Zeitung Heute : weise Paar

Der Alkohol, das Nikotin, die Sucht – ein Mittel, das Chaos zu bändigen Über 50 Mal haben sie zusammengearbeitet. Liebe, Film und Theater gehören bei Elisabeth Trissenaar und Hans Neuenfels zusammen.

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Von Christine Lemke-Matwey Er sei doch sehr für den Zufall, sagt Hans Neuenfels leise und fingert sich eine Zigarette aus der angebrochenen Packung „Lord“. Dass es diese Marke überhaupt noch gibt. Und dass dieser Mann partout nicht aufhören kann. Sollte er unbedingt, aufhören mit dem Rauchen. Wenn da nur diese gut eingebürgerte Lust an der Todesnähe nicht wäre. Dieses sich selbst immer wieder neu Zum-Leben-erwecken-Müssen. Mit der Kunst für die Kunst.

Im Theater, so hat Neuenfels es einmal auf den Begriff gebracht, könne er selber bestimmen, was ihn kaputtmache. Im richtigen Leben offenbar nicht. Deshalb also der Regieberuf, das Theatergeschichte(n)- Schreiben, deshalb „Fräulein Julie“, „Iphigenie“, „Medea“, „Aida“ und all die anderen? Deshalb, jedenfalls, der Alkohol, das Nikotin, die Sucht nach der Sucht. Ein Mittel, „das eigene Chaos durch Umzingelung zu bändigen“.

Thrombose, Lungenembolie, Lungen- und Rippenfellentzündung: Das war im September, die Proben zu Neuenfels’ Klavieroper „Schubert, Schumann und der Schnee“ bei der Bochumer Ruhrtriennale hatten gerade begonnen. Zwei Wochen Intensivstation, eine knappe Sache. Und alles andere als ein Zufall. „Ich geriet in etwas, das ohne mich sein würde“, so hat Neuenfels seine Nahtod-Erfahrung unlängst in der „Zeit“ beschrieben: „Was sollte ich da, und vor allem, wie lange müsste ich bleiben, etwa ewig?“ Nein, nur vorübergehend.

Es ist ja noch einmal gut gegangen. Trotzdem klingt es tragisch: Der Körper kapituliert vor der Kunst. Und es klingt paradox: der Tod als das Gegenteil von Theater. Wo dieses ein riesiges glücksfunkelndes „Wir“ heraufbeschwört, da tilgt er mit harter Hand jedes Ich. Wo das Theater redet, spricht, tröstet, Nähe sucht, da macht der Tod Ernst mit der Totenstille. Beherzten Medizinern ist es zu verdanken, dass es diesmal so weit nicht kam. Und Elisabeth natürlich, die immer da war und immer da ist. „Da sah ich dein Gesicht, Elisabeth“, fantasiert Neuenfels unter Schläuchen, „an der Wand, die wohl durchsichtig war. Ich hoffte auf dich, inbrünstig …“

Die Schauspielerin Elisabeth Trissenaar, seit über 40 Jahren mit Hans Neuenfels verheiratet, hält von Zufällen ziemlich wenig. Eher liebäugelt sie mit den Sternen, allerdings ohne dabei impertinent zu werden. Neuenfels, Zwilling, 1941 in ein erzkatholisches Krefelder Elternhaus hineingeboren – ein Luftgeschöpf. Und als Regisseur schon von Berufs wegen für die Konzepte zuständig, fürs Ganze. Sie selbst, Wienerin, Widder und drei Jahre jünger – ein Feuergeschöpf. Und als Schauspielerin mit der Ausarbeitung der Details befasst, mit dem „schmalen Weg“. Kein Feuer ohne Luft? Trissenaar winkt ab, das ist ihr jetzt doch zu simpel. Und zu viel Klischee. Ihre Ehe, sagt sie, habe sich in Sinuskurven vollzogen, „das geht ja nicht immer geradeaus, man tritt ja nicht an und sagt, wir schießen uns jetzt in den Himmel!“ Und das soll jetzt kein Klischee sein, die sprichwörtliche Arbeit an der Beziehung, die Auseinandersetzung mit einem mal mehr, mal weniger mäandernden Du? Ebenso wie ja auch die Boheme längst ein Klischee ist, die ganze Selbststilisierung, Selbstzerstörung und Selbstausbeutung, das freie Leben in freier Liebe.

Bei Neuenfelsens/Trissenaars in Charlottenburg jedenfalls geht es ziemlich bürgerlich zu. Im Hintergrund klappert die Putzfrau, ein Christstern wird vorbeigebracht, wie immer kurz vor Weihnachten, die Flügeltüren des herrschaftlichen Altbaus sind hoch, die Möblierung sparsam, alles steht hier schon etwas länger an seinem Platz. Die Wohnung als Höhle und Halt? Es sei ja eigentlich nicht denkbar, nickt Neuenfels und schiebt den Aschenbecher prophylaktisch unters Sofa, „dass man mit einem Menschen sein ganzes Leben verbringt. Deswegen ist es zufällig, wenn man es tut. Bei uns war das ein großer Zufall.“ Und das Geheimnis des Erfolgs? Fast bricht die berüchtigte Reibeisenstimme, so konzentriert wählt er die Worte: „Wir hatten nie das Gefühl, dass der eine unzuständiger sei als der andere. Wir hatten nie das Gefühl, dass wir nicht gleich sind.“ Außerdem wären Dritte immer sehr wichtig gewesen, Assistenten, Mitarbeiter, Dramaturgen. Junge und immer Jüngere, notgedrungen, zum Reden, zum Diskutieren, zum Dranbleiben an der Welt.

In „Schubert, Schumann und der Schnee“ spielt Elisabeth Trissenaar Clara Schumann. Eine starke, disziplinierte, bodenständige Frau von maskuliner Herbheit. Sie fühle sich dieser Figur verbunden, sagt Trissenaar, die über sich selber einmal gesagt hat, sie könne „keine Heimchen“. In der Tat haftet ihr bis heute etwas Zart-Burschikoses an, etwas Wiener-Mädchenhaftes draußen und Vulkanisches drinnen, etwas Distanziertes, Verletzliches auch, etwas zum Hühnerausnehmen und Geigespielen zugleich, das einen nicht wirklich in Sicherheit wiegt. Wer immer die Charlottenburger Wohnung betritt, der passiert zunächst eine Art Schleuse: Ein großzügiges Entree, gepflastert mit Theaterplakaten aus den letzten vier Jahrzehnten. Ohne Trissenaar, sagt diese Installation, geht hier gar nichts. Und: An ihr kommt keiner vorbei, zuallerletzt Hans Neuenfels.

Was die Organisation des Privatlebens betrifft, so gesteht die Schauspielerin, die von Friedrich Luft einmal eine „große Tragödin“ genannt wurde, sei sie die Ordentliche, die Systematische, diejenige, die die Buchhaltung macht und das künstlerische Archiv verwaltet. Die klassische Rollenverteilung also, er, der Künstler, sie, Künstlerin und Künstlergattin? Die Vorstellung behagt beiden nicht. „Das ist weniger eine Rollenverteilung als eine Kompetenz- oder Begabungsverteilung“, wehrt Trissenaar ab. „Ich zum Beispiel wäre nie eine, die in den Krieg zieht, während er bestimmt auch keine perfekte Trümmerfrau abgeben würde.“ Und Neuenfels erzählt aus seiner Frankfurter Zeit, als am Theater das Mitbestimmungsmodell tobte, Trissenaar drehte, und er sich allein um den gemeinsamen Sohn Benedict kümmern musste: „Da war ich überfordert.“ In diesem Augenblick bückt sich Elisabeth Trissenaar und kriecht am Boden entlang. „Was suchst du da?“, fragt er und hebt ein Bein. Sie streckt die Hand aus, lacht, es ist ja nur der Aschenbecher. „Siehst du“, sagt er, „das würde mir nie passieren.“ Diese Szenen einer Ehe gibt es also auch. Eine günstige Gelegenheit für die nächste Zigarette.

Über 50 Mal haben Elisabeth Trissenaar und Hans Neuenfels bislang zusammengearbeitet, im Schauspiel, im Film, im Musiktheater. Eine irre Zahl. Sie war Strindbergs Fräulein Julie, 1968 in Heidelberg, und rettete die festgefahrenen Proben, indem sie mit einem Taschentuch wedelnd über die Bühne tippelte; sie war Goethes Iphigenie und hatte einen derart exotischen Rhythmus am Leib und in der Sprache, dass er diesen nur mehr zuspitzen musste; und sie war die Medea von Euripides, 1976 in Frankfurt, und floh schreiend von der Probe: „Ich bin mit einem Schwein verheiratet!“ Die Trissenaar, sagt Neuenfels, habe sein Frauenbild geprägt und besetzt.

Kennen gelernt haben die beiden sich Anfang der sechziger Jahre am Wiener Max-Reinhardt-Seminar, sie hielt ihn für einen „arroganten Piefkinesen“, er sie für eine „überfleißige Wiener Kuh“. Und dann ging plötzlich alles doch sehr schnell. Warum sie überhaupt geheiratet haben? Blöde Frage. Trissenaar: „Damals heiratete man. Außerdem war ich schwanger.“ Neuenfels: „Das wäre ja heute kein Grund, im Gegenteil.“ Trissenaar: „Wir waren so, aus guten Familien.“ Neuenfels: „Es war aber auch ein Schritt.“ Trissenaar: „Das hatte keine bürgerlichen Momente, man heiratete halt.“ Neuenfels: „Nee, das hatte mit einer Entscheidung zu tun, mit einem Bekenntnis zu einem Stand. Ich war 24, du 21, das Ganze war auch eine Sozialfrage. Ich begegnete nur Menschen, die sagten, wie wollt ihr eigentlich die Miete zahlen? Denn eins war klar: Mit einem wie mir würde das eh nix werden. Trotzdem dachten wir, wir müssen das jetzt tun. Und mir war grauenhaft klar, welche Folgen es haben würde.“

Prompt befielen den jung verheirateten Neuenfels akute Lähmungserscheinungen. Er konnte sich buchstäblich nicht mehr rühren, musste in eine Klinik. Man stelle sich vor: der „provozierende Regisseur rebellischer Jugend“, der vielleicht „genialste Exzentriker des deutschen Gegenwartstheaters“ als Kleinfamilienvater. Die Verantwortung. Die Kralle des Bürgerlichen. Neuenfels war 18, als er seinen ersten Gedichtband veröffentlichte („Ovar und Opium“), die Bekanntschaft mit dem Surrealisten Max Ernst, für den er als Sekretär arbeitete, prägt seine Ästhetik bis heute.

Ernsts „spielerische Welthaltung“, sein „Sich-Entziehen gegenüber gesellschaftlichen Zwängen“ haben dafür gesorgt, dass man eine Neuenfels-Arbeit bis heute auf Anhieb erkennt. Keine Schule oder Richtung konnte ihn je gewinnen. Für seine Inszenierung von Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ an der Komischen Oper Berlin wurde er 2005 von der Zeitschrift Opernwelt zum „Regisseur des Jahres“ gewählt. Ein später, zu später Titel? Anlässe dazu hätte es viel früher gegeben, die Frankfurter Kult- und Skandal-„Aida“ 1981, die Stuttgarter „Entführung“. Er habe in seinem Leben, antwortet Neuenfels, stets große Todesangst verspürt. Das erklärt wohl ein gewisses stilistisches Beharren, ein Festhalten- Wollen. Einerseits. Andererseits genoss er eben jene private Erfüllung, ganz „zufällig“, die ihm kaum gestattet hätte, sich vorzeitig aus der Affäre zu ziehen.

Liebe und Arbeit, fest ineinander verschränkt, als geheimbündlerische „Umzingelung des Chaos“. Der Schlüssel, zweifellos, zum Erfolg wie zu den diversen Gefährdungen und Abstürzen. Alles eine Frage der Balance? Ihre Penthesileen seien gespielt, da macht Trissenaar sich heute nichts vor. Spätestens mit Neuenfels’ „Wegwendung“ hin zur Oper sei es um sie herum ein wenig „einsam“ geworden, sagt sie. Fassbinder, der andere wichtige Regisseur ihres Lebens, ist lange tot, und Sängerin ist sie nun einmal nicht. Gleichwohl gelingt immer wieder auch Gemeinsames. Wie jetzt die starke Clara, der labile Robert, der rastlos janusköpfige Schubert.

Die Kunst bleibt Kraftspeise, macht es möglich, wie Neuenfels nicht ohne augenzwinkerndes Pathos betont, „auch in dunkleren Phasen das Kinn etwas höher zu halten, des Glückes wegen, weil einem das Wasser eben nicht bis hier reicht, sondern bloß bis da.“ In Elisabeth Trissenaars Worten klingt das existenzieller, froher, stolzer: „Zum Atmen war immer noch die Möglichkeit.“

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