Zeitung Heute : Webmaster rund um die Uhr

BURKARD SCHRÖDER

Gerd Frenzel, Webmaster und Internet-Trainer bei der Gesellschaft für Innovation und berufliche Weiterbildung (IBW) in Berlin-Mitte.VON BURKARD SCHRÖDER

Wenn man den Computerfreak eines Unternehmens ausfindig machen will, muß man nur warten.So sagen das die Kollegen.Irgendwann wird er den Raum mit den PCs verlassen, sich die nächste Kanne Kaffee holen und wieder in sein Gehäuse verschwinden.Man erkennt ihn daran, daß er nicht so aussieht, als besuche er regelmäßig Bräunungsstudios.Und wenn das Klischee stimmt, ist er jung, freundlich, etwas schüchtern und hat als Jugendlicher höchstwahrscheinlich den Commodore 64 besessen - Auf Gerd Frenzel jedenfalls paßt das Bild wie die CD-ROM in ihr Laufwerk. Er ist Webmaster und Internet-Trainer bei der Gesellschaft für Innovation und berufliche Weiterbildung (IBW) in Berlin-Mitte.Beide Berufe gibt es offiziell nicht und die Worte umschreiben nur das, wofür Frenzel zuständig ist: Die Homepage der IBW warten, E-Mails schreiben und beantworten und anderen erklären, was sie mit dem Internet anfangen können - Andere, das sind kleinere und mittlere Unternehmen in Berlin, die mit Vertretern ihrer Branche in ganz Europa im World Wide Web Kontakt aufnehmen können, um Marketing, Kundenservice und Vertrieb zu koordinieren.Und zwar kostenlos. Denn Frenzel arbeitet für die Europäische Union (EU).Diese hat 1995 das Projekt Astranet ins Leben gerufen, als Teil eines Förderprogramms, dessen Ziel es ist, die Arbeitnehmer dem industriellen Wandel "beschleunigt anzupassen" und ihre Qualifikation zu verbessern; überdies will die EU auf diese Weise die Wettbewerbsfähigkeit von Industrie, Handel und Dienstleistungsgewerbe verbessern. So arbeitet Frenzel auch mit Kollegen in England, Italien und Griechenland zusammen.Auf virtuellem Wege tauscht er sich beispielsweise mit seinen Mitarbeitern in Athen aus, die Kaufleuten aus der Textil- und Möbelbranche beibringen, wie sie sich und ihre Produkte virtuell verkaufen können.Auch in England hat die EU Web-Master und Internet-Trainer eingesetzt, die dort Firmen von der Bildagentur bis zur Schönheits-Farm betreuen.Zu seinen Kollegen in London ist Frenzel schon einmal gereist, um zu erfahren, wie mittelständische Unternehmen zum ersten Mal mit dem Internet in Kontakt kommen.In Berlin läuft das Projekt Astranet erst seit Dezember 1996 an.Hier fördert die EU nur Unternehmen, deren Geschäftssitz im ehemaligen Ostteil Berlins liegt oder deren Mitarbeiter ihren Wohnsitz dort haben. Die Gelder verwaltet der Berliner Senat, der sich allerdings vorher unterschreiben ließ, daß er nur "nach Haushaltslage" auszahlen muß.Deshalb gibt es regelmäßig Ärger.Doch Frenzel ist ein Mann der Initiative und gibt nicht auf - ganz im Sinne des europäischen Projekts, hat er sich auch die Kenntnisse, die Webmaster und Internet-Trainer brauchen, selbst beigebracht. Ursprünglich stammt der dreißigjährige aus dem Ruhrgebiet, wo er Energieanlagen-Elektronik gelernt hat.In Berlin - und nur dort geht das - studierte er Theatertechnik und beendete seine akademische Tätigkeit mit einer Diplomarbeit zu dem Thema: "Theatertechnik im Internet".So hat Frenzel auch zusammen mit Studienkollegen einen Verein gegründet, um alles, was Theaterleute brauchen und wissen müssen, im World Wide Web verfügbar zu machen.Auf diese Weise entstand das Projekt THEO, eine Web-Seite mit Quellen und Links rund um die Bühne. Deshalb genießt der betriebsame Computerfreak nur selten das Berliner Nachtleben, weil er auch dort der Webmaster ist und wegen des inhaltlich hohen Anspruchs von THEO stundenlang an Hyperlinks bastelt.Das bezahlt ihm allerdings niemand - bisher.

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