Zeitung Heute : Weimar: Etwas Glanz ist schon geblieben

Siegfried Krause

Wer mit dem Zug nach Weimar kommt, dem begegnet am Bahnhof nicht zuerst Goethe, Schiller, Herder, Wieland oder Franz Liszt, sondern er sieht sich der leuchtend gelb-golden verzierten Fassade eines Hauses gegenüber, das dort seit ein paar Wochen die Blicke auf sich zieht. Es empfiehlt sich als Tanzbar. "Zauberlehrling" steht über dem Eingang, und die Weimarer lächeln vieldeutig-unwissend, wenn man sie danach fragt. "Bahnhofs-Umgebung", sagt einer und meint, das gehöre zum Bild der Stadt: "Der Gott und die Bajadere".

Langsam vergilbt das Etikette "Kulturstadt Europas", das Weimar anno 1999 vehementen Zustrom brachte. Die Feste lassen sich nur feiern, wie sie fallen. Längst beherrschen kommunalpolitische Händel, die manchmal tumultartig ausufern, das Alltagsgeschehen. Aber ein Stück vom Glanz ist geblieben. Es gibt nicht nur Schulden, sondern auch renovierte Straßen, Häuser und Köpfe. Das Goethe-Nationalmuseum wurde umgestaltet, der Bahnhof renoviert, ein "Neues Museum" für aktuelle Kunst soll die Gegenwart festhalten, ein modernes Kongress-Gebäude ("Weimarhalle") zieht nun auch große Tagungen in die Stadt, die sich bereits unter den zehn führenden Kongress-Städten eingeordnet hat.

Und noch mehr muss doch dran sein, wenn immer mehr Touristen neugierig kommen und begeistert gehen. Gern wird Goethe zitiert (zu Eckermann): "Wo finden Sie auf einem so engen Fleck noch so viel Gutes? Wo bin ich nicht überall gewesen. Aber ich bin immer gerne nach Weimar zurückgekehrt." Und der Spiritus Rector, der 1999 als Kulturstadt-General die Bürokraten unermüdlich angestoßen, vorwärts geboxt hat, verlässt nun doch nicht die Stadt: Bernd Kauffmann, zuerst umstritten, zuletzt umjubelt und wieder Präsident der Stiftung Weimarer Klassik, sollte anderswo neue Aufgaben übernehmen, hat sich jedoch weiter für Weimar entschieden.

Nach dem Auftrieb im Kulturjahr ist das Programm für 2001 allerdings recht dünn, die "Events" fehlen. Fest steht jedoch, dass das sommerliche Kunstfest, das unter Kauffmanns Leitung bisher mit einem anspruchsvollen Programm international auf die Dichterstadt aufmerksam machte, auch in diesem Jahr stattfinden wird. Termin: 8. August bis 2. September. Ein genaues Programm steht noch nicht fest. Einige Hoffnung setzen die Touristiker auf eine Neuinszenierung von "Faust I" im Deutschen Nationaltheater (Premiere im März); Goethes Meisterwerk gilt ja wie eh und je als Publikumsmagnet. Von den "Goethe-Festspielen", wie die alljährlichen Geburtstagsfeiern um den 28. August herum von Spöttern genannt wurden, hat man sich dagegen verabschiedet, sie waren zuletzt in Mittelmäßigkeit erstickt und werden nun auf einen Tag reduziert.

Alles in allem sieht es so aus, als hätten in diesem Jahr jene Weimar-Besucher eine Chance, die die Stadt in einiger Ruhe erleben, ungestört und ohne Voranmeldung durch die klassischen Stätten pilgern oder sich in den Parks rund um die Stadt ergehen wollen: Tiefurt, Belvedere, Ettersburg und Goethepark mit dem Gartenhaus - alle einen Besuch wert. In der Stadt selbst wird es freilich wieder einigen "Aufbruch" geben. Wie Angela Jahn von der Stiftung Weimarer Klassik berichtet, ist es sicher, dass die Anna-Amalia-Bibliothek, deren Chef einst ebenfalls ein gewisser Herr von Goethe war, erweitert wird. Dazu muss man wieder die Erde aufgraben, weil neue Magazin-Räume unterirdischen Platz brauchen. Zusammen mit der Restaurierung der alten Gebäude, die zum Teil aus dem 16. Jahrhundert stammen, kostet das rund 50 Millionen Mark und soll bis 2005 beendet sein. Zwei neue Hotels sollen ebenfalls gebaut werden, obwohl es doch in der kleinen Stadt schon 25 gibt und eins davon ständig leer steht. Aber Optimismus gilt halt auch bei Touristikern in Weimar als Tugend.

Auskunft: Tourist-Information Weimar, Telefon 036 43 / 240 00. Die Hotels bieten unterschiedliche Arrangements an.

Kunstfest Weimar GmbH, Markt 15, 99423 Weimar; Telefon: 036 43 / 771 10.

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