Zeitung Heute : Weil er anders dachte

„Guck mal, die“, sagten sie zueinander. Dann gingen sie auf die SPD-Wahlhelfer los. Mit Springerstiefeln, verstärkt mit Stahlkappen. „Eine fiese, hinterhältige und gemeine Straftat“, sagt jetzt der Berliner Richter

Verena Mayer

Wie sie auf die Idee gekommen sind, kann Ronny F. ganz genau sagen. „Wir haben den gesehen, und der hat uns nicht gefallen, weil anders denkend.“ Warum nur sein Kumpel Thomas und nicht er den Mann mit Springerstiefeln traktiert hat, bis er schwer verletzt war, weiß Ronny F. nicht mehr. Nur so viel: „Ich hätte das auch gemacht.“ Er sagt „bearbeiten“ dazu.

Vor dem Amtsgericht Tiergarten werden die unschönen Details des Berliner Wahlkampfs aufgerollt. Am 8. September 2006 haben zwei junge Männer einen Wahlhelfer der SPD mit Gewalt daran gehindert, ein Plakat aufzuhängen.

Ronny F. sitzt an diesem Montagmorgen breitbeinig auf der Anklagebank. Er ist ein bulliger Kerl mit kahl rasiertem Schädel, den er die meiste Zeit gesenkt hält. Aber er sieht nicht so aus, als würde er sich schämen. Es ist seine Form der totalen Verweigerung. Ronny F. ist 21 Jahre alt und lebt von Hartz IV. Sonst gibt sein Lebenslauf noch her: Einträge ins Bundeszentralregister wegen Körperverletzung, Diebstahl, Sachbeschädigung, Urkundenfälschung. Und da wäre noch die rechte Szene. Ronny F. bezeichnet sich als Hooligan und sagt, dass viele Leute vor ihm Angst hätten. Er klingt stolz.

An jenem Septemberabend zog Ronny F. durch Marzahn. Er hatte Pfefferspray dabei und sogenannte Quarzhandschuhe – Handschuhe, die mit Sand gefüllt sind, damit man besser zuschlagen kann. Auf dem Marzahner Erntedankfest traf er Thomas G. Die beiden tranken Bier und fuhren Autoscooter. Dann sahen sie zwei Männer, die ein Plakat an einem Laternenmast befestigen wollten, das den Besuch Klaus Wowereits ankündigt. „Guck mal, die“, sagte Ronny F. und zog sich seine Handschuhe an. Sie bauten sich vor den Wahlhelfern auf und schrien: „PDS, was macht ihr hier?“ Einer der Wahlhelfer konnte weglaufen, der andere strauchelte. Er ist ein schmaler Mann mit Brille, 23 Jahre alt, damals war er Praktikant bei der SPD. Er kam nicht dazu, Ronny F. und Thomas G. den Unterschied zwischen PDS und SPD zu erklären. Thomas G. ging sofort auf ihn los, mit Springerstiefeln, die mit Stahlkappen verstärkt waren. Ronny F. sah ihm dabei zu. Die beiden fragten den Wahlhelfer, ob er Jude sei, dann trat ihn Thomas G. abermals, zehn bis 15 Mal, immer wieder gegen den Kopf.

Ronny F. stand daneben, irgendwann sagte er zu Thomas G., dass es jetzt reiche. Weil er bemerkt habe, dass der Mann auf dem Boden schwer verletzt war, will der Richter wissen. „Nö, weil ich unter Zeitdruck war“, antwortet Ronny F. Es ist schwer zu sagen, ob er dreist ist oder einfach nur dumpf. Der Wahlhelfer schaffte es, sich aufzurappeln und zur Landsberger Allee zu laufen, wo sich Russlanddeutsche seiner annahmen und einen Krankenwagen holten. Er arbeitet noch immer für die SPD, inzwischen als Bezirksverordneter in Marzahn. Seit dem Vorfall verhalte er sich anders, sagt er. Er traue sich nicht mehr, alleine zu Terminen zu gehen, könne sich nicht mehr frei bewegen. In Marzahn ist inzwischen auch die NPD im Bezirksparlament vertreten.

Was ihm bei den Rechten beigebracht worden sei, fragt der Richter Thomas G. „Dass die Deutschen besser sind als andere“, murmelt Thomas G. Er ist 20 Jahre alt, aber mit seinen Pickeln am Hals wirkt er wie ein Junge in der Pubertät. Er spricht stockend, als sei er es nicht gewohnt zu reden. Er ist in Marzahn aufgewachsen, hat die Realschule gemacht und eine Lehre begonnen. Dann lernte er vier Leute aus der rechten Szene kennen. Er zog sich immer mehr von seiner Familie zurück, redete nicht, seine freie Zeit verbrachte er stumm vor dem Computer. An den Wochenenden zog er mit den Rechten durch die Gegend, seine erste Lehrstelle verlor er, weil er bei der Arbeit Kleidung mit rechtsradikalen Symbolen trug. Die Polizei fand bei einer Hausdurchsuchung einen Sack mit Pflastersteinen, einen Gürtel mit Hakenkreuzschnalle, einen Computerausdruck mit Goebbels’ Sportpalast-Rede und NPD-Aufkleber.

Ronny F. und Thomas G. werden wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Zudem müssen sie je 1000 Euro an das Opfer zahlen. Der Übergriff sei eine „fiese, hinterhältige und gemeine Straftat“ gewesen, sagt der Richter. Thomas G. will sich inzwischen von der rechten Szene gelöst haben. „Ich weiß nicht, warum ich so durchgedreht bin“, sagt er vor Gericht und entschuldigt sich bei dem Wahlhelfer. Er macht jetzt wieder eine Ausbildung, zum Heizungsinstallateur. Ronny F. steht indes zu seiner Gesinnung. Ob er sich seither wenigstens ein bisschen Gedanken gemacht habe, will der Richter wissen. Ronny F. zuckt mit den Schultern. „Denken Sie überhaupt?“, fragt der Richter. Ronny F. senkt den Kopf und schweigt.

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