Zeitung Heute : Wein von sonnigen Höhen

Die Schweizer trinken ihre Erzeugnisse selbst — deshalb sind sogar Spitzenprodukte kaum bekannt

Bernd Matthies

Ist die Schweiz das unbekannteste europäische Weinland? Es scheint so, betrachtet man nur die Handelsströme: Die Schweizer trinken ihren Wein ganz überwiegend selbst. Weil er ihnen am besten schmeckt – und weil die Kostenstruktur des Schweizer Weinbaus es unmöglich macht, im internationalen Preiskampf auf den Massenmärkten mitzuhalten. Die Weinberge von Wallis und Waadtland, Bündner Herrschaft und Thurgau sind meist zu klein und steil für industrielle Ernteverfahren, und sie bedürfen sehr sorgfältiger Rebpflege. Doch damit sind gerade die Voraussetzungen gegeben für jenen Typ des international gesuchten Spitzenweins, der noch echte Individualität verkörpert – solche Schweizer Weine sind dann im Vergleich sogar preiswert.

Im Ausland wird Schweizer Wein noch immer gleichgesetzt mit dem Chasselas, der in Deutschland Gutedel heißt und bei Massenanbau langweilige, säurearme Weißweine ergibt. Doch zum Beispiel auf den bevorzugten Lagen am Genfer See ergibt die Rebe mineralische, charaktervolle Tropfen, die einen ganz eigenen Charakter haben und sich bislang als einzige Schweizer auf den internationalen Weinkarten etablieren konnten: Der „Aigle Les Murailles“, wegen seine Etiketts auch als „Eidechsliwy“ bekannt, gehört zu den besten.

Andere Gegenden haben ebenfalls ein klares Profil: Das Tessin ist die Heimat des Merlots, der in den Händen von berühmten Erzeugern wie Christian Zündel Weltklasseniveau erreicht, in Graubünden brillieren Meisterwinzer wie Daniel Gantenbein oder Georg Fromm vor allem mit dem Blauburgunder (Pinot Noir), der auch im ostschweizerischen Thurgau höchst beachtliche Weine erbringt.

Die derzeit interessanteste schweizerische Weinregion ist aber zweifellos das Wallis, das über eine ganze Reihe eigenständiger (autochthoner) Rebsorten verfügt, die sonst nirgendwo wachsen: Petite Arvine, Amigne, Humagne blanc, Heida, Cornalin und andere. Die kapriziöse, ertragsschwache Petite Arvine erbringt die vermutlich langlebigsten trockenen Weißweine der Welt, einige Winzer keltern aus ihr aber auch edelsüße Weine höchsten Niveaus. Experten wissen das und sorgen dafür, dass beispielsweise die Süßweine der Pionierin Marie-Therese Chappaz stets schon ausverkauft sind, bevor der jeweilige Jahrgang überhaupt begonnen hat. Ebenso begehrt ist der weiße „Mitis“, den Jean-René Germanier aus der Amigne erzeugt. Ein unumstrittener Rekord: Oberhalb von Visp befindet sich Europas höchstgelegener Weinberg. Bis auf 1200 Meter Höhe reichen die Reben der seltenen Sorte Heida (sonst als Savagnin bekannt), die dort einen überaus würzigen, konzentrierten trockenen Wein erbringt.

Die exportorientierten Schweizer Erzeuger haben natürlich den internationalen Markt im Blick, der einerseits internationale Reben wie Syrah oder Sauvignon blanc fordert, andererseits aber auch gerade die regionaltypischen Sorten in den Vordergrund rückt. Die Walliser können beides – und sie sind in den letzten Jahren besonders mit Weinen erfolgreich, die beides verbinden. Beispielhaft dafür ist der „Tourmentin Valais“ von Rouvinez, eine Kombination aus Pinot noir, Humagne rouge, Cornalin und Syrah, ein weltläufiger Schweizer par excellence.

Billig werden solche Weine nie sein können, aber sie sind ihren Preis wert. Und das ist im hysterischen, kaum noch überschaubaren Weltweinmarkt ein bemerkenswerter Vorzug.

Weiteres im Internet:

www.schweizerweine.de

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar