Zeitung Heute : Weißensee: Gepflegt wie ein Perserteppich

Blacky Neubauer

Heißt es nun Hollaridldudldö oder Hollarödldidldu? Frau Hoppenstedt, die ehrgeizige Dame aus Loriots unvergesslichem TV-Sketch über eine Jodelschule, bringt diese Frage fast zur Verzweiflung. Will sie doch unbedingt ihr Jodel-Diplom, "um auch mal was Eigenes zu haben ...". So tierisch ernst nimmt keiner die Jodel-Rodel-Seminare am Weißensee. Im Gegenteil: Eine Mordsgaudi erwartet die Winterurlauber, die sich allwöchentlich auf der Naggler-Alm treffen, um die Kunst der kehligen Töne zu erlernen. In der 1324 Meter hoch gelegenen Hütte muss denn auch alles, was nicht niet- und nagelfest ist, als Instrument herhalten. Abflussrohre werden zu Alphörnern, Suppenlöffel zu Schlagstöcken, ...

Nach zwei fröhlichen Stunden stürzt die aufgekratzte Meute nach draußen, greift nach den mitgebrachten Schlitten und verwandelt die Rodel- in eine Jodelbahn. Schon nach der ersten blendend gemeisterten Kurve kommt der Drang zu juchzen. Lautstark wird das Erlernte in die Tat umgesetzt.

Gut 20 Minuten und kurvenreiche vier Kilometer später landet die Truppe wieder unten am Weißensee, der wie ein Fjord in der Landschaft liegt: sehr lang (12,5 Kilometer), sehr schön - und sehr eisig. Denn mit geradezu pedantischer Verlässlichkeit erstarrt der See alljährlich zu Mitteleuropas größter Eisarena. Bereits im November bildet sich an den Rändern das erste Eis. Und spätestens Ende Dezember ist der See vollständig zugefroren - mit einer Eisdecke, die sogar tonnenschwere Holzfuhrwerke trägt. "Die Eisstärke wird täglich kontrolliert", versichert Norbert Jank, der Eismeister vom Weißensee. Mindestens ein Mal am Tag schneidet der 54-Jährige mit einer Motorsäge mächtige Eisblöcke heraus, misst die Dicke. Anschließend werden die zentnerschweren Kolosse wieder eingesetzt und die Gefahrenstellen mit Fichtenzweigen markiert. "Am nächsten Morgen ist die Decke wieder geschlossen", weiß Norbert Jank aus Erfahrung.

Der gebürtige Neusacher ist aber nicht nur für die Sicherheit verantwortlich. Er sorgt auch dafür, dass die Eisfläche stets spiegelblank ist. Kaum haben die ersten Sonnenstrahlen die Landschaft des nebelfreien Hochtales in ein fremdartiges Licht getaucht, schon fegt der Kärntner übers Eis. Mit "Glitschi", einer selbst konstruierten Wundermaschine, die "buckliges" Eis in Sekundenschnelle glatt poliert. Einmal drüber - weg sind Kratzer, kleine Löcher und Striemen der von Schlittschuhläufern und Eishockeyspielern malträtierten Eisfläche. "Der Norbert pflegt unser Eis wie einen Perserteppich", freut sich Christopher Gruber, der quirlige Tourismus-Chef vom Weißensee.

Und das hat sich bis in die fernen Niederlande herumgesprochen: Seit 14 Jahren tragen die Holländer (mangels zugefrorener Kanäle in den Niederlanden) hier ihre Eisschnelllaufmeisterschaften aus. Über 5000 holländische Schlittschuhfreaks fallen dann am Weißensee ein, gleiten in ihren farbenfrohen, windschnittigen Rennanzügen über die makellose Eispiste - mit Spitzengeschwindigkeiten von mehr als 40 Stundenkilometern. Höhepunkt ist der Marathon, bei dem eine Strecke von 200 Kilometern in rund fünf Stunden zurückgelegt wird.

Eine Woche lang gehört der Weißensee den eislaufbegeisterten Oranjes. Dann kehrt wieder Ruhe ein in diese bizarre Wintermärchenlandschaft. Und auch Norbert Jank hat endlich wieder mehr Zeit, um mit seiner Eismaschine Spielfelder für die Eishockeyfans zu polieren oder zwischendurch auch mal die Eisstockschützen mit neuen Bahnen zu versorgen.

Bei den präparierten Rundbahnen, die je nach Wetterlage bis zu 25 Kilometer lang sind und fast über den ganzen See führen, kommen sich Eisläufer - außer in der "holländischen Woche" - kaum ins Gehege. Jederzeit gibt es genügend Platz, und zwar für sämtliche Spielarten des eiskalten Vergnügens: Für die Halbstürze, Stolpersprünge und ulkigen Verrenkungen der Kufenneulinge ebenso wie für die Winterwanderer, die gern stundenlang übers Eis spazieren. Selbst auf eine romantische Pferdeschlittenfahrt über den gefrorenen See braucht niemand zu verzichten.

Nicht viel anders sieht es auf den Loipen aus. Sie sind das zweite Pfund, mit dem die Weißenseer wuchern können. Mehr als 60 Kilometer gespurte Routen in allen Schwierigkeitsgraden. Von der Seewiesen-Wanderloipe für den Anfänger und Flachlandtiroler bis hin zur Skating-Loipe, die von 930 auf 1100 Meter führt. Am schwersten und nur von Konditionsstarken zu meistern ist die Alpl-Tour. Sie ist zehn Kilometer lang und zieht sich in mächtigen Anstiegen hinauf bis auf 1200 Meter. Besonders reizvoll: die Panorama-Loipe. Hier hat man nicht nur einen grandiosen Blick auf den See (und Schneesicherheit bis Ende März), sondern auch die Möglichkeit - wie die alpine Konkurrenz - zu einem Einkehrschwung in die urige Naggler-Alm-Hütte.

Und was das Skigebiet betrifft: Es ist zwar klein und wirklich nichts für Kilometerfresser. Doch Anfänger und Kinder werden die kaum bevölkerten Pisten schnell schätzen lernen. Auch wer vom Eislaufen zwischendurch mal Abwechslung sucht, wird beim Wedeln über die fünf mit einem Vierersessel und drei Schlepplifts erschlossenen Pisten durchaus seinen Spaß haben. Das Gros der Gäste kommt ohnehin der exzellenten Loipen und der einmalig gepflegten Natureisarena wegen. Auch das Klima (kein Föhn, kein Nebel) lockt. Frühmorgens ist es meist bitterkalt, mittags aber angenehm mild.

Noch ein Tipp: Balint Kuntas, Trainer der Olympiasiegerin Emese Hunyady, verrät in seiner neu eröffneten Eislaufakademie am Weißensee die Tricks des Eisschnelllaufens. Zum Beispiel, wie man sicher die Balance hält und das Geheimnis des "Übertretens" in den Kurven, das so elegant aussieht, aber ungemein schwer ist.

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