Zeitung Heute : Weiße Flecken, dunkle Geschichte

80 Jugendliche, Deutsche und Polen, auf der Suche nach der Wahrheit, die die Nazis unterdrückt haben. Versuch einer Versöhnung

Volker Skierka

Alles ist wie in Watte gebettet. Der Schnee liegt hoch, die Bäume und der doppelte Stacheldrahtzaun sind weiß überpudert. In klirrender Kälte passieren die polnischen Germanistikstudentinnen Kasia Król und Maria Mrówca das weit geöffnete Tor unter dem Schriftzug „Arbeit macht frei“. Es ist früh am Tag. Man ist allein im ehemaligen Menschen-Vernichtungslager Auschwitz und Birkenau. Stumm, in sich gekehrt und ziellos gehen die jungen Frauen durch die einsamen Lagerstraßen, stehen in einer der ehemaligen Gefangenenunterkünfte plötzlich vor einer 20 Meter langen Glaswand, hinter der zwei Tonnen Menschenhaar liegen. Es konnte wegen der Befreiung des KZs nicht mehr an die Textilindustrie geliefert werden.

Kasia, die große, schlanke Dunkelhaarige, ist 21 Jahre alt, Maria, etwas kleiner und blond, ist 23. Ihre Gesichter sind wie versteinert. Draußen sagt Kasia nur: „Wenn man daran denkt, dass viele der Täter und der Opfer in unserem Alter waren …“ Dann nimmt Maria den Faden auf und sagt: „Ich glaube, es ist wichtig für die Deutschen, dass Menschen anderer Nationen mit ihnen darüber sprechen.“

In dem massiven roten Backsteinbau mit der Nummer 24, wo das Archiv von Auschwitz untergebracht ist, haben Kasia und Maria mit drei Kommilitoninnen und einem Kommilitonen von der Universität des 60 Kilometer entfernten Krakau mit einem einzigartigen deutsch-polnischen Geschichtsprojekt begonnen. Die Studenten forschten nach Lücken und Manipulationen in der seit dem Überfall Hitlers auf Polen 1939 gleichgeschalteten Lokalpresse. Diese „weißen Flecken“ in der offiziellen Berichterstattung versuchten die Studenten 60 Jahre nach Kriegsende mit Wahrheiten zu füllen. „Hunderte von dicken Bänden, Tagebücher und Dokumente, liegen hier“, sagen sie. „Wir haben einfach einige herausgegriffen, darin geblättert und gelesen. Das war der Anfang.“

Herausgekommen ist dabei aber nicht eine neue Arbeit über den Massenmord von Auschwitz, sondern eine Untersuchung über ein nahezu unbekanntes Thema – über den damals weitverzweigten und oft tödlichen Widerstand der gut organisierten polnischen Pfadfinderbewegung und deren Untergrundpresse im Raum Krakau.

In ihrer Heimatstadt Bielsko, nicht weit von Auschwitz, spürte Ania Fryda, die selbst bei den auch heute noch populären Pfadfindern war, Jósef Drozdz, einen ehemaligen Pfadfinder und Widerstandskämpfer, auf. Obwohl man ihn schon 1940 verhaftet hatte, schaffte er es, Auschwitz und sieben weitere Lager zu überleben. Inzwischen 88 Jahre alt, erzählte er den Studenten seine Geschichte und die seiner Gefährten.

Die Krakauer Studenten haben als eine von 15 Arbeitsgruppen aus Polen und der Bundesrepublik an einem Projekt der Hamburger Jugendinitiative für Toleranz und Verantwortung – „Step21“ – teilgenommen. Step21 wurde 1998 nach rechtsradikalen Übergriffen als gemeinnützige GmbH von Bertelsmann, Siemens und der Werbeagentur BBDO gegründet. Das Ergebnis des deutsch-polnischen Projekts: eine 28 Seiten starke Zeitung, die in einer Auflage von zunächst 30 000 Exemplaren in Schulen und Jugendeinrichtungen vertrieben wird. Finanziell unterstützt wurde die Idee aus dem Fonds der Zwangsarbeiter-Stiftung „Erinnerung und Zukunft“. Auf einer Podiumsdiskussion am kommenden Montag im Schloss Bellevue will Bundespräsident Horst Köhler als Schirmherr des Projektes mit den rund 80 Jugendlichen sprechen.

Seit April 2005 haben sie außer in Krakau im polnischen Lubin und Ciezkowice, in Potsdam, Dresden, Jena, Seligenstadt, Bad Zwischenahn, Lüneburg, Oberhausen, Soest, Pforzheim, Aalen und Ulm Bibliotheken und Archive durchstöbert, Zeitzeugen ausfindig gemacht. Sie gingen den kleinen und großen weißen Flecken nach, der fehlenden, verzerrten oder nicht vorhandenen Berichterstattung über Unrecht, Leid und Tod in ihrem Ort oder in ihrer Nachbarschaft.

Nahezu die ganze Bandbreite nationalsozialistischer Untaten findet sich unter den Rechercheergebnissen der Jugendlichen: Arisierung, Zwangsarbeit, Euthanasie, Massenmord, Zerstörung und Verwüstung von Kulturgütern und das brutale Vorgehen gegen den kleinen und großen Widerstand. Und sie thematisierten das Schweigen der Mehrheit.

Zu dieser schweigenden Mehrheit gehörten auch die meisten Einwohner des „geschichtsverdrossenen Lüneburg“, wie es die 17-jährigen Gymnasiasten Magdalena Blender, Helge Stein, Tobija Saßnik und drei weitere Mitschüler in ihrem Zeitungsbeitrag formulieren. Wir stehen in der Abenddämmerung inmitten der idyllischen Parklandschaft der vor rund hundert Jahren errichteten Landes-Heil-und- Pflegeanstalt Lüneburg. Aus den Fenstern fällt warmes Licht auf die verschneiten Rasenflächen, Büsche und verschlungenen Wege. Das massive Haus 23 steht am weitesten vom Haupteingang entfernt, am äußersten Rand der Anlage. „Hier bekamen schon dreijährige Kinder Todesspritzen oder Opiate, durch die sie abmagerten und starben“, schreiben die Lüneburger Schüler. In der „Kinderfachabteilung“ seien zwischen 1941 und 1945 über 300 behinderte Kinder von Ärzten und Pflegepersonal im Rahmen des nationalsozialistischen Euthanasie-Programms gezielt getötet worden.

Wir haben nicht um Erlaubnis gefragt, ob wir das Gelände betreten dürfen, haben uns einfach hineingeschlichen. Als wir dann vor dem Todestrakt stehen, sind die Jugendlichen nicht etwa bedrückt, sondern empört, weil niemand etwas dagegen gesagt oder getan hat. Die Schüler, die auch für die Jugendseite der Lüneburger „Landeszeitung“ arbeiten, durchforsteten für ihre Arbeit das Zeitungs- und das Stadtarchiv. Ohne Ergebnis. „In den damaligen ,Lüneburgischen Anzeigen’ fanden wir kein Wort über die Taten“, sagt Helge. „Nur Siegesmeldungen und einen Bericht zum Aufbau und Erhalt einer gesunden Jugend.“

Ein älteres Paar, das in Lüneburg eine Geschichtswerkstatt betreibt und eine kleine Ausstellung zu dem Thema im Wasserturm des Krankenhauses zusammengestellt hat, sowie ein Historiker halfen ihnen, an alte Krankenhausunterlagen heranzukommen. So bekamen sie Bestellungen und Rechnungen der Firma IG Farben über große Mengen von Medikamenten und Morphium zu Gesicht. „Zur Ausstellung der Totenscheine gab man dem Klinikpersonal eine Liste für mögliche Todesursachen an die Hand, von der man sich willkürlich eine aussuchte“, berichtet Helge. Obwohl die Presse schwieg, habe man aber Bescheid gewusst in Lüneburg. Weil Mitarbeiter der Anstalt ihr schlechtes Gewissen erleichterten, eine Krankenschwester sich 1942 das Leben nahm „und Todesbusse, in denen die Insassen über ein geschlossenes Abgassystem erstickt wurden, auf öffentlichen Straßen fuhren“.

Aber auch nach dem Krieg blieb der weiße Fleck von Lüneburg. Die Jugendlichen fanden heraus: Der für die Tötungen verantwortliche Arzt machte „eine steile Karriere und wurde 1958 zum Direktor der Psychiatrischen Anstalt Königslutter ernannt“. 1966 seien alle Ermittlungen gegen ihn vom Oberlandesgericht Celle eingestellt worden.

Helge und seine Freunde sind wütend über das lange Schweigen und wollen weiter an solchen Themen arbeiten. Denn, so sagen sie, „weiße Flecken können sehr hartnäckig sein“. Von ihren Eltern werden sie ermutigt. Aber sie wissen, dass sie unter Gleichaltrigen mit ihrem Engagement in der Minderheit sind.

Die „Weiße-Flecken“-Zeitung ist eine Zeitung von unten, sie erzählt nicht die anonyme und abstrakte Geschichte der großen Politik, sondern die Geschichten der kleinen Leute. Eingefädelt wurde das Projekt meist über Schulen und Lehrer, mit denen Step21 bundesweit vernetzt ist. In Krakau war es der 53-jährige Jürgen Homann, ein Dozent aus Oldenburg, der seit drei Jahren an der Universität Deutsch lehrt. Er warb unter seinen 60 Kursteilnehmern für die Teilnahme.

Wir treffen ihn zusammen mit den Studentinnen Kasia, Maria und Ania zu einem Spaziergang über den großen, mit Schnee bedeckten jüdischen Friedhof, wo auf den Grabsteinen deutsch-polnische Namen von der Stadt als einstigem Zentrum prächtigen und mächtigen jüdischen Lebens zeugen. Der Zydowski-Friedhof liegt am Rande des ehemaligen Judenviertels Kazimierz. Seit Steven Spielberg hier „Schindlers Liste“ drehte, ist die Gegend eine Touristenattraktion geworden. Die Kälte treibt uns schließlich, vorbei an alten und neu errichteten Synagogen, in die verräucherte Eckkneipe „Alchimia“, am beliebten Nowy-Marktplatz gelegen.

60 000 Juden lebten in der Stadt, als die Deutschen 1939 Polen überfielen und der berüchtigte nationalsozialistische Generalgouverneur Horst Frank begann, Krakau als Hauptstadt des neu-germanischen „Wandalengaus“ „judenfrei“ zu machen.

Kasia, Maria und Ania ist es wichtig, dass man in Deutschland erfährt, dass es auch organisierten Widerstand gegen die Nazis gegeben hat, und dass dabei die Pfadfinder eine zentrale Rolle gespielt haben. Auch der polnische Papst und ehemalige Erzbischof von Krakau, Johannes Paul II, gehörte dazu. Heute ist die sehr katholisch-konservative Pfadfinderbewegung in Polen eine nahezu geheiligte Institution: Fast jeder gehörte oder gehört dazu. „Sie haben mit großem Mut ihr Leben aufs Spiel gesetzt, um durch ihren Kampf im Untergrund unsere Kultur zu retten“, sagt Ania mit Blick auf die Zeitungen und Flugblätter, die sie dank ihres Zeitzeugen Josef Drozdz einsehen konnten. Sie und die anderen sind Step21 dankbar, dass sie „dadurch Zugang zu Zeitzeugen bekommen haben und so ein wichtiges Stück der Geschichte ihres Landes lebendig erhalten konnten“. Aber noch ein anderer Aspekt ist ihnen nach den Worten von Kasia wichtig: „Unsere Beteiligung an der deutsch-polnischen Aussöhnung.“ Sie freue sich auf das Treffen mit Helge aus Lüneburg beim Bundespräsidenten.

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