Zeitung Heute : Was wollen wir eigentlich?

Aus dem 1000-Fragen-Projekt der Aktion Mensch ist jetzt ein Buch geworden. Darin kommen die Hoffnungen, Wünsche und Ängste der Bürger zum Ausdruck

Roland Koch

EDITORIAL

Wer in den vergangenen Monaten das 1000-Fragen-Projekt der Aktion Mensch übersehen wollte, musste sich schon einige Mühe geben. Bundesweit, prangten Fragen wie „Gibt es bald nur noch Gen-ies?“ oder „Wohin Gen wir?“ von Plakaten an Straßenrändern. Die Botschaft war eindeutig: Die Plakatmacher wollten die Gentechnik ins öffentliche Bewusstsein bringen, mit all ihren Möglichkeiten, Problemen – und vor allem Fragen, die sie aufwirft.

Die Fragen aber waren nicht von Werbetextern erdacht. Es waren einige von tausenden, die monatelang übers Internet gesammelt wurden, und zwar von jedem Bürger, der sich dazu äußern wollte – Meinungssammlung per Mausklick. Insgesamt sind auf diese Weise mehr als 8000 Fragen sowie über 35 000 Kommentare zusammengekommen – und sie bieten einen Einblick in die Hoffnungen und Wünsche, in die Ängste und Vorstellungen, die die Menschen bei diesem Thema mit sich tragen.

Die Fragen sowie einige Kommentare und Diskussionen, die sich daran anschlossen, liegen jetzt als Buch vor. Das wird in wenigen Tagen an Vertreter von „Institutionen“ übergeben, die mit der Gendebatte zu tun haben: an den Bundestag, den Verband der Biotechnologie und den Nationalen Ethikrat etwa. Die Übergabe findet im Rahmen einer Veranstaltungswoche statt. Vom 18. bis 24. September wird Berlin zur „Stadt der 1000 Fragen“. Ein Symbol dafür, dass Fragen der Gentechnik und der Bioethik nicht nur Sache weniger „Berufsethiker“ sind, sondern alle Menschen angehen.

Anlässlich der Überreichung erscheint auch diese Beilage. In ihr werden wir vielen Fragen rund ums Thema Biotechnik und Bioethik nachgehen. Wir fragen, wer hinter dieser Aktion steckt und warum; welche Fragen gestellt wurden; was Wissenschaft heute kann und was sie überhaupt darf. Vertreter von Behinderten-Verbänden kommen zu Wort, Mitglieder des Nationalen Ethikrats und natürlich Journalisten, die die Debatte begleiten. Sie alle greifen Aspekte dieser schier unendlichen Thematik auf. Das kann naturgemäß nur ein kleiner Auszug aus einem Thema sein, das unsere Zukunft maßgeblich bestimmen wird, und diese Texte werden neue Fragen aufwerfen. Doch damit sind auch sie Teil des öffentlichen Diskurses – und führen ihn auf ihre Weise fort.

Noch steckt diese Wissenschaft und die entsprechende politische, ethische, rechtliche und gesellschaftliche Diskussion in den Kinderschuhen. Gerade einmal 50 Jahre ist es her, dass Francis Crick und James Watson verkündeten, sie hätten „das Geheimnis des Lebens“, die Struktur der DNS entschlüsselt – jenes Moleküls, das die Erbinformation aller Organismen trägt. Seither haben die Biowissenschaften beachtliche Fortschritte gemacht. Doch die Fragen, die sich Menschen seit Jahrtausenden über sich selbst stellen, sind geblieben. Ob wir jemals Antworten darauf finden, wer wir sind, was der Sinn unseres Lebens ist oder ob der Tod das Ende unserer Existenz bedeutet, scheint ungewiss – vorschnelle Antworten jedenfalls werden uns nicht weiterbringen.

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