Zeitung Heute : Wege der Freiheit

ISABEL HERZFELD

Zweimal "Uraufführung im Gespräch" im KonzerthausISABEL HERZFELDKaum verschiedener lassen sich die beiden Komponisten denken, die sich mit von der Kulturverwaltung geförderten Werken der "Uraufführung im Gespräch" im Konzerthaus stellten.Der 39jährige Jakob Ullmann gehörte zu den Unangepaßten der alten DDR, was eine besondere Eigenständigkeit forderte.Zu Beginn der neunziger Jahre erregte er durch eine "Musik der Stille" Aufmerksamkeit, die im Werktitel "disappearing music" auf den Begriff gebracht wurde."A Catalogue of Sounds" läßt eher das Gegenteil vermuten, aber auch hier erlebt man äußerst leise, langgezogene Klänge, produzieren die dreizehn Streicher vom Ensemble Oriol nur angedeutete, verhauchende Linien und alle Schattierungen vom zarten Raunen bis zum schmerzhaften Knirschen.Wie in der Ereignislosigkeit unendlich viel geschieht, verdeutlicht die geradezu brüllende Stille einer Generalpause kurz vor Schluß, nach der das Ensemble noch einmal wie zum Schlußakkord aufatmet. Der gute Umgang der Musiker miteinander entspricht den "krummen Wegen interpretatorischer Freiheit", mit der sie ihre Aktionen innerhalb eines festgelegten Zeitrahmens abstimmen könnten.In ihrem Fluß wird auch die siebzigminütige Dauer nicht qualvolles Stillsitzritual für die Zuhörer, sondern erstaunlich sich beschleunigende erlebte Zeit.Zeitwahrnehmung ist auch für den elf Jahre jüngren Enno Poppe ein zentrales Thema, doch füllt er sie mit minutiösen Ereignissen, aus denen das Ohr des Hörers größere und größere Strukturen baut.Sein Klavierwerk "Thema mit 840 Variationen", von Yoriko Ikeya uraufgeführt, speist sich aus sekundenkurzen Elementarformen wie einer stotternden Repetition, einem Cluster, einem weiten Intervallsprung.Das zentriert sich in fast durchgängiger Betriebsamkeit um glockenähnliche Klänge der Mittellage, an denen sich der Hörer "festhalten" kann.Eigenwilligkeit zeigt der frühzeitige geförderte, von Friedrich Goldmann ausgebildete HdK-Absolvent auch in seinen Raum-Klang-Reflexionen: Vieles entstand nicht für den Konzertsaal, sondern für das eigene Hören zu Hause: So auch das vielleicht faszinierendste Stück des Abend, "27 XI 95" für eine mit scheppernden oder zart vibrierenden Trommelstöcken gespickte Gitarre, die Gerald List mit konzentrierter Sensibilität bearbeitete.

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