Zeitung Heute : Wegweiser zum Frieden

„Auf ihn können sich die Leute verlassen “, sagen die Miznas über ihren Sohn Amram. Er tritt gegen Ariel Scharon an und will die Gewalt beenden. Der Kandidat ist ein Mann von großer Ernsthaftigkeit. Vielleicht hat er das auch von seinen Eltern, die einst aus Deutschland fliehen mussten.

Annabel Wahba[Haifa]

Er hat diese tiefen Falten, genau wie sein Vater. Als hätten die Sorgen um die Zukunft Gräben in die Haut geschürft. Ein Gesicht, so zerfurcht wie ein frisch gepflügter Acker.

Dazu trägt Amram Mizna gerne ein hoffnungsvoll himmelblaues Hemd, keine Krawatte, kein Jackett. Und deshalb sieht der 57-Jährige doch ganz zuversichtlich aus, wie einer, der zupacken kann, wie einer, der die Kraft hat, sich dem Schicksal entgegenzustellen. An seinem Vollbart tragen die Araber eine gewisse Mitschuld. Als Mizna 22 war, wurde er im Sechs-Tage-Krieg von 1967 verwundet, damals beschlossen er und einige befreundete Offiziere, sich so lange nicht mehr zu rasieren, bis es Frieden gebe zwischen Israel und den arabischen Ländern. Der Bart schimmert mittlerweile weiß-grau.

Amram Mizna ist am selben Tag geboren, an dem der biblische Amram – Moses’ Vater – starb. Aber das ist Zufall, sagen die Eltern, die einst aus Deutschland eingewandert sind und fließend Deutsch sprechen, obwohl sie die Sprache fast nie benutzen. Sie gaben ihrem Sohn diesen Namen, weil ein Freund der Familie so hieß. Aber auch ihr Amram, den sie nur Rami nennen, soll dem Volk Israel jetzt den Weg weisen – in den Frieden. Es aus der Sklaverei des Terrors befreien, könnte man sagen. Als Mizna vor ein paar Monaten ganz plötzlich in die nationale Politik aufstieg, um bei den israelischen Parlamentswahlen am 28. Januar gegen Premierminister Ariel Scharon anzutreten, beschrieben ihn Journalisten gerne als „Messias“ und „Erlöser“.

Ein bisschen übertrieben ist das wohl. Aber für Miriam und Ben-Zwi Mizna hat sich doch einiges geändert. Sie müssen erst begreifen, dass ihr Sohn vielleicht einmal einer der wichtigsten Männer Israels sein wird. Zuerst war er General, dann neun Jahre lang Bürgermeister von Haifa, der drittgrößten Stadt Israels, in der Araber und Juden ziemlich friedlich zusammenleben. Mizna war stets angesehen, aber nicht berühmt. Als Ben-Zwi neulich mit seinem Sohn am Strand spazieren ging – früher machten sie das jeden Samstag –, gingen zwei Bodyguards vor ihnen und zwei hinter ihnen. „Daran wird sich Rami gewöhnen müssen“, sagt sein Vater. Und wenn er zu ihnen nach Hause kommt, in den kleinen Ort Kiriat Haim nahe Haifa, durchsuchen die Sicherheitsleute erst den Vorgarten und dann das ganze Haus. Erst wenn sie ein Zeichen geben, kommt Rami, der hier als Kind gespielt hat, im gepanzerten Cadillac vorgefahren. Die Besuche sind in letzer Zeit seltener geworden. Nicht nur, weil Rami jetzt im Wahlkampf so wenig Zeit hat, sondern auch, weil es ihm peinlich ist, wenn er die Bodyguards bei jedem Schritt an seiner Seite haben muss. Selbst wenn er daheim nur einen Teller Suppe löffelt.

In Jerusalem konnte man kurz nach der Wahl Amram Miznas zum neuen Vorsitzenden der Arbeitspartei einen Spruch an einer Mauer lesen: „Mizna, Rabin wartet schon auf dich“. Rabin war im November 1995 von einem jüdischen Rechtsextremisten ermordet worden. Sieben Jahre später ist Mizna angetreten, das zu vollbringen, was Rabin und all seine Nachfolger im Amt des Premierministers nicht geschafft haben: ein Ende der Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern. Eine militärische Lösung gibt es nicht, sagt Mizna, der einzige Weg ist die territoriale Trennung von den Palästinensern. Dass er mit dem Programm bei diesen Wahlen erfolgreich sein wird, ist nicht sehr wahrscheinlich.

Spritztour ohne Führerschein

Seine Eltern unterstützen ihn, sie sind davon überzeugt, dass nur die Räumung der Siedlungen und eine Grenze zwischen Israel und einem Staat Palästina den Frieden bringen wird. „Die Araber werden sich ja nicht einfach verduften“, sagt Miriam Mizna. Wahrscheinlich merkt sie gar nicht, wie berlinerisch sie klingt. Miriam wuchs in der Lottumstraße 6 auf, ihr Vater hatte ein Geschäft in der Schönhauser Allee. Als Miriam neun Jahre alt war, 1933, wanderte sie mit ihrer Familie nach Palästina aus. „Meine Frau ist eine Berlinerin“, sagt ihr Mann. Aber Miriam kann sich kaum mehr an ihre Kindheit in der Stadt erinnern, nur daran, dass die Straße, an der sie wohnte, bergauf ging, „wo doch Berlin eigentlich ganz flach ist“.

Wenn man die Eltern des Mannes trifft, der sich gerade aufmacht, dem Nahen Osten Frieden zu bringen, sucht man natürlich nach Spuren seiner deutschen Wurzeln, danach, wie ihn die Herkunft seiner Eltern geprägt hat. „Rami spricht ja nicht mal Deutsch“, wehrt die Mutter ab. Aber die Geschichte seiner Eltern hat Amram Mizna schon geprägt. Und die ist auf traurige Weise eng mit Deutschland verknüpft.

So direkt würden das die Eltern nie sagen. „Wir werden oft gefragt, wie wir unseren Sohn erzogen haben, dass er zu dem wurde, der er ist“, sagt der Vater, „aber ich weiß darauf keine Antwort.“ Der Mutter fällt ein, dass ihr Junge schon immer einer war, der zu allem stand, was er tat. Einmal, Rami war 16 und ging auf das Militärgymnasium in Haifa, machten er und seine Freunde ein Fest, zu dem sie Mädchen einluden. Als es spät war, kam die Frage auf, wer die Mädchen heimfährt. Rami zögerte nicht: Er stieg – ohne Führerschein und natürlich ohne Erlaubnis eines Lehrer – in einen der Armeejeeps, die auf dem Internatsgelände standen, und fuhr die Mädchen nach Hause. Er wurde erwischt. Erst wollte man ihn von der Schule werfen, doch dann gab man ihm noch eine Chance. „Wir werden über die Dummheit hinwegsehen“, sagte die Schulleitung, „wenn Amram sich entschuldigt.“ Amram hat sich nie entschuldigt, auf der Schule blieb er trotzdem.

Die Mutter sagt, sie habe sich ein wenig gewundert, als ihr Sohn auf ein Armee- Gymnasium gehen wollte. „Irgendwie fand ich damals, dass das gar nicht zum ihm passt.“ Ihr Mann Ben-Zwi schüttelt den Kopf, und nun wundert er sich, wie seine Frau auf so was kommt. „Naja, Rami war immer so moralisch“, sagt sie. Einer, der Befehle nicht einfach ausführt, sondern nachfragt. Später hat ihm dieser Wesenszug einmal ziemlichen Ärger eingebracht. Im Libanonkrieg hatte eine Untersuchungskommission dem damaligen israelischen Verteidigungsminister vorgeworfen, er sei mit schuld an dem Massaker christlicher Milizen an Palästinensern in den Flüchtlingslagern Sabra und Schatila. Amram Mizna war damals Brigadegeneral und schrieb einen offenen Brief an Premierminister Begin, in dem er um Beurlaubung bat, weil er unter einem derartigen Minister nicht länger dienen könne. Begin rief ihn daraufhin erbost an, er solle sich nicht in die Politik einmischen. Mizna blieb. Der Minister hieß übrigens Ariel Scharon, er musste später zurücktreten.

Aber es wäre nicht ganz richtig, in Mizna den Moralapostel der Truppe zu sehen. Während der ersten Intifada Ende der 80er Jahre war er als Generalmajor zuständig für das Westjordanland, und seine Soldaten gingen da nicht zimperlich um mit palästinensischen Widerständlern. Zu ihren Methoden zählten Deportationen und Schüsse auf Demonstranten. Den Aufstand konnte man nicht niederschlagen. Und vielleicht kommt daher Miznas Gewissheit, dass militärische Gewalt den Konflikt nicht lösen wird.

Zwischen den Dutzenden von Auftritten, die er jetzt im ganzen Land absolviert, kehrt Mizna immer wieder in sein Wahlkampfbüro in Tel Aviv zurück, um Interviews zu geben. Draußen geht gerade die Sonne unter, der Rasen vor dem weißen Gebäude leuchtet saftig grün, in einem Land, das eigentlich Wüste ist. Amram Mizna hat nicht viel Zeit, 20 Minuten, dann kommen Mitglieder der Jugendorganisation der Arbeitspartei, um ihm Fragen zu stellen. Im großen Konferenzsaal werden die Mikrofone überprüft und Stühle aufgestellt. Mizna bringt das nicht aus der Ruhe, „ich bin ganz der Ihre“, sagt er und erklärt, wie er sich das vorstellt mit dem Frieden im Nahen Osten. „Sobald ich gewählt bin, werden wir mit dem Rückzug aus Gaza beginnen.“ Die Siedlungen, in denen rund 7000 Juden leben, sollen binnen eines Jahres ohne Vorbedingung geräumt werden. Gleichzeitig will Mizna Verhandlungen mit den Palästinensern beginnen, wenn sie zu keinem Ergebnis führen, wird er einen Großteil der Westjordanlandes „nach Israels eigenen Interessen“ einseitig räumen und eine Grenze ziehen, die Israel von Palästina abschottet. Aber im Moment sieht es so aus, als würde Miznas Friedensplan so schnell nicht umgesetzt, denn noch liegt Scharon in den Umfragen vorn.

Die Eltern von Amram Mizna, auch wenn sie das nie zugeben würden, scheinen darüber gar nicht so traurig zu sein. Natürlich sind sie stolz auf ihren Sohn. „Auf ihn werden sich die Leute verlassen können“, sagt Ben-Zwi Mizna. Bei den Vorwahlen in der Arbeitspartei haben die Eltern im Wahllokal von Kiriat Haim ausgeholfen, sie sind seit Jahrzehnten Mitglieder in der Partei. Und natürlich haben sie sich gefreut, dass Rami seinen internen Herausforderer Benjamin Ben-Elieser haushoch geschlagen hat.

Doch als Premierminister wäre Amrams Leben noch mehr in Gefahr. „Und die Aufgabe, die auf ihn dann wartet, ist so schwer“, sagt Ben-Zwi. Sein Sohn müsste sich gegen den massiven Widerstand der Konservativen durchsetzen, die kein Stück Land räumen wollen, solange der Terror weitergeht. Und er muss sich gegen die zahlreichen Religiösen stellen, die sagen, das Westjordanland sei ihnen von Gott gegeben. Und wenn die Siedler sich weigern und um ihre Häuser kämpfen? „Man kann ja nicht einfach auf sie schießen“, sagt der Vater.

Er sitzt in dem grünen Samtsessel im Wohnzimmer, den Tisch vor ihm ziert ein Spitzendeckchen. Man merkt ihm seine Ratlosigkeit an darüber, wie sein Sohn das alles schaffen soll. Es muss schwer sein für einen Vater zu begreifen, dass er dem Sohn nicht helfen kann, weil die Herausforderungen zu groß ist. „Das ist keine einfache Umstellung“, sagt Ben-Zwi, und man kann sich vorstellen, wie die Sorgen noch mehr kleine Krater in sein Gesicht meißeln.

Vor vielen Jahren hieß Ben-Zwi noch Norbert Mizne. Er lebte mit seinen Eltern in Leipzig. Bei den jüdischen Pfadfindern gab man ihm den Namen Ben-Zwi, Sohn des Hirsches, weil er der Schnellste von allen war. Noch heute sieht der 80-jährige, große Mann mit den kräftigen Händen sportlich aus, er trägt Jeans und Sweatshirt.

Mit 14 hatten ihn seine Eltern allein nach Palästina geschickt, um sein Leben zu retten. Ben-Zwi wurde Agrarwissenschaftler und baute Anfang der 40er Jahre einen Kibbuz mit auf. Den heutigen Nachnamen Mizna verdankt er Golda Meir, sie wollte ihn 1961 auf eine geheime Mission nach Afrika schicken und sagte: „Mit dem Namen gehst du nirgendwo hin“, denn Mizne klang zu wenig hebräisch, und so änderte man den letzten Vokal von „e“ in „a“, was in den Ohren von Meirs Sekretärin viel hebräischer klang.

Amram Mizna, dem Kandidaten, sagt man nach, er sei ein ernster Mann, nicht besonders humorvoll, einer, der die Dinge beim Namen nennt. Wenn er etwas vom Vater hat, dann ist es diese Ernsthaftigkeit. Ben-Zwi ist ein nachdenklicher Mann, der auch eine tiefe Traurigkeit in sich trägt. Von seiner einst hundertköpfigen Familie haben nur die Mutter und ihre Stiefschwester die Nazis überlebt. Ben-Zwis Mutter war in mehreren Konzentrationslagern, und als sie nach dem Krieg zu ihrem Sohn nach Palästina kam, war sie so krank, dass sie bald darauf starb. Den Vater sah Ben-Zwi Mizna 1936 zum letzten Mal. Er war mit einer zerbrochenen Brille aus dem Pelzgeschäft nach Hause gekommen, das einst ihm gehört hatte und das nun ein Bevollmächtigter der Nazis leitete. Man hatte ihn verprügelt. Ben-Zwis Vater floh nach Polen, tauchte unter, er starb später im Ghetto Warschau.

In Israel haben die Miznas untereinander nie Deutsch geredet. 1969 gingen sie für zwei Jahre mit der jüngsten Tochter nach Frankfurt. Ben-Zwi übernahm dort für seine Firma, die Blumen und Früchte aus Israel exportiert, die Leitung für Europa. Die Miznas wollten nie nach Deutschland zurück, und dennoch gaben sie dem Wunsch der Firma nach. Aber die Familie hat keine guten Erinnerungen an die Zeit. „Mit Deutschen in meinem Alter wollte ich, wenn möglich, nichts zu tun haben“, sagt Ben-Zwi, „ich habe mich immer gefragt, was die wohl während des Krieges gemacht haben.“ Die Familie lebte dort „ziemlich abgekapselt“. Aber man arrangierte sich mit der Situation, hielt durch.

Diesen eisernen Willen spürt man auch beim Sohn, wenn man ihn auf einer seiner Wahlkampftouren in Israel begleitet. Außerhalb Haifas kannten ihn bis vor kurzem nur wenige. Erst Ende August beschloss er auf Drängen einiger Parteifunktionäre und Wirtschaftsbosse, für den Vorsitz der Arbeitspartei zu kandidieren, um der Partei ihr Profil zurückzugeben, das sie nach dem Scheitern Ehud Baraks und der großen Koalition verloren hatte. Erst Ende November gewann er die Vorwahlen. Und seither ist Miznas Wahlkampftour ein Wettlauf gegen die Zeit.

Ganz offensichtlich wird das in Ramle, einer Arbeiterstadt zwischen Tel Aviv und Jerusalem, wo Amram Mizna an diesem Tag über den Markt läuft. In der Stadt leben viele orientalische Juden, die traditionell eher den konservativen Likud wählen. Gleich zu Anfang bekommt man das Gefühl, dass dieser Marktbesuch kein Spaß werden wird.

An den Ständen stehen Neueinwanderer aus Äthiopien und begutachten die Kleider auf den Stangen. Auf dem Markt gibt es alles: Essen, Schuhe und billige CD-Raubkopien. Mizna schüttelt die Hände verdutzter Marktbesucher, die sich kurz zuvor noch darüber geärgert haben, dass ihnen da irgendjemand mit einem Haufen Bodyguards und Journalisten im Schlepptau den Weg versperrt. Zumindest die Verkäufer scheinen zu wissen, wer sich da freundlich lächelnd an ihnen vorbeischiebt. Einige reichen ihm frisch gepressten Saft, schenken ihm Erdbeeren. Und dann plötzlich ruft einer laut in die Menge „Mizna? Wer ist das überhaupt?“ Das ist der Startschuss. Schon bald stimmt ein anderer das Lied des Likud an, „Arik, König Israel“ zu Ehren von Premierminister Scharon. Und nicht wenige Marktschreier grölen mit.

Dagegen kann selbst die sehr blonde und sehr farbenfroh geschminkte Frau nichts mehr ausrichten, die der Ortsverband Ramle offenbar als Cheerleaderin engagiert hat. Sie tänzelt dem Pulk um Mizna hinterher, stets lächelnd, und wenn jemand etwas gegen ihren Kandidaten sagt, übergießt sie ihn mit einem Redeschwall, schreit an gegen all die derben Männer in schmutzigen Karohemden, die rufen, „Mizna ist nur in Haifa gut“. So sind die Regeln hier: Wer am lautesten schreit, gewinnt. Amram Mizna scheint nicht zu stören, dass er hier schon verloren hat, er schüttelt Hände, unbeirrt.

Er hat Geduld. „Ich bin ein Marathonläufer, kein Sprinter“, sagt er in seinem Tel Aviver Büro. Wenn es diesmal nicht klappt, dann eben bei den nächsten Wahlen. Mizna hat allen klargemacht, dass er geduldig ist, dass er bei einer Niederlage nicht gleich zurück nach Haifa gehen wird, sondern als Oppositionsführer für seinen Friedensplan kämpfen will. „Das war einer seiner besten Schachzüge“, sagt Moti Morell, der 1996 Benjamin Netanjahu als Wahlkampfmanager in einer schier aussichtslosen Situation zum Sieg verhalf. Die Israelis hätten in den letzten Jahren gemerkt, dass Politiker, die ihnen schnelle Lösungen versprechen, scheitern. „Keiner kann hier ein Wunder vollbringen“, sagt Morell, „und dass Mizna das zugibt, macht ihn den Leuten sympathisch.“

Einmal war er tot

Die Arbeitspartei hat in den Umfragen der letzten Woche zwei Mandate dazugewonnen. Noch sieht es so aus, als würde Scharon Premierminister bleiben, aber vermutlich wird er keine stabile Regierung bilden können. Likud verlor wegen der Korruptionsaffäre in der Partei in den letzten Wochen 14 Mandate, das ist eine enorme Zahl, in der Knesset sitzen nur 120 Abgeordnete. Eine neue Regierung Scharon würde viele Krisen zu bestehen haben, und wenn Mizna dann als Oppositionsführer überzeugt, wird er vielleicht eines Tages als echte Alternative dastehen. Jedenfalls ist er einer, den man nicht vorschnell abschreiben darf.

Auf einem Bild im Haus seiner Eltern sieht man Amram Mizna noch mit dunkelbraunem Bart. Es ist ein großes Familienfoto, das sich die Eltern ins Wohnzimmer gehängt haben. Darauf sieht man ihre drei Kinder, die Ehepartner und einige der zehn Enkelkinder. Sie stehen nebeneinander aufgereiht, gut frisiert, wie man es aus amerikanischen TV-Serien kennt. Rami trägt auf diesem Bild noch Uniform. 30 Jahre lang war er beim Militär, erlebte zwei Kriege, wurde dreimal verwundet. Und einmal war er auch schon tot.

Es war im Sechs-Tage-Krieg, da rief der Direktor von Ramis alter Schule an. Erst stotterte er herum, erinnert sich Ben-Zwi Mizna, dann sagte der Mann, Rami sei gefallen.

Da ruft also einer an, und sagt, „Ihr Kind ist gestorben“. Miriam und Ben-Zwis Glück war nur, dass ihr Sohn sie zuvor schon aus dem Krankenhaus angerufen hatte, um zu sagen, dass er verletzt ist. Ein Granatsplitter war ihm in die Brust geschossen und hatte zwei Zentimeter neben seinem Herzen Halt gemacht. Ein Abstand, so winzig, dass er riesigen Raum für Gerüchte bietet. Amram Mizna war noch am Leben, als ihn andere schon für tot erklärten.

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