Zeitung Heute : Wasserstoff kann den Planeten retten

Die Menschheit steht jetzt am Scheideweg zu ihrer eigenen evolutionären Zukunft

Jeremy Rifkin

Im langen Lauf der Evolutionsgeschichte wird jede Spezies auf der Erde mit einschneidenden Momenten konfrontiert, in denen sie sich entweder weiterentwickeln muss, um sich Umweltveränderungen anzupassen, die ihren Fortbestand gefährden, oder aber mit der Perspektive auf Aussterben konfrontiert ist. Bei den meisten Lebewesen diktiert im allgemeinen die Zufälligkeit der natürlichen Selektion das Überleben. Bei manchen Spezies, die mit höher entwickeltem Bewusstsein ausgestattet sind – darunter Säugetiere, einige Vögel und Wassertiere –, spielen bei der Anpassung an neue Umstände in begrenztem Maße Wahlmöglichkeiten eine Rolle.

Wir Menschen sind jedoch einzigartig unter den Millionen Spezies auf der Erde, denn wir können vorausplanen und langfristige Entscheidungen treffen, wie wir uns an äußere Umstände anpassen wollen. Und im Gegensatz zu anderen Lebewesen erlauben uns unser entwickeltes Bewusstsein und unsere technischen und organisatorischen Fähigkeiten, die Lebensbedingungen auf diesem Planeten auf sehr viel tiefgreifendere Weise zu beeinflussen.

Ich glaube, dass unsere Spezies jetzt am Scheideweg zu ihrer eigenen evolutionären Zukunft steht. Wir sind mit der ganz realen Perspektive unseres eigenen Aussterbens konfrontiert. Und die harte Wahrheit ist, dass wir das allein uns selbst zuzuschreiben haben. Seit Hunderten von Jahren heben wir die Grabstätten aus dem Jurazeitalter aus, verbrennen gewaltige Mengen Kohle, später Erdöl und Erdgas, um die Maschinen der modernen Wirtschaft anzutreiben. Im Zuge dessen haben wir ein Übermaß an Wohlstand geschaffen, zumindest auf kurze Sicht und für einen geringen prozentualen Anteil der Menschheit. Doch das geschah auf Kosten der Emission erheblicher Mengen von Kohlendioxid in die Erdatmosphäre. Jetzt ist die Entropierechnung fällig geworden.

Ende letzten Jahres meldeten Forscher im renommierten Wissenschaftsmagazin „Science“, dass die Konzentration von klimaschädigenden Gasen in der Erdatmosphäre jetzt höher ist als jemals zuvor in den vergangenen 650 000 Jahren. Wir Menschen sind damit in der Geschichte die erste Spezies, die eine Veränderung an der Chemie unseres Planeten bewirkt – mit unermesslichen Konsequenzen für die Fähigkeit, das Leben in der Zukunft aufrechtzuerhalten.

Die entscheidende Frage für die gesamte Menschheit in diesem Jahrhundert lautet: „Wie gehen wir mit dem globalen Klimawandel um?“ Jenen, die glauben, wir könnten weitermachen wie bisher und nur etwas mehr Aufmerksamkeit für Energieeffizienz und verbesserte Emissionsstandards aufbringen, kann ich nur sagen, dass wir uns täuschen. Wir müssen vielmehr die Talente, Ressourcen und Fertigkeiten der Menschheit mobilisieren. Wir müssen die Regierungen, Wirtschaftsunternehmen und Zivilgesellschaften weltweit zusammenführen und anfangen, in gemeinsamer Anstrengung auf globaler Ebene ein Konzept zu entwerfen, das uns von fossilen Brennstoffen freimacht und eine Infrastruktur für erneuerbare Energien schafft – Wind- und Solarenergie, Geothermie, Gezeiten- und Wellenenergie und Biomasse – gespeichert in Form von Wasserstoff. Kurz gesagt, wir müssen eine dritte große industrielle Revolution hin zu einer Wasserstoffwirtschaft in Gang setzen, und zwar umgehend.

Warum eine Wasserstoffwirtschaft? Warum nicht einfach auf erneuerbare Energien umstellen? Als wesentlich hervorzuheben ist dabei, dass eine Gesellschaft erneuerbarer Energien nicht möglich ist, wenn die Energie nicht in Form von Wasserstoff gespeichert werden kann. Denn erneuerbare Energie ist nicht in allen Fällen kontinuierlich verfügbar. Die Sonne scheint nicht immer, der Wind weht nicht immer, Wasser fließt nicht in Trockenperioden und landwirtschaftliche Erträge schwanken. Wenn eine erneuerbare Energie nicht verfügbar ist, kann keine Elektrizität erzeugt werden und die wirtschaftlichen Aktivitäten kommen zum Erliegen. Doch wenn ein Teil der erzeugten Elektrizität – zu einer Zeit, wenn eine erneuerbare Energie reichlich vorhanden ist – genutzt werden kann, um Wasser Wasserstoff zu entziehen, der wiederum für eine spätere Nutzung gespeichert werden kann, so wird die Gesellschaft durchgehend über Energie verfügen. Wasserstoff kann auch aus Biomasse gewonnen werden, wenn landwirtschaftliche Erträge hoch sind, und ähnlich gelagert werden.

Ebenso wichtig ist zu begreifen, dass mehr als die Hälfte der sechs Milliarden Menschen in einer dichtbesiedelten, energieintensiven, urbanen Umwelt leben, die sich auf unterirdisch „gelagerte Sonne“ in Form von Kohle-, Öl- und Gasvorräten stützt. Würden wir einen abrupten Übergang zurück zum „Sonnenfluss“ vollziehen, indem wir uns auf jeweils gerade verfügbares Sonnenlicht, Wind- oder Wasseraufkommen verlassen, so könnten wir nicht mal annähernd die erforderliche Energie aufbringen, um unsere Infrastrukturen aufrechtzuerhalten. Wasserstoff als Energieträger erlaubt uns, erneuerbare Energien in ausreichendem Maße zu speichern, um in einer industriellen Zivilisation zu leben. Auf lange Sicht können wir hoffentlich anfangen, zu einer zukunftsfähigeren Bevölkerungszahl und Infrastruktur zu gelangen, kompatibler mit dem „Sonnenfluss“. Doch auf kurze Sicht, ohne die Möglichkeit, erneuerbare Energien in ausreichender Menge zu speichern, riskieren wir den Kollaps der menschlichen Zivilisation.

Die Umstellung auf erneuerbare Energien und eine Wasserstoffwirtschaft führt uns zu guter Letzt in ein Zeitalter nachhaltiger wirtschaftlicher Entwicklung. Den Übergang zu erneuerbaren Energien und einer Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie sollte einen wirtschaftlichen Multiplikatoreffekt haben, der im 21. Jahrhundert so bedeutsam würde wie die Umstellung auf Kohle und Dampfmaschine im 19. Jahrhundert und die Einführung von Erdöl und Verbrennungsmotor im 20. Jahrhundert.

Im März dieses Jahres hatte ich das Vergnügen eines Besuchs bei Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin. Die Kanzlerin lud mich nach Deutschland ein, um über Wege zur Schaffung von Arbeitsplätzen und ein Wachstum der deutschen Wirtschaft zu sprechen. Während meines Besuchs stellte ich der Kanzlerin folgende Frage: „Wie erzeugt man in den letzten Phasen eines Energiezeitalters Wirtschaftswachstum?“. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Erdöl in den vergangenen Monaten auf den Weltmärkten zu Preisen zwischen 64 und 78 US-Dollar pro Barrel verkauft wurde, und viele Analysten warnen bereits, dass ein Preis von 100 Dollar pro Barrel in Sicht ist. Darüber hinaus werden wir irgendwann in den nächsten zwanzig bis vierzig Jahren mit dem globalen Scheitelpunkt bei der Ölförderung konfrontiert sein. Und schlimmer noch, die globale Erwärmung erhöht bereits die indirekten Kosten für den Erhalt der Infrastrukturen der Zivilisation – man denke an die verheerenden Folgekosten des Wirbelsturms Katrina, vergrößert auf globales Ausmaß. Die Aussichten, in den letzten Jahrzehnten des Ölzeitalters die globale Wirtschaft zu steigern, sind bestenfalls trübe. Wir können es uns nicht länger leisten, einer alten Energieordnung verhaftet zu bleiben. Verzweifelte Abkommen für Erdgas aus Russland und Öl vom Persischen Golf abzuschließen, wird uns nicht retten.

Die großen ökonomischen Veränderungen in der Geschichte treten ein, wenn Menschen ihre Energieordnungen ändern und neue Infrastrukturen schaffen, die auf den neuen Energien basieren, und sie ihr Leben nach den Umrissen eines neuen Energie-Modells neu organisieren. Deutschland ist in einer idealen Position, um die Welt in eine dritte industrielle Revolution und ein grünes Wasserstoffzeitalter zu führen. Seine Automobil-, Maschinenbau-, Chemie- und Bauindustrien, seine Software-, Computer- und Telekommunikationsindustrien sowie Banken- und Versicherungsgewerbe haben Weltklasseformat. Und das bietet Deutschland das Potenzial, beim Übergang in eine Wasserstoffzukunft sowohl für die Europäische Union als auch für die Weltwirtschaft das Tempo vorzugeben. Die ökonomischen Vorteile liegen auf der Hand.

Gelegentlich ist eine Generation gefordert, eine umfassendere Herausforderung zu bewältigen, über sich selbst hinauszuwachsen und ein würdiges Vermächtnis zu hinterlassen. Die deutsche Regierung, Industrie und Zivilgesellschaft sollte in einen weitreichenden Diskurs darüber eintreten, wie man den Weg in eine Zukunft mit neuer Energie vorbereitet, nicht nur für Deutschland und die EU, sondern für die ganze Welt.

Aus dem Englischen von Matthias Petermann

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