Zeitung Heute : Wedeln am Sachsendamm

Annette Kögel

Der Mensch ist ungeduldig, unersättlich, ungehörig. Weil er nicht warten kann, bis im Sommer die Sonne richtig wärmt und vor allem bräunt, hat er das Solarium geschaffen. Weil es im Winter zu kalt ist, um im See zu schwimmen, hat er sich das Hallenbad ersonnen. Und weil es in Berlin keine hohen Berge gibt, holt sich der Mensch jetzt eben einfach die hohen Berge an die Spree. Und so kommt es, dass auch in dieser Stadt bald Wintermärchen wahr werden könnten.

Am Sachsendamm, auf dem Gelände der früheren Radsporthalle, wird aller Voraussicht nach bald die erste hauptstädtische Skihalle mitsamt Kunstschneepiste, Sessellift und Hüttenzauber entstehen. Jetzt müssen sich nur noch Senatsverwaltungen und Bezirksämter sortieren und endgültig zustimmen - dann sollen die Bagger im Juni auf der Baustelle anrollen. Senator Klaus Böger (SPD) wissen die Initiatoren hinter sich.

Von außen sieht die geplante "Schneesporthalle" aus wie ein Kasten auf Stelzen. 350 Meter lang, 90 Meter breit - und "Neigungen bis zu 27 Prozent", wirbt die Projekt betreuende "Fechner & Herden Vermögensverwaltung und Projektmanagement GmbH".

Das ist noch nicht die Streif, aber immerhin. Der Teufelsberg wölbt sich rund 115 Meter in die Höhe - die Bergstation an der Abfahrt Sachsendamm liegt auf 50 Metern. Aus dem BVG-Bus in die Schleppliftschlange, von der Stadtautobahn in die Jausenhütte - ein Konzept, das die Organisatoren vergangenen Herbst in Berlin vorstellten. Auch die Skiprofis Rosi Mittermaier und Christian Neureuther wollen zur Eröffnung im Januar 2003 demonstrativ die "Brettln" anschnallen, schließlich beteiligt sich an der Indoor-Winterwelt auch eine große österreichische Skiregion. Die rund 40 Millionen Euro tragen zudem der Tourismusfonds der Österreichischen Sparkassen, die Privatinvestoren aus Nordrhein-Westfalen sowie ein Versicherungsunternehmen.

Dass sich eine Ski-Arena in einer Stadt mit einer Lage von 30 bis 60 Metern über dem Meeresspiegel rentiert, davon sind die Investoren überzeugt. Ihr schlagendes Argument: Im Ruhrgebiet tragen sich gleich zwei Schneehallen in nur 50 Kilometer Entfernung voneinander - in Neuss und in Bottrop. Letztere nennt sich "Alpincenter Bottrop" und wird vom früheren Worldcup-Star Marc Giradelli gemanagt. Hinauf geht es auf einem Fließband in der Röhre, hinunter auf Crushed Ice wie im Cocktailglas. Ob sich Giradelli wohl jemals hat träumen lassen, dass er sein Geld einmal mit Wintersport samt Biergarten-Gaudi aus der Retorte verdienen würde? Seine Piste soll sogar leicht bremsen und nicht so naturecht sein wie die der Konkurrenz in Neuss, nach deren Vorbild jetzt in Berlin gebaut werden soll.

"Genau aus diesem Grund kommt jetzt die Schweizer Nationalmannschaft bereits zum zweiten Mal zum Training", kontert Giradelli. Die Bedingungen drinnen seien eben sehr wohl jenen auf dem Gletscher ähnlich. Da schneit es ja auch kräftig Kunstschnee. Bis zu 1000 Snowboarder und Skifahrer schwingen bei ihm an guten Tagen gleichzeitig die Piste hinab. "Und Unfälle gibt es bei uns vergleichsweise wenig, weil die Anfänger ganz oben trainieren und nicht unten am Hang", wo sich die Rowdys gern nochmal demonstrativ vorm Lift im Slalom wiegen oder gleich im Schuss die Piste herunterschießen. Im Sommer ist es schon leerer am Hang, aber derzeit hat Giradellis 120-Mann-Team richtig zu tun.

In den geplanten Berliner Skizirkus werden sich, so die Prognose der Investoren, das ganze Jahr über 600 000 Menschen stürzen. Der Skiverband hat in Berlin eine große Abteilung, und auch der Alpenverein besitzt wahrhaft hauptstädtische Dimensionen. Dass in dieser Stadt die zweite Halle Deutschlands mit "richtigem Pulverschnee entstehen" wird, ist im Exposé zu lesen. Die Flocken - aus "eiskalter Luft und reinem Wasser" - rieseln nächtens von der Hallendecke herab. Die Berliner Skiarena wird ein riesengroßer Kühlschrank - das ganze Jahr über minus fünf Grad bei 50 Zentimeter Dauerschnee. "Dabei liegt der Energieverbrauch unter dem eines normalen Freibades", betont der Sprecher der projektbetreuenden Berliner Agentur, Michael Wehran.

Eine Skihalle! Mitten in Berlin! Klingen da nicht schon die mahnenden Worte der Umweltschützer in den Ohren? "So eine Halle hat ja auch den Vorteil, dass vielleicht weniger Leute mit dem Auto in die Berge fahren", gibt die Pressesprecherin der Schulverwaltung zu bedenken. "Die Anlage wird von uns wohlwollend befürwortet", schon wegen der Anbindung an den Schul- und Vereinssport. Auch der Bezirk Tempelhof-Schöneberg steht eher applaudierend als abweisend an der Bande.

So schnell kann das gehen. "Der Gletscher" machte vor einigen Jahren mit seiner Berliner Fließband-Hallenskischule den Anfang beim Wedeln unter Flachlandtirolern - und jetzt macht ihm schon ein weiterer Investor Konkurrenz, im Berliner Umland, genauer in Bernau.

Ob das Genehmigungsverfahren in der Hauptstadt kürzer dauert als künftig das Warten in hauptstädtischen Schlepp- und Sesselliften? Wer weiß, vielleicht geht es anderswo schneller. "Wir haben auch schon Pläne für Salzbachwalden bei Baden-Baden, und Dubai hat ebenfalls angefragt", weiß Klaus Rammert von "Fechner & Herden". Die Niederländer steigen bereits trotz Tauwetters in die Bindungen, und auch die Amerikaner und die Italiener wollen nicht hintenanstehen. Aspen! Berlin! Chamonix!

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