Zeitung Heute : Weiche Männer, harte Frauen

CHRISTINA TILMANN

Der Shakespeare-Klassiker "Romeo und Julia" im Theater AcudVON CHRISTINA TILMANNSo muß es einst im Globe Theatre gewesen sein: Ein verlotterter Innenhof, mittendrin eng gedrängt die Zuschauer, über ihnen der Nachthimmel und vorn ein junges Ensemble, das ohne Bühnenbild und dafür mit viel Begeisterung einen alten Stoff spielt, als sei er von heute.Andreas Roos inszeniert im Innenhof des ACUD-Theaters das alte Lied von Romeo und Julia unter bestmöglicher Platzausnutzung: Alle Teile des maroden Gebäudes werden bespielt. Da poltern Gangs die Treppen rauf und runter, aus Fenstern dringen heiße Discoklänge, Julia lehnt sich sehnsüchtig aus dem Dachfenster und der Weg auf ihren Balkon führt den verliebten Romeo im Seilakt übers Dach.Baupolizeilich bedenklich sicherlich der waklige Balkon und die mit Haken in die Wände geklammerten Kletterseile: Für die Zuschauer, die die akrobatischen Drahtseilakte mit angehaltenem Atem verfolgen, entsteht eine Mischung aus Soap Opera und Zirkus. Der Kampf der Häuser Capulet und Montague ist für das Ensemble im wahrsten Sinne ein Geschlechterkampf, in dem die Herren Montague von einer wehrhaften Amazonengang unterjocht werden.Trotz aller Großmannssucht, mit der Mülltonnen gestemmt, Bierdosen geleert und gegenüber den Frauen der Macho gemimt wird, sind die Montague-Jungs von rührender Weichheit: Chris Urwyler als Benvoglio übt wie ein Kind auf einer Blockflöte, und David Monteiros weicher portugiesischer Akzent klingt, wenn Mercutio mit Romeo spricht, verdächtig nach Liebe.Da sind die Damen schon härter: Wendige Stöcke und schnelle Springmesser sind die Waffen, mit denen in einer Mischung aus japanischem Ritual- und westlichem Straßenkampf hantiert wird.Die Körper, die gegen Türen und Wände klatschen, in die Ecke fliegen, müssen gut trainiert sein, um den Abend ohne Verletzung zu überstehen. Jede neue Szene ein Einfall, zum Lachen oder Staunen.In einem vergoldeten Einkaufswagen läßt sich Regisseur Roos als Graf Paris majestätisch per Lastkran zu Boden, um als Erwachsener unter Kindern die schmierig-verführerische Gefährlichkeit eines Mafiabosses zu entwickeln.In der großen Liebesszene erscheinen statt Romeo am Fenster zwanzig weiße Masken: Erst beim Kuß fallen sie zu Boden.Ina Herr als Julia ist von einer derart schnippischen Görenhaftigkeit, daß die Altersangabe "noch keine 14 Lenze" zutreffend erscheint.Gemeinsam mit dem pubertär-schnodderigen Thomas Fritz Jung bildet sie ein Liebespaar, das an das erste Glück einer Klassenfahrtliebe erinnert.Die "Hochzeitsnacht" verbringen beide hoch auf dem Schornstein des Hauses, dicht bei den Sternen und ebenso entrückt.Wenn nach der Pause das Stück mit starken Strichen und ohne viel Federlesens auf ein wunderbares Schlußtableau zusteuert, gelingt der Truppe, was Baz Luhrmann unlängst in der Kino-Version mit hektischen Kamerafahrten, Musik und Popkultur versuchte: Eine Liebesgeschichte, glaubhaft und bezaubernd - hier und heute. Theater Acud, Veteranenstr.21, bis 21.September, Mittwoch bis Sonntag 20 Uhr.

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