Wassermangel als Sicherheitsrisiko : Wasser Konflikt Lösungen

Trinkwasser sicher zu halten ist eine der großen Zukunftsaufgaben. In vielen Teilen der Welt wird um die Ressource gestritten - und mancher Krieg hat auch mit dem Mangel an Wasser zu tun.

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Ein Staudamm aus Sand. Diese Kenianer im trockenen Norden des Landes versuchen, Regenwasser besser zu halten, damit sie in der Trockenzeit versorgt sind.
Ein Staudamm aus Sand. Diese Kenianer im trockenen Norden des Landes versuchen, Regenwasser besser zu halten, damit sie in der...Foto: iStock

Die Berliner müssen dem Moderlieschen dankbar sein. In drei Berliner Wasserwerken tun die knapp zehn Zentimeter langen karpfenartigen Fische seit sechs Jahren klaglos ihren Dienst. In den Wasserwerken Tegel, Friedrichshagen und Beelitzhof arbeiten Moderlieschen (Leucaspius delineatus) als Bioindikatoren. Das heißt: Die Moderlieschen schwimmen in einem Fischtank herum und werden wie bei „Big Brother“ ständig von Kameras verfolgt. Wenn die Moderlieschen etwas höher oder tiefer geschwommen wären, als es ihrem normalen Verhalten entspricht, hätten die Kameras einen Online-Alarm ausgelöst und die Trinkwasserversorgung aus dem entsprechenden Werk sofort unterbrochen. Die Moderlieschen helfen also, das Trinkwasser für die Berliner sicher zu machen. Wäre je ein Terrorist auf den Gedanken verfallen, die Wasserversorgung angreifen zu wollen, oder wäre in einer Fabrik ein Unfall passiert und das wäre bei der chemischen Analyse des Trinkwassers nicht sofort festgestellt worden, dann wären die Moderlieschen die Lebensversicherung für die Berliner gewesen. Seit 2008 schwimmen die Moderlieschen nun schon in den Fischtanks herum. Aber nie mussten sie ihre Aufgabe als Frühwarnsystem tatsächlich erfüllen. Die Berliner Wasserwerke hatten alles im Griff, sagt Sprecher Stephan Natz.

Bis Ende 2014 hat der Tierschutzbeauftragte des Senats den Einsatz der Moderlieschen als „Tierversuch“ bewilligt. Deshalb haben die Wasserwerke seit 2008 an einer alternativen Frühwarnmethode geforscht. Ein Versuch waren Leuchtbakterien, die das Berliner Wasser in Zukunft als Frühwarnsystem beschützen sollten. Doch die werden die Moderlieschen wohl nicht so schnell ablösen. Die Wasserwerke haben ihre Genehmigung, die Moderlieschen für die Berliner schwimmen zu lassen, bis Ende 2017 verlängern lassen. „Aber wir arbeiten ihre Nachfolger schon sein“, berichtet die Sprecherin der Wasserwerke, Astrid Hackenesch-Rump. Die Nachfolger sind Flusskrebschen, die als wirbellose Tiere nicht unter die Tierschutzverordnung fallen. „Sie verfügen zwar nicht über ein Nervensystem, verhalten sich aber, als hätten sie eins“, sagt Hackenesch-Rump. Die kleinen Krebschen verhalten sich demnach fast genauso wie die Moderlieschen. In den Wasserwerken Friedrichshagen und Beelitzhof sind sie bereits parallel zu den Moderlieschen im Einsatz. Auch sie verändern ihre Position, wenn sie die Wasserqualität auch nur minimal verändert. Und wenn sie das tun, „quietschen“ sie. Sollten sie das jemals tun, würde ebenfalls die Wasserversorgung gestoppt, bis geklärt wäre, was die Veränderung der Wasserqualität ausgelöst hat.

Angst vor dem Stromausfall

Doch die Angst vor Bioterrorismus ist nicht das einzige Risiko für die Wasserversorgung in Berlin oder anderen Großstädten. Ein Stromausfall könnte die Wasserhähne der Berliner genauso schnell trocken werden lassen. Damit das im Falle eines Black-outs nicht passiert, dafür ist das Kompetenzzentrum Kritische Infrastrukturen verantwortlich. Die Tochterfirma der Berliner Netzgesellschaft hat sich darauf spezialisiert, Risikoanalysen für „kritische Infrastrukturen“, also die Wasserversorgung, die Strom- und Gasnetze, die öffentliche Beleuchtung, aber auch die Verkehrsleitsysteme zu erarbeiten und dann mit den betroffenen Betreibern Notfallpläne zu entwerfen. Zudem betreibt das KKI die zentrale Notfallzentrale in Berlin, die im Jahr rund 45 000 telefonische Notfallmeldungen bearbeitet. Zudem bildet das KKI Fachleute aus, die Notfallmanagement betreiben sollen.

Bund, Länder und Kommunen haben alle Zuständigkeiten, wenn es um den Schutz der Bevölkerung geht. Im aktuellen Bericht der Bundesregierung zum Bevölkerungsschutz, den sie einen Tag vor Weihnachten veröffentlicht hat, hat ein Wasserthema die Hauptrolle gespielt. Es ging darum, wie die Küstenregionen vor Sturmfluten geschützt sind und wie vorbereitet der dortige Katastropheschutz auf solche Ereignisse ist. Anhand von plausiblen Risikoszenarien, in diesem Fall eine Sturmflut an der Deutschen Bucht als Folge eines Wintersturms, untersuchte das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) federführend, wie gut die Behörden auf einen solchen Notfall vorbereitet sind. Aber nicht nur Sturmfluten, auch Hochwasser ist ein Risiko, auf das sich Behörden fast im ganzen Land vorbereiten müssen. Nach der Elbeflut 2002 ist eine Vielzahl von Reformen umgesetzt worden, weil sich bei dieser Katastrophe alle Schwächen des Bevölkerungsschutzes in einem solchen Notfall zeigten.

Staudämme sind zwischen Nachbarn umstritten

Nicht nur als Kühlwasser für Atom- oder Kohlekraftwerke spielt Wasser eine Hauptrolle in der Energieversorgung der Welt. Wasserkraft ist auch die bisher bedeutendste erneuerbare Energie. Auch in Deutschland stand am Beginn der Elektrifizierung die Wasserkraft. Die großen Wasserwerke am Oberrhein bildeten die Basis für den Siegeszug des Stroms als Antriebsenergie für Motoren aller Art.

Doch Wasserkraftwerke sind auch eine Quelle erheblicher politischer Risiken. Äthiopien beispielsweise löst derzeit erhebliche Konflikte aus, weil das Land bereits mehrere Staudämme zur Stromproduktion gebaut hat und weitere plant, die in den Nachbarländern nicht so gut ankommen. Äthiopien sieht seine Zukunft im Stromexport. Deshalb hat das Land vor Jahren damit begonnen, Staudämme am Blauen Nil zu bauen, einem der beiden Hauptzuflüsse des Nils. Der Blaue Nil führt viel mehr Wasser in den Nil als der Weiße Nil, der aus dem Viktoriasee und einer Vielzahl kleinerer Flüsse in Ost-Zentralafrika gespeist wird. Äthiopien argumentiert deshalb auch, dass eigentlich genug Wasser da wäre, schließlich fließe 86 Prozent des Nilwassers aus Äthiopien in das Flusssystem. Aber im Nil-Einzugsgebiet gibt es einen Wasserteilungsvertrag zwischen Ägypten und dem Sudan aus dem Jahr 1929, der noch von den Briten als Kolonialmacht ausgehandelt worden ist. Der Vertrag gibt Ägypten und dem Sudan Zugriff auf nahezu die gesamte Wassermenge des Nils.

Die Nil-Anrainerstaaten sind mit den alten Verträgen unzufrieden

Um den Konflikt zu entschärfen, haben die zehn Nil-Anrainerstaaten die Nile Basin Initiative (NBI) gegründet, die zwischen 1999 und 2010 erfolglos versucht hat, ein neues Abkommen über die Teilung der Wassermassen des Nils auszuhandeln. 2012 haben die Nil-Anrainer mit Ausnahme Ägyptens eine Vereinbarung getroffen. Doch weil Ägypten sie ablehnt, ist sie faktisch wirkungslos. Äthiopien wiederum fühlt sich an die alten Verträge nicht mehr gebunden und wirbt seit einigen Jahren – auch in der Diaspora, also bei Exiläthiopiern aus aller Welt – Mittel für den Bau des sogenannten Millennium-Damms ein, wo ein großes Wasserkraftwerk mit einer Kapazität von 5250 Megawatt entstehen soll. Inzwischen firmiert das Projekt übrigens unter dem Namen „Große Äthiopische Renaissance Talsperre“.

Äthiopien baut am Blauen Nil mehrere Staudämme. Das kommt weiter unten am Nil in Ägypten nicht gut an.
Äthiopien baut am Blauen Nil mehrere Staudämme. Das kommt weiter unten am Nil in Ägypten nicht gut an.Foto: Carola Frentzen/Picture-Alliance/dpa

Die äthiopische Botschaft in Berlin hat der deutschen Diaspora ziemlich unmissverständlich schriftlich klargemacht, dass sie einen Beitrag zu leisten hat. Verbunden war diese Aufforderung mit leisen Drohungen. Dazu passt auch, dass Deutsch-Äthiopier vor ein paar Monaten in die Botschaft geladen wurden. Dort sollten sie Informationen über das Projekt bekommen, wurden zunächst in einen Konferenzsaal geführt, aber niemand kam. Dann wurden sie aus der Botschaft hinausgeworfen und draußen von der Polizei in Empfang genommen. Äthiopische Renaissance eben. Der äthiopische Botschafter, Fesseha Asgedom, bestritt bei einem Redaktionsbesuch im Tagesspiegel, dass seine Regierung Druck auf die Diaspora ausübe, in das umstrittene Projekt zu investieren. Der Damm ist jedenfalls bereits im Bau. Ägypten protestiert. Doch mit einem bewaffneten Konflikt rechnet der Botschafter nicht.

Äthiopien hat Ärger mit Ägypten und in Kenia

Äthiopien hat aber nicht nur mit dem großen Nachbarn im Norden Ärger wegen der Wasserkraft. Das Land hat auch Ärger im Süden. Zwar hat die Regierung in Addis Abeba mit der kenianischen Regierung einen Stromliefervertrag geschlossen. Doch im Norden Kenias rund um den Turkana-See gibt es massive Proteste gegen den geplanten Staudamm am Omo-River, der den Wüstensee mit Wasser versorgt. Auch auf äthiopischer Seite gibt es Proteste, weil die Ureinwohner, die Omo, wegen des Damms vertrieben werden. In Kenia wiederum fürchten die Fischer rund um den See, ihre Lebensgrundlage zu verlieren. Im Kampf gegen den Omo-Damm können sich die lokalen Aktivisten auf einen großen Verbündeten berufen. Der Gründer der kenianischen Naturschutzbehörde, Kenyan Wildlife Service (KWS), Richard Leakey, hält den Omo-Damm für eine ökologische Katastrophe. Auf äthiopischer wie auf kenianischer Regierungsseite ist bisher jedoch keinerlei Entgegenkommen gegenüber den protestierenden Ureinwohnern und Bewohnern der kenianischen Turkana-Provinz zu vermelden.

Mit der Sowjetunion ging der Wasserdeal unter

Auch in Zentralasien hat sich eine Lösung des Wasserproblems als großer multilateraler Vertrag als bisher unmöglich erwiesen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion löste sich auch das bewährte Ressourcen-Teilungssystem auf. Bis 1991 lieferten Kirgistan und Tadschikistan im Sommer Wasser nach Kasachstan, Turkmenistan und Usbekistan. Die drei Länder revanchierten sich mit Gas-, Strom- und Kohlenlieferungen im Winter. Ende der 1990er Jahre brach diese Vereinbarung endgültig zusammen. Seither versucht die Europäische Union gemeinsam mit Russland und den USA, den Gesprächsfaden zwischen den Ländern in Gang zu halten und an einer Lösung der Wasserprobleme zu arbeiten. Ohne großen Erfolg, wie die International Crisis Group in einem aktuellen Bericht feststellt.

In Zentralasien ist der Wassermangel seit Jahren ein Grund für Spannungen zwischen den ehemaligen Sowjetrepubliken.
In Zentralasien ist der Wassermangel seit Jahren ein Grund für Spannungen zwischen den ehemaligen Sowjetrepubliken.Foto: picture-alliance/dpa

Das hat viele Gründe. Einer ist die miese Stimmung, die seit Jahren zwischen dem tadschikischen Präsidenten Emomali Rahmon und dem usbekischen Präsidenten Islam Karimow herrscht. Tatsächlich sitzen Kirgistan und Tadschikistan aber am längeren Hebel. Sie sitzen an der Quelle. Sie sind die Oberlieger der großen Flüsse Syr Darya und Amu Darya, die im Pamir-Gebirge entspringen. Derweil ist in Kirgistan, Tadschikistan und Usbekistan die Bevölkerung um rund zehn Millionen Menschen deutlich gewachsen – und damit der Bedarf an Wasser. Das Land ist übernutzt, die Bewässerungssysteme wenig effektiv, und die Korruption tut ihr Übriges, um den Wasserbedarf extrem zu steigern.

Die International Crisis Group sieht den Wassermangel als Hauptursache für sich mehrende Grenzkonflikte und einen wachsenden Nationalismus in den einzelnen Ländern. Die Autoren der Studie raten deshalb dazu, über mehrere bilaterale Verträge zu versuchen, einer Lösung der Wasserkonflikte in Zentralasien näherzukommen. Zudem rät der Thinktank dazu, auch die Energieversorgung in die Verhandlungen zu integrieren, also letztlich zu einem in der Sowjetunion bereits gepflegten Austausch von Ressourcen zurückzukehren.

Im Nahen Osten wird auch um Wasser gekämpft

Die Region mit den offensichtlichsten Wasserkonflikten ist der Nahe Osten. Schon der klassische Nahostkonflikt zwischen Israel und Palästina drehte sich immer auch um die Verteilung der knappen Wasserressourcen. Israel verlangte in den Friedensverhandlungen 1949 die Kontrolle über den See Genezareth und den Jordanfluss. Als Israel Anfang der 1960er Jahre plante, Wasser aus dem See in die Negev-Wüste zu leiten, um sie zu bewässern und dort Landwirtschaft zu betreiben, antwortete die arabische Seite mit dem Plan, am Oberlauf des Jordans Wasser aus dem Flusssystem zu leiten. Das sollte eine der Ursachen für den Sechstagekrieg 1967 werden.

Der Jordanfluss ist eine Konfliktquelle, aber auch ein Grund zur Zusammenarbeit zwischen Palästinensern und Israelis. Auch der Papst hat den Fluss schon besucht.
Der Jordanfluss ist eine Konfliktquelle, aber auch ein Grund zur Zusammenarbeit zwischen Palästinensern und Israelis. Auch der...Foto: picture-alliance/dpa

Andererseits zeigt das Beispiel Israel auch, dass Wasserkonflikte durchaus auch eine friedensstiftende Wirkung entfalten können. Denn 1994 haben Israel und Jordanien einen Wassermanagement-Vertrag über den Jordanfluss geschlossen. Dieser Vertrag hat sämtliche Intifadas und Gazakriege überstanden. In der Flussgebietskommission arbeiten Israelis und Palästinenser bis heute zusammen – womöglich ist das sogar das letzte Feld von Kooperation.

Effiziente Bewässerung könnte helfen

Nicht nur wegen des Klimawandels, sondern auch wegen des wachsenden Nahrungsmittelbedarfs der Welt werden die Wasserkonflikte zunehmen. Rund 70 Prozent des verfügbaren Süßwassers werden für die Bewässerung in der Landwirtschaft verbraucht. In vielen Ländern – ganz besonders im Nahen Osten – werden die Untergrundwasserspeicher in einem Tempo geleert, in dem sie nie wieder gefüllt werden können. Wer Wasserkonflikte entschärfen will, muss also in die Modernisierung von Bewässerungssystemen und in den Aufbau neuer, effizienter Tröpfchenbewässerung investieren. Mit einfachen Sanddämmen lässt sich beispielsweise Regenwasser länger halten. So sehen die Lösungen aus.

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