Zeitung Heute : Weissagungen zu Fernost

Alan Greenspan hat vor einem Crash der chinesischen Börse gewarnt. Wie berechtigt sind seine Befürchtungen?

Harald Maass,Henrik Mortsiefer

Alan Greenspan kann es noch. Ein gutes Jahr nach seinem Rückzug vom Chefsessel bei der US-Notenbank versetzt der 81-Jährige die Aktienmärkte immer noch in Aufregung. In einer Rede vor spanischen Managern warnte Greenspan am Mittwochabend vor einem Crash an der chinesischen Börse. Nach dem Aktien-Boom in den vergangenen Monaten werde es bald zu einer „dramatischen Kontraktion“ des chinesischen Finanzmarktes kommen – mit gravierenden Folgen für den Rest der Welt. Kaum waren Greenspans Worte gesprochen, gerieten die Kurse an der Wall Street zwischenzeitlich ordentlich ins Rutschen, am Donnerstag folgten die Börsen in Asien und Europa.

Demonstrativ gelassen reagierten nur die Händler in China. „China tickt einfach anders als die globalen Märkte“, wiegelte der Analyst Zhang Yong von der Merchants Bank ab. „Die Marktstruktur ist einzigartig, deshalb kann die Sicht aus dem Ausland täuschen.“ Allerdings wird diese Sicht aus dem Ausland nicht von irgendwem vertreten. Fast alles, was Alan Greenspan in den vergangenen Jahren zu Aktien, Zinsen, Inflation und möglichen Risiken an den internationalen Finanzmärkten gesagt hat, wurde von Investoren rund um den Erdball sehr ernst genommen. 18 Jahre lang war er Chef der mächtigsten Notenbank der Welt. Ende Januar 2006 nahm er seinen Abschied; heute ist er als Berater des Rentenfonds Pimco tätig, der zum deutschen Versicherungskonzern Allianz gehört.

Inzwischen kann Greenspan nicht mehr an der Zinsschraube drehen – und damit die Rahmenbedingungen für Investitionen, Konsumentscheidungen und Ersparnisse verändern. Die Analysen des erfahrenen Finanzprofis haben aber immer noch großen Einfluss. Anerkennung erwarb er sich unter anderem, weil er die US-Wirtschaft geschickt durch den Börsencrash von 1987, zwei Rezessionen und die Krise nach den Anschlägen des 11. September 2001 manövrierte.

Mit seiner Sorge vor einem Crash der chinesischen Börse steht Greenspan nicht allein. Die wird auch von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) geteilt. Es gebe das Risiko „einer merklichen Korrektur“, heißt es in dem am Donnerstag veröffentlichten OECD-Wirtschaftsausblick. „Hohe Aktienkurse stellen ein Risiko für die Stabilität dar.“ Sollten Exporte und Unternehmensgewinne langsamer wachsen, könne die Börsen-Hausse ein plötzliches Ende nehmen.

Das Risiko ist täglich auf dem Kurszettel abzulesen. Allein seit Jahresanfang sind chinesische Aktien um 55 Prozent gestiegen, seit Anfang 2006 hat sich der Wert der an der Börse gehandelten Unternehmen verdreifacht. Die Aktienbegeisterung der Chinesen scheint grenzenlos. Schüler, Großmütter, Wanderarbeiter und selbst buddhistische Mönche würden ihr Vermögen in Aktien investieren, berichten die Staatsmedien. Anfang Mai eröffneten an einem Tag mehr als 400 000 Chinesen ein Aktiendepot – ein neuer Rekord. „Leute aus allen Gesellschaftsschichten kaufen sich in den Aktienmarkt ein, egal, ob sie etwas davon verstehen oder nicht“, kommentiert die Pekinger Abendzeitung. „Chao gu“. „Kurzgebratene Aktien“ nennen die Chinesen den Boom, weil Aktien wie in einem Wok ständig gewendet und gehandelt werden.

Wie Alan Greenspan warnen Analysten vor einer riesigen Aktienblase, deren Platzen die chinesische Wirtschaft ins Wanken bringen könnte. Das Verhältnis zwischen Kursen und Gewinnen – ein Wert, mit dem der Preis von Aktien gewichtet werden – ist in China im Durchschnitt drei Mal so hoch wie in anderen Ländern. „Der Markt ist in einen irrationalen Stadium und die Marktblase ist am Rande des Platzens“, warnt die Investmentbank Goldman Sachs. Auch in der Pekinger Regierung wächst die Sorge . Regierungschef Wen Jiabao mahnte mehrmals, die Bürger sollten vorsichtig mit ihren Ersparnissen sein. Die Börsenaufsicht forderte die Banken und Broker des Landes auf, die Anleger „besser zu erziehen“.

Einen Vorgeschmack auf einen möglichen Crash bekam die Welt Ende Februar, als Chinas Börsen an einem Tag um neun Prozent abrutschten. Glaubt man Greenspan, wird es die Anleger beim nächsten Absturz weitaus schlimmer treffen.

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