Zeitung Heute : Weg mit diesem schrillen Schuppen!

Antje Vollmer

TRIALOG

Mit Aufsehen erregender Klarheit hat sich der Deutsche Bundestag am 4. Juli 2002 für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses entschieden. Das war erstaunlich und eindeutig zugleich. Abgeordnete aller Parteien stimmten für die Empfehlung der „Expertenkommission Historische Mitte“ – nach einer freien und leidenschaftlichen Debatte. Ein mehr als 10-jähriger öffentlicher Meinungsaustausch fand damit seinen Abschluss. Die wichtigste Instanz der deutschen Demokratie erteilte den Auftrag, den Wiederaufbau in die Wege zu leiten und einen Zeit- und Finanzplan zu erstellen.

Doch was ist diese Entscheidung heute, gerade mal ein halbes Jahr später, wert? Von Tag zu Tag wird der Beschluss ein bisschen mehr unterwandert. Mit Chuzpe wird nämlich die „Zwischennutzung“ des Palastes der Republik für die Zeit nach der Asbestsanierung vorbereitet. Während ursprünglich nur von einem „letzten Sommer“ im Palast der Republik die Rede war, werden neuerdings Berliner Kulturinstitutionen systematisch in die vergessenen Gemäuer gelockt. Da bewilligt etwa der für Projekte der freien Szene gedachte „Hauptstadtkulturfonds“ 280 000 (!) Euro, damit die Deutsche Staatsoper Berlin eine moderne Oper im Palast der Republik aufführen kann. Ausgerechnet eine der etablierten Berliner Kulturinstitutionen bekommt so zusätzliche Finanzmittel. Während das eigene Haus renovierungsbedürftig ist, darf man sich in schaurig-schöner DDR-Nostalgie inszenieren. Zugleich fehlen diese Gelder der unterfinanzierten Off-Szene Berlins. Nun kann man das alles harmlos finden. Eine solche Haltung verkennt aber die unüberschaubare Dynamik, welche solcherart aufgepäppelte Event-Stätten in Gang setzen: Haben die ereignissüchtigen Feuilletons erst einmal über ein paar skurrile Projekte berichtet, dann gilt der „Palast“ plötzlich als der schrillste Schuppen im Lande. Von einem blinden Fleck in der öffentlichen Wahrnehmung verwandelt sich das morbide Gebäude Schritt für Schritt in eine glamouröse Location. Wer dann noch auf die parlamentarische Entscheidung verweist, steht unversehens als unflexibler Blockierer da.

Doch was ist das eigentlich für eine Kultur, die da im Gewande der harmlos klingenden „Zwischennutzung“ auf uns zukommt? Da Stadt und Land die Kosten für den Neubetrieb des Palasts nicht übernehmen können, hat ein Sponsor Interesse angemeldet: Der Sportartikelhersteller Nike möchte das Gebäude für Werbemaßnahmen nutzen und mit einer riesigen Reklame verkleiden. Was für eine entzückende Vorstellung: In der historischen Mitte Berlins, direkt neben dem Alten Museum, blicken wir ein Jahrzehnt lang auf einen bombastischen Nike-Swoosh. Die Gegenmaßnahme ist zum Glück ganz einfach: Achten wir die Entscheidung des Parlaments!

Die Autorin ist Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und Grüne.

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