Zeitung Heute : Wechsle das Weihnachtsbäumchen

GÜNTHER GRACK

"Schöne Bescherungen" - Uwe Eric Laufenberg inszeniert Alan Ayckbourns Komödie am Berliner Maxim-Gorki-TheaterVON GÜNTHER GRACK "Keinen Streit, bitte!" Ein Heiligabend, der damit anfängt, daß die Hausfrau meint, ihre Familie solcherart zur Harmonie aufrufen zu müssen, kann nur im Chaos enden.So jedenfalls, wenn wir im Theater sind und die Komödie, die vor uns abläuft, allen Regeln der Kunst gehorcht.Bei dem Autor Alan Ayckbourn darf man dessen sicher sein, und so verkehren sich die "Schönen Bescherungen", die der Titel seines Stücks verheißt, im Verlauf der Weihnachtsfeiertage prompt in ihr Gegenteil.Am Ende hat Onkel Harvey, Ordnungshüter im Ruhestand, mit seiner Pistole einen lieben Gast der Familie niedergeschossen; denn auch dies gehört zu den Gesetzen des Theaters: daß von einer Waffe, ist sie einmal da, irgendwann auch Gebrauch gemacht wird.Der Schuß tut in diesem Fall zwar eine lächerliche Wirkung, der lachende Dritte aber ist lediglich der Zuschauer.Für Belinda, die Hausfrau, die am Anfang so dringlich gebeten hat, Streit zu vermeiden, ist diese letzte in der Reihe der schönen Bescherungen die allerunschönste ... Mit "Normans Eroberungen" begann vor nunmehr 21 Jahren Alan Ayckbourns Eroberung des Berliner Staatstheaters: Hans Lietzau verlieh damals im Schloßpark-Theater mit der deutschen Erstaufführung jener pfiffigen Komödien-Trilogie dem englischen Stückeschreiber höhere Weihen.Peter Zadek setzte dessen Aufwertung 1979 an Hamburgs Deutschem Schauspielhaus mit "Spaß beiseite" fort, und vor zehn Jahren war es Andrea Breth, die sich in Bochum die "Schönen Bescherungen" angelegen sein ließ.Berlins tapfere kleine Tribüne folgte damit im Wendeherbst 1989, und jetzt ist das Stück im Maxim-Gorki-Theater heraus- und, wie der ungemein freundliche Beifall zeigte, beim Publikum angekommen. Kein Zweifel mehr: Ayckbourn, ein fleißiger Produzent gutgemachter Stücke, wäre als Boulevardier unterschätzt - in seinen besseren Arbeiten versteht er, die Gesellschaft, die er mit Witz unterhält, zugleich mit Aberwitz zu kritisieren.Etwa in "A Small Family Business", 1987 am Londoner National Theatre uraufgeführt: diese "Familiengeschäfte" reichen von einem kleinen Ladendiebstahl, einem Delikt, das es gleichwohl, koste es was es wolle, zu vertuschen gilt, bis zum Drogenhandel mit Minderjährigen. Damit verglichen, geht es bei den "Schönen Bescherungen" fast harmlos zu.Gewiß, der gute Onkel Harvey, der da mit der Waffe herumfuchtelt, ist eher ein böser Onkel, einer, der Gewalt predigt.Als Weihnachtsgeschenke für die Kinder hat er Gewehre besorgt, Spielzeug, das sie fürs Leben stählen soll, mit seinem eigenen Schießeisen aber vermag der Pensionär nicht mehr treffsicher umzugehen.Der Schuß, mit dem er einen jungen Mann als vermeintlichen Dieb kaltschnäuzig abknallen will, verletzt diesen Clive nur und treibt ihn damit endgültig davon - eben jenen Menschen, in dem alle drei Frauen des Hauses, Belinda, ihre Schwester Rachel und ihre Schwägerin Phyllis, eine Hoffnung für ihre Sehnsüchte gesehen haben.Denn dies ist das Stück vor allem anderen: eine Tragikomödie unerfüllter Liebesbeziehungen.Und insofern hat Ayckbourn tatsächlich etwas mit dem großen Russen gemein, auf den er sich gelegentlich berufen hat - wie bei Tschechow kommt es auch bei ihm, allem Trubel zum Trotz, zu Momenten, in denen sich ein Paar, ein Pärchen, tastend, stammelnd, heulend ausspricht. "Sag mal, so alles in allem, wir sind doch immer noch ein sehr glückliches Paar, oder?" Die Sorge, die in der Frage mitschwingt: Imogen Kogge als Belinda ist in Uwe Eric Laufenbergs Inszenierung der Glücksfall einer Darstellerin, die bei aller Turbulenz Zwischentöne zum Klingen zu bringen vermag.Während Till Weinheimer als der ihr angetraute Hobbybastler sich damit begnügen kann - "Mhm" -, diesen Neville einen guten Mann sein zu lassen, hat seine Partnerin einen größeren Radius an Emotionen auszumessen: von zickiger Quengelei in Sachen Abwasch bis zur hemmungslosen Selbstentblößung gegenüber Clive, dem Freund ihrer Schwester, über den sie nächtens am Fuße des Weihnachtsbaums herfällt.Hier nun, Tschechow ade, findet Ayckbourn zu sich selbst als Meister der Farce zurück, läßt das Spielzeug der lieben Kleinen unter dem Ansturm der Großen mit Blechtrommellärm die Nachtruhe stören und die restliche Familie aus den Schlafzimmern strömen - coitus interruptus. Als Clive, für die Damenwelt schon wegen seines Nimbus als literarischer Shooting Star attraktiv, gibt sich Frank Seppeler sympathischerweise von alledem überfordert.Nicht genug, daß ihn außer Belinda auch die alkoholisierte Phyllis (Susanne Böwe) vernaschen will; mehr noch nervt ihn - und auch uns - Rachel mit ihren Sex-oder-nicht-Sex-Tiraden: Karina Fallenstein, eine sich verhaspelnde Stadtneurotikerin.Die fieseste Type in dem von Christoph Schubiger gezimmerten trauten Heim: Klaus Manchen als Harvey, die netteste: Ulrich Anschütz als ein puppenspielender Arzt, dem alles schiefgeht - nicht einmal seine Diagnose des angeblich tödlichen Schusses stimmt.Welch ein liebenswerter Versager! 12., 13., 22., 25.November, 19.30 Uhr.

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