Bagdad ist immer traurig.“

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