Zeitung Heute : Weg vom Fenster

Mit jedem neuen Virus und jeder neuen Sicherheitslücke bei Windows gewinnen in deutschen Verwaltungen die Linux-Befürworter an Boden

Kurt Sagatz

Der Zeitpunkt hätte besser nicht sein können: Just an dem Tag, als mit „Sasser“ wieder eine der ganz großen Virenwellen durch das Internet raste, und auch in Deutschland viele Computernutzer zur Verzweiflung trieb, kamen Bundesinnenminister Otto Schily und Microsoft-Vorstandschef Steve Ballmer in Berlin zusammen. Thema des Treffens: Die Verbesserung der Sicherheit von Microsoft-Produkten. „Wegen der weiten Verbreitung der Software ist Microsoft für die Bundesregierung ein wichtiger Adressat von IT-Sicherheitsfragen“, sagte Schily nach dem Gespräch, das durchaus zu einem greifbaren Ergebnis führte. Der Software-Gigant wird seine Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) vertiefen. Zudem verpflichtet sich Microsoft, die Betreiber „kritischer Infrastrukturen“ beim Schutz ihrer Informationstechnik zu unterstützen.

Ob die Produkte von Microsoft – neben den verschiedenen Versionen von Windows gilt vor allem das Office-Paket mit der Textverarbeitung Word, der Tabellenkalkulation Excel und dem Präsentationsprogramm Powerpoint quasi als Industriestandard – tatsächlich den größtmöglichen Nutzen bringen, wird in den deutschen Verwaltungen seit einiger Zeit heftig diskutiert. Mit jedem neuen Virus und jeder neuen Schwachstelle in Windows-Betriebssystemen sehen sich die Kritiker bestätigt. In vielen Kommunen gehört es darum offenbar zum guten Ton, zumindest mit dem Gedanken über einen Wechsel zu Linux zu spielen.

Dabei können die Verwaltungen in Bund, Ländern und Kommunen durchaus auf Unterstützung aus Berlin setzen. Das Bundesinnenministerium wirbt seit mehreren Jahren dafür, verstärkt so genannte Open- Source-Software in die Planungen einzubeziehen. Mit IBM und dem deutschen Linux-Unternehmen Suse wurde sogar eine exklusive Zusammenarbeit mit den deutschen Verwaltungen vereinbart. Eines der wichtigsten Argumente dabei: Offene Software, bei der die Nutzer Einblick in den Quellcode nehmen können, sei weniger anfällig für Angriffe von außen – ob nun von Hackern oder sogar Terroristen.

Bisher richten sich die meisten Hackerattacken und Virenangriffe tatsächlich gegen Systeme, die mit Windows arbeiten. Dabei muss allerdings berücksichtigt werden, dass Windows mit seiner Dominanz – auf über 90 Prozent aller Schreibtisch-Computer und Laptops läuft die Software aus Redmond – auch ein erheblich lohnenderes Angriffsziel darstellt als Linux-Systeme oder Apple-Rechner.

Doch für einen stärkeren Einsatz von offener Software sprechen aus Sicht der Behörden noch andere Gründe. So gilt Linux – der bekannteste Vertreter von Open-Source- Software – als preisgünstiger, was allerdings von Microsoft vehement bestritten wird. Als drittes Argument für den stärkeren Einsatz der alternativen Systeme wird angeführt, dass damit auch mehr Wettbewerb in dem von Microsoft dominierten Markt erreicht werden kann, was wiederum preismildernd wirken würde.

In der Praxis spielt Linux jedoch bislang eine untergeordnete Rolle. Das bekannteste Beispiel für eine Gemeinde, die den Umstieg auf Linux so gut wie vollzogen hat, ist Schwäbisch-Hall. Bereits im Oktober soll das Projekt abgeschlossen werden, und schon jetzt arbeiten wichtige Einrichtungen wie Finanzverwaltung, Rechnungsprüfung, Jugend, Schule und Soziales sowie die Kulturverwaltung mit den neuen Systemen. In München, das im letzten Jahr die Migration zum Microsoft-Konkurrenzprodukt beschlossen hat, befindet man sich noch in der Planungsphase. Im Bundestag dagegen hat man sich für eine Zwitterlösung entschieden. Die Hintergrundprozesse auf den Servern werden mit Linux realisiert, auf den Rechnern der Abgeordneten befindet sich der gewohnte Windows-Bildschirm.

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