Zeitung Heute : Weg von den Ballerspielen

KATHRIN SPOERR

Das Computerkabinett der Humboldtschule steht auch in den Pausen offen ­ nicht nur für FreaksVON KATHRIN SPOERRDer Computerraum der Humboldtschule in Tegel ist keine "forbidden area".Auch wenn kein Unterricht stattfindet, dürfen die Schüler das Kabinett betreten, CD-ROMs aus der Bibliothek ausleihen, E-Mails verschicken oder einfach das Surfbrett fürs Internet anschnallen.Sie tun es auch.Und so kommt es immer wieder nach einer regulären Unterrichtsstunde zu einigem Gerangel in Raum 210: wenn die Schüler, die gerade unterrichtet wurden, den Raum verlassen und schon wieder die Freaks warten, die die Pause nutzen, um erneut den Pfad zu betreten, den sie vor einer Stunde ­ gezwungen durch die Schulklingel ­ verlassen mußten. Die Ausstattung des Raums ist komfortabel ­ nicht nur für eine Schule.Ein Großteil der 22 Arbeitsplätze ist mit Pentium-Rechnern ausgerüstet, die jeweils über 32 Megabyte Arbeitsspeicher und 15-Zoll-Bildschirme verfügen.Der Server mit seinen 128 Megabytes ermöglicht schnelles Arbeiten im Netzwerk.Der ISDN-Anschluß gestattet zeitgleichen Zutritt aller Terminals ins Internet, und insbesondere die Pausenfreaks sind nach den Erfahrungen der Lehrer große Surfer vor dem Herrn. Doch der Computerraum ist kein Spielzimmer.In ihm wird konzentrierter gearbeitet, als man es von 16 oder 18jährigen Jugendlichen erwartet.Zum einen während der Schulstunden.Natürlich ist der Raum reserviert für den Informatik-Unterricht der Oberstufe.Aber nicht nur.Grundsätzlich steht er allen Lehrern offen, die Lust haben, die Theorie der Bücher mit aktuellen Bildern oder Zahlen anzureichern.Die CD-ROM dient dabei als Quelle oder das Internet selbst.Zum Beispiel im Fach Politische Weltkunde (PW).Jörg Kayser, Lehrer für Geschichte, Sport und PW, arbeitet mit seinen Klassen regelmäßig am Computer."Die Schüler lernen hier mehrgleisig", sagt Kayser."Der Stoff selbst wird mit Hilfe der Medien vermittelt.Außerdem lernen die Schüler es, Software anzuwenden und zu bewerten." Im Fall einer CD-ROM zum Thema Europäische Union, die von der Bundesregierung erarbeitet worden ist, fällt das Urteil der Achtzehnjährigen nicht sehr positiv aus."Das Inhaltsverzeichnis fehlt, die Suchmaschine ist lächerlich", kritisiert Felix Mihram.Kristin Wohlfahrt hätte sich mehr Links gewünscht.Die Grafiken werden gelobt.Im Ergebnis, das steht außer Frage, werden diese Schüler besser auf die Uni und den Beruf vorbereitet sein. Die Schüler "wegzukriegen von den Ballerspielen" wünscht sich Bernd Kokavecz, der an der Humboldtschule Mathematik, Physik und Informatik unterrichtet und auf dessen persönlichen Einsatz die Ausstattung des Computerkabinetts zurückgeht.Zu viele Schüler unterschätzen nach seiner Ansicht den PC, verwechseln ihn mit einem Flipperautomaten.Ziel sei es, ihnen den Computer als Werkzeug vorzustellen. Das kann nicht in jedem Fall gelingen.Aber die Erfolge, auf die Kokavecz sehen kann, sind beachtlich.Nicht nur "technikbegeisterte Jungs" drängen sich in Raum 210, sondern in zunehmendem Maße auch Mädchen.Die Mädchen engagieren sich vor allem für die Pflege der Partnerschaft mit einer Schule in Kanada.E-Mails, die an den persönlichen E-Mail-Partner geschickt und von ihm empfangen werden, ergänzen den Englischunterricht.Die klassische Aufgabe "Schreibe einen Brief" sei somit keine Troêkenübung mehr.Entsprechend hoch seien die Schüler motiviert, sagt Kokavecz. Ganz ohne Aufsicht und Anleitung geht es aber auch hier nicht.Aber nicht ein strenger Studienrat führt die Oberaufsicht über freizeitsurfende Jugendliche, sondern andere Schüler aus der Oberstufe.Sie sind es auch, die ihre jungen Mitschüler einweisen, ihnen erklären, wie man ins Netz gelangt und sich dort bewegt. Doch die Idylle ist nicht vollkommen.Idyllisch wäre: ausreichend Software für alle Schüler eines Kurses, damit mehr allgemeinbildende Stunden im Computerraum stattfinden könnten.Für den PW-Unterricht konnte Kayser auf Werbematerial der Bundesregierung zurückgreifen ­ unentgeltlich.Das ist die Ausnahme.Idyllisch wäre: weniger starker Sparzwang für die laufenden Kosten.60 000 Mark für die Ausstattung des Raums kamen aus dem Schulhaushalt, von Elternspenden und Sponsoren.Aber ob die 300 Mark Telefongebühren im Monat für den Internet-Zugang in Zukunft bezahlt werden können, ist ungewiß.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar