Zeitung Heute : waschecht

Vor 50 Jahren fand in Kassel die erste Documenta statt – seitdem machten die bisher elf Kunstausstellungen die Stadt weltweit bekannt. Was nun im Jubliäumstrubel völlig untergeht: Kassel ist Europas Waschbärenmetropole.

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Text: Katja Michel Fotos: Ingo Bartussek Es war tief in der Nacht, die Frau allein zu Hause, als sie ein lautes Poltern weckte. „Einbrecher!“, war ihr erster Gedanke. Aber welcher Dieb würde einen solchen Lärm veranstalten? Also riskierte sie es, ging nachsehen. Aus der Küchentür kam ihr das Tier entgegen, verschwand blitzschnell durch die Katzenklappe nach draußen. Es war ungefähr so groß wie eine Katze, hatte einen gestreiften, buschigen Schwanz und eine dunkle Gesichtsmaske. Der Kühlschrank stand offen, und der Eindringling war gründlich gewesen: Käse, Salami, Schinken, alles weg.

Die Beschreibung war eindeutig: Procyon lotor, ein Waschbär. Ungewöhnlich, dass der nachtaktive Jäger bis in die Küche vordringt – selbst in Harleshausen, einem Stadtteil im Westen Kassels. Im Garten, im Schuppen oder unter dem Dach ist ein Waschbär dort allerdings ganz normal. Schließlich leben in diesem Gebiet auf einem Quadratkilometer fast 50 erwachsene Waschbären. Im Sommer, wenn die Tiere ihre Jungen haben, sind es sogar 100. Das ist eine Waschbärendichte, wie es sie sonst nur in nordamerikanischen Städten gibt. Zwar hat sich die Art inzwischen über Mitteldeutschland ausgebreitet, wurden Exemplare in Berlin und Brandenburg, in den Beneluxstaaten, Frankreich, der Schweiz, Österreich, Tschechien und Dänemark gesichtet. Aber nirgendwo sonst leben sie in so großer Zahl auf so kleinem Raum wie in Nordhessen. Kassel ist die Waschbärenhauptstadt Europas.

Angefangen hat alles mit zwei Waschbärenpärchen, die der Leiter eines Forstamtes 1934 am Edersee aussetzte, rund 40 Kilometer von Kassel entfernt. Waschbären waren damals wegen ihrer Pelze eine beliebte Jagdbeute. Ob es nun darum ging oder ob mit den ursprünglich aus Amerika stammenden Tieren die deutsche Fauna bereichert werden sollte, ist nicht bekannt. Und welche Folgen seine Aktion haben würde, war dem Forstamtsleiter sicher auch nicht klar. Die Waschbären nämlich fanden am Edersee einen idealen Lebensraum: viel Wasser und einen Wald voller alter, hohler Eichen, in denen die Tiere schlafend ihre Tage verbringen.

Die Waschbären breiteten sich langsam immer weiter aus, bis sie eines Tages ins Kassler Stadtgebiet vordrangen. In den 60er Jahren wurden sie nur vereinzelt, in den 80ern und 90ern immer häufiger in Wohngebieten gesichtet. Heute gehören sie zumindest im Westen von Kassel fast schon ins nächtliche Stadtbild.

Hier, in den Vierteln Harleshausen und Kirchditmold, die direkt an den Habichtswald grenzen, erforschten der Biologe Bernd Hohmann und seine Kollegen in den Jahren 2001 und 2002 die Verstädterung des Waschbären. Die Wissenschaftler fingen und markierten über 100 Tiere, 17 legten sie einen Halsbandsender um. Nach der Auswertung ihrer Daten kannten sie die ungefähre Zahl der Waschbären im Kassler Westen, wussten, wo die Bären schlafen und ihre Jungen aufziehen, wo einzelne Tiere nach Futter suchen und welche Wege sie zurücklegen.

Die Stadtteile Harleshausen und Kirchditmold gehören zu Kassels teureren Wohngegenden. Lehrer, Ärzte, Professoren leben hier. Einfamilienhäuser und alte Villen stehen in großen, gepflegten Gärten voller alter Bäume. Ein Paradies für Waschbären, wie die Forscher herausfanden: Schlaf- und Wurfplätze gibt es auf Dachböden, in Kaminschächten sowie in den Bäumen in Hülle und Fülle, Nahrung findet sich in Mülltonnen, auf Komposthaufen und an Obstbäumen im Überfluss. Weshalb hier sehr viel mehr Waschbären leben als außerhalb der Stadt.

Waschbären sind Allesfresser. So auch der Küchendieb aus Harleshausen. Er kam über Wochen fast jede Nacht durch die Katzenklappe, räumte den Kühlschrank aus oder fraß, was auf dem Tisch stand. Am Anfang fanden die unfreiwilligen Gastgeber das Tier noch niedlich, wie es so lieb aus seinen dunklen Knopfaugen blickte. Bald registrierten sie, dass es gar nicht immer derselbe war, sondern dass sich insgesamt drei Tiere nachts in der Küche bedienten. Trotzdem fand der Hausherr es noch komisch, als er einenWaschbären im Küchenschrank beim Kekseklauen erwischte. Nachdem die Hausbewohner wegen des Lärms wochenlang nicht mehr richtig schlafen konnten, ein Waschbär den erbeuteten Schafskäse auf dem Küchenboden verschmiert hatte, ein anderer im Garten eine der Hauskatzen biss, wurde das Ganze zu einem Fall für Franz Becker.

Becker ist Inhaber eines Kassler Forstbetriebes, Jäger und spezialisiert auf Waschbären. Er lockte den Eindringling mit einem Stück Kuchen in die Falle. Dann brachte er den Bären in den Wald und tötete ihn. Nicht immer fällt die Lösung derart drastisch aus. „Das Tier zu fangen und zu töten, ist immer die letzte aller Möglichkeiten“, sagt Becker. Der Biologe Hohmann hält das lediglich in Einzelfällen für sinnvoll: „Waschbären sind gesellig, wenn man einen tötet, sind an derselben Stelle meist noch viele andere übrig.“

Nur einige Straßen weiter hatte eine Fähe – also ein Waschbärenweibchen – die Kinderstube für ihre vier Jungen unter dem Dach eines Wohnhauses eingerichtet. Hineingekommen war sie durch den Schornstein. Über Wochen machten die fünf Bären fast jede Nacht so einen Lärm, „dass es sich anhörte, als ob 20 Leute durchs Haus liefen“, erzählt eine Bewohnerin. Auf dem Dachboden habe es gerochen „wie im Zoo“. Eine Dachdeckerfirma öffnete schließlich das Dach, die Jungen wurden hinuntergeholt, die Fähe folgte und suchte ihren Kindern ein neues Waschbärenzuhause.

Auch hier kam Frank Becker zum Einsatz. Er montierte Metallverkleidungen um die Fallrohre am Haus, jeweils rund einen Meter lang. Der Weg für die Tiere aufs Dach war damit versperrt. Die Fähe und ihre Jungen allerdings hatten schon vorher Zeit genug gehabt, gewaltiges Unheil anzurichten. Fotos zeigen, wie die Dämmwolle in Fetzen von der Dachschräge hängt, 12000 Euro hat die Reparatur gekostet.

Wer einmal einen Schaden durch Waschbären erlitten hat, findet die Tiere nicht mehr niedlich. „Da treffen Welten aufeinander“, erzählt Becker. Und die wohnten oft sogar im gleichen Haus: „Die im Erdgeschoss sehen nur ab und zu mal ein süßes Waschbärchen im Garten und füttern es am besten noch, die oben können nachts wegen der randalierenden Tiere unterm Dach nicht schlafen.“

Andere fürchten sich gar vor Ansteckung. Tatsächlich sind drei Viertel der Kassler Waschbären mit einem Spulwurm infiziert, der auch auf Menschen übertragbar ist. Eine Infektion kann lebensgefährlich sein. Dazu müssen allerdings die Larven des Spulwurms, die sich im Kot der Waschbären befinden, vom Menschen aufgenommen werden – und zwar in größeren Mengen. Aus Kassel ist bisher kein Fall bekannt, in dem sich jemand mit dem Spulwurm infiziert hat.

Procyon lotor wird aus Kassel nicht wieder verschwinden. Ihn in größerem Maß zu jagen, ist wenig sinnvoll. Denn Verluste kann die Population innerhalb eines Jahres ausgleichen: Je mehr Waschbären getötet werden, desto mehr Jungtiere kommen dafür zur Welt. Die Kasseler werden also auch in Zukunft mit ihren Waschbären auskommen müssen. Um das für beide Seiten möglichst friedlich zu gestalten, scheint es langfristig das Sinnvollste, die Häuser „waschbärensicher“ zu machen. Vor allem der Weg zum Dach muss versperrt werden. Außer Fallrohren sind für die Tiere auch nah am Haus stehende Bäume eine geeignete Kletterhilfe. Wenn Frank Becker mit der Waschbärenabwehr beauftragt wird, schneidet er die Äste deshalb möglichst weit zurück.

Doch an vielen Häusern gibt es noch eine Menge anderer Dinge, die den Tieren Hilfestellung bieten: Terrassendächer oder eine Pergola zum Beispiel. Manchmal ist es deswegen unmöglich, alle Wege zu versperren. Dann montiert Becker einen Elektrozaun an die Regenrinne, der den Kletterer abschrecken soll.

Und so sind Blechverkleidungen an Rohren, Elektrozäune auf Dächern oder Spanngummis um die Mülltonnen im Kassler Westen ein alltäglicher Anblick. Ein Anblick, an den man sich wahrscheinlich auch in anderen deutschen Städten wird gewöhnen müssen. Denn dass die Tiere in Europa irgendwann jeden für sie geeigneten Lebensraum besiedelt haben, gilt als sicher. Nur wann das sein wird, ist noch unklar. „Es scheint sehr lange zu dauern, bis sich etablierte Waschbärenpopulationen entwickeln“, sagt Biologe Hohmann. Denkbar wären sogar mehrere hundert Jahre.

Kassel hat also alle Aussichten, vorerst die Waschbärenhauptstadt Europas zu bleiben.

Die Bilder zeigen Kasseler Waschbärwaisen, die der Fotograf aufgezogen hat.

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