Zeitung Heute : Was würdig ist

Seit Kleopatra beschäftigt es die Menschen: wer mit wem, wann und wo. Immer wurde auch über höchst Persönliches geredet – ist da alles erlaubt? Nicht alles Private ist politisch, nicht alles relevant. Und wenn ein Gerücht zum Bericht wird, ist die Grenze überschritten.

Robert von Rimscha

Zwei Männer ringen um das Bürgermeisteramt einer Metropole. Der junge Herausforderer kündigt an der besten Universität einen Vortrag an: „Große Kurtisanen im Wandel der Zeiten – von Kleopatra bis Toodles.“ Toodles – das war der Spitzname der Dame, mit der der Amtsinhaber angeblich ein Verhältnis hatte. Der Amtsinhaber gibt seinen Verzicht bekannt; der Herausforderer rückt ins Bürgermeisteramt nach. Das Ganze ist 90 Jahre her und begab sich in Boston. Der zum Verzicht gezwungene Bürgermeister war der Großvater von John F. Kennedy. Politik, Sex, Öffentlichkeit: ein unentwirrbares Knäuel, seit es politische Macht gibt, seit Öffentlichkeiten sich für ihre Mächtigen interessieren.

Wo beginnt die Privatsphäre eines Prominenten? Verspielt der das Recht, sein Intimleben hinter verschlossenen Jalousien zu führen, der selbst seine Partnerschaft nutzt und herzeigt? Welche Art von Berichterstattung ist legitim, wenn es um ein Thema geht, für das beides zugleich gilt: Die Grenze der Seriosität scheint immer schon überschritten, viele wollen Schlüpfriges nur mit äußerst spitzen Fingern angefasst sehen – gleichzeitig ist das Publikumsinteresse unleugbar.

Was war schlimmer: Dass Rudolf Scharping im Spätsommer 2001 Fotografen herbeirief, um sich und seine Gräfin Pilati beim Turteln im Pool ablichten zu lassen, während seine Soldaten auf den Balkan geschickt wurden – oder dass daraufhin eine Bewertung von Bundeswehrreform und anderen Politik- Feldern Scharpings nahezu unmöglich wurde, weil die Republik damit beschäftigt war, sich über den liebestollen Minister zu mokieren?

All die Untiefen im schwierigen Spannungsverhältnis zwischen Politiker- und Privatleben sind nun wieder aktuell, seit Gerhard Schröder sich vehement gegen Gerüchte über den Zustand seiner Ehe wehrt. Am 21. Januar steht der erste Gerichtstermin an. Zwei Regionalzeitungen hatten Widerspruch gegen einstweilige Verfügungen Schröders eingelegt. „Mir kommt das Kotzen“, soll der Kanzler nun laut „Bild“ gesagt haben: Er betrachte den Umgang mancher Medien mit seiner Privatsphäre als „unerträglich“. Die SPD bestätigt nur, der Kanzler sei kurz, in zwei oder drei Sätzen, bei der Wiesbadener Klausur auf die Lawine eingegangen. Ausgelöst hatte sie, zumindest aktuell, ein britisches Boulevardblatt. Die „WAZ“ druckte nach – und entschuldigte sich gestern. „WAZ bedauert Kanzler-Bericht“, so lautet die Schlagzeile: Was das Blatt getan habe, stelle „einen bedauerlichen Eingriff in das Persönlichkeitsrecht“ der Betroffenen dar. Außerdem bat die Chefredaktion Schröder und die namentlich genannte TV-Journalistin um Entschuldigung. Deren Agentur nannte die Berichte gegenüber AP „kompletten Unsinn“.

Eingeschaltet hat sich, wie berichtet, auch der höchste Repräsentant des Staates. Bundespräsident Johannes Rau benutzte einen Online-Chat, um kundzutun, es sei schon „ziemlich verheerend“, was da an „angeblichen Geschichten“ über Schröder verbreitet werde. Rau mahnte Respekt an. „Da gibt es Auswüchse, die mag ich nicht.“

Die Theorie ist vergleichsweise einfach. Sexualleben und Beziehungskisten von Politikern sind legitimes Material für die Berichterstattung, wenn einer von drei Fällen erfüllt ist. Erstens: Kriminelles. Zwang gegenüber Untergebenen; Minderjährigkeit, Kinderprostitution – kein Politiker, der sich dabei ertappen lässt, dass sein Intimleben diese Bereiche berührt, darf Schonung erwarten. Zweitens: Sicherheitsinteressen des Staates. Die westlichen Demokratien haben während des Kalten Krieges Fälle erlebt, in denen hohe Regierungsvertreter sich das Bett mit Frauen teilten, die hauptberuflich nach Moskau berichteten, was sie so erfuhren. Auch hier lässt sich die Öffentlichkeit kaum aussperren.

Der dritte Fall ist schon schwieriger. Besteht eine eklatante Diskrepanz zwischen dem, was ein Politiker öffentlich vertritt, und seiner privaten Lebensführung, so wird letztere zum legitimen Thema. Streitet beispielsweise ein Rechtskonservativer für die Strafbarkeit des Ehebruchs, muss er es sich schon gefallen lassen, eben diesen Maßstab an sich selbst anlegen zu lassen. Deutschland mit seiner vergleichsweise entspannten Moral erlebt hier weniger Skandale als Gesellschaften mit stärkeren puritanischen Traditionen.

Die Bundesrepublik hat ähnliche Fragen verhandelt, wenn es um das Thema Homosexualität und Politik ging. Die Affäre um den von Verteidigungsminister Wörner in der Frühphase der Kohl-Ära geschassten General Kießling, zehn Jahre später die Debatte um den sächsischen CDU-Spitzenpolitiker Heinz Eggert: Das waren zwei quälende Vorgänge.

Gerhard Schröder und Joschka Fischer sind beide in vierter Ehe verheiratet. Im Wahlkampf 2002 hat die Union sich lange gefragt, ob dies eine Angriffsfläche sein könnte. Edmund Stoiber hat sich schließlich auf die Formel zurückgezogen, er jedenfalls sei mächtig stolz, seit Jahrzehnten mit derselben Frau verheiratet zu sein, und derlei sei ja wohl nicht als minderwertig zu betrachten. Stoiber benutzte vor allem seine Töchter, um das Image des Familientraditionalisten abzulegen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Das war beim CSU-Vorsitzenden ein Thema, das selbst zu verkörpern ihm schwer fiel; der Nachwuchs sprang ein.

Schröder fing wesentlich früher an, sein Privatleben zu präsentieren. Sein Biograf Reinhard Urschel hat die 1984 geschlossene dritte Ehe mit „Hillu“ als „erste quasi-öffentliche Politikerehe in Deutschland“ gewertet. Und er hat geschrieben, der Kanzler sei „im Privaten ein Fluchtmensch“, die Richtung sei indes die „Flucht nach vorn“. Pro neue Lebensphase gebe es eine neue Ehegattin.

Wenn Rau und Schröder nun den mangelnden Respekt der Medien vor der Privatsphäre der Politiker rügen, dann schimpfen sie auf Geister, die – jenseits der Tagespolitik – die Linke selbst rief. Denn es war eine reformerisch gedachte These aus den späten 60er und 70er Jahren, dass es da etwas gäbe, das ebenbürtig neben Sachpolitik stehen solle: das Private. Das Postulat, dass das Intime öffentlich sei und eine Spaltung des politischen Menschen in den öffentlichen und den privaten eine künstliche, hat so sehr zum Senken der Hemmschwellen beigetragen wie das starke Anwachsen der Bildmedien und Tratsch-Magazine. Foto: imago

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