Zeitung Heute : Weißer Wahn, dunkler Kontinent

Andreas Kriegenburg eröffnet Ulrich Khuons erste Spielzeit mit einer Bühnenadaption von Joseph Conrads Roman „Herz der Finsternis“

PATRICK WILDERMANN

Ein Blick auf die Theatervita des Andreas Kriegenburg verrät zunächst mal zweierlei: der Mann ist schwer zu fassen, was seine literarischen Vorlieben betrifft, mal abgesehen von der Konstante Dea Loher. Und er arbeitet viel, sehr viel. Allein in den vergangenen zwei Jahren, als Oberspielleiter des Hamburger Thalia Theaters, hat er sich unter anderem Shakespeare und Ingmar Bergman, Tschechow und Lessing, Molière und Goethe vorgenommen, dazwischen kontinuierlich an den Münchner Kammerspielen inszeniert, wo unter anderem seine furiose Kafka-Adaption „Der Prozess“ entstand, außerdem mit Alban Bergs „Wozzeck“ einen Ausflug an die Bayerische Staatsoper unternommen, und als er unlängst unter vier Wochen unverplanter Zeit litt, hat er schnell Schillers „Kabale und Liebe“ am Düsseldorfer Schauspielhaus auf die Bühne gebracht. Und es sieht nicht so aus, als würde sich an dieser rastlosen Produktivität viel ändern, wenn er jetzt Ulrich Khuon als Hausregisseur ans Deutsche Theater folgt. Mit zwei Premieren binnen einer Woche, einer Bearbeitung von Joseph Conrads Erzählung „Herz der Finsternis“ und der Kleist-Inszenierung „Prinz Friedrich von Homburg“, startet die Kriegenburg-Ära in der Hauptstadt, bald folgt die Fortsetzung seiner seit Jahren gepflegten Nachwuchsarbeit mit Schauspielstudenten, auch die nächste Dea-Loher-Uraufführung steht an, eine Autorin, mit deren Aufführungen man die Berliner, wie Kriegenburg glaubt, noch überraschen kann.

Rückkehr eines Besessenen

„Zwei simple Gründe, die sich auf fatale Weise miteinander verbinden“, nennt der Regisseur auf die Frage, was seinen Arbeitseifer eigentlich derart befeuere. „Zum einen verbringe ich wirklich sehr gerne Zeit mit Schauspielern auf Probebühnen. Mit ihnen zusammen Szenen zu erfinden, ist für mich ein enormes Vergnügen, das strengt mich vergleichsweise wenig an. Die Phase der Vorbereitung erlebe ich als viel mühsamer.“ Und zum Zweiten, sagt Kriegenburg mit verhaltenem Lächeln, habe er schlichtweg das Problem, schlecht Nein sagen zu können. Wenn wiederholt Anfragen kämen, dann fiele es ihm irgendwann zu schwer, immer wieder einen Korb zu erteilen. Lieber ließe er sich auf die extreme Situation einer kurzen Probenzeit ein, was immerhin die Möglichkeit böte, ein neues Ensemble kennenzulernen – und das wiederum kommt der kindlich-fordernden Neugier dieses Theaterbesessenen zugute.

Der Entschluss, nach Berlin zu gehen, bedeutet für Andreas Kriegenburg freilich keinen Aufbruch zu gänzlich unbekannten Ufern, sondern eine Art Heimkehr. An der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz hat der gebürtige Magdeburger zu Beginn der 90er den Ruhm des Castorf-Haues mitbegründet, mit seinem radikal fragmentarisierten „Woyzeck“ wurde er 1991 zum Theatertreffen eingeladen. Und dennoch waren die Volksbühnen-Jahre für Kriegenburg keine Zeit des ungetrübten Erfolges, vielmehr stand er dort früh unter hohem Druck, er musste, wie er in einem Gespräch sagte, „Fertigkeiten nachweisen, die ich erst dabei war, mir zu erarbeiten“. Die Konsequenz: „Raus aus dieser Marktbeschleunigungs- Maschinerie“ – und zurück in die Provinz. Im Rückblick eine glückliche Entscheidung, zumal in Hannover, seiner künstlerischen Wahlheimat, die Arbeitsbeziehung zum Intendanten Ulrich Khuon ihren Anfang nahm. Fortan konnte Kriegenburg ohne Hype und Hysterie seine Inszenierungen entwickeln: diese vor Spiellust und Fantasiefülle überbordenden, dabei oft wehmütig- melancholischen, trotzig ihre eigene Wirklichkeit behauptenden Theaterabende, deren stilistische Bandbreite erstaunt. Kriegenburg selbst verspürt heute, wie er sagt, das wachsende Bedürfnis, seine Inszenierungen „als inhaltliches, aber auch ästhetisches Ereignis zu bewältigen“, sprich: „Die Arbeiten werden wohl immer kompletter.“ Es klingt nicht unbescheiden. Bloß auf angenehme Art selbstgewiss.

Bitterer Blick auf das System

Bewusst wesensverschieden werden seine Inszenierungen „Herz der Finsternis“ und „Prinz von Homburg“ ausfallen, wenngleich zwischen den Stücken durchaus inhaltliche Parallelen augenfällig werden: „Beide zentralen Figuren, der Homburg und auch der Marlowe, werfen einen bitteren Blick auf das System, in dem sie leben, an das sie gewohnt waren und das ihnen zerbricht“, befindet der Regisseur. Sehr konzentriert, sehr still wird er sich Kleist nähern, mit Faszination und Vorsicht dessen Obsessionen erkunden, die der Dichter ja selbst nicht überlebte. Die Erzählung „Herz der Finsternis“, berühmt geworden durch den Film „Apocalypse Now“, soll hingegen„aufgeladener, hitziger, bildhafter“ vom dunklen Kontinent Afrika erzählen, den Zuschauer mit den eigenen Ängsten und dem eigenen Rassismus konfrontieren.

Das Spiel mit dem Begriff der Fremde ist auch Leitmotiv der ersten Khuon-Spielzeit. Für Kriegenburg kommt die Zäsur nach den fruchtbaren Hamburger Jahren zum richtigen Zeitpunkt. Schließlich gerate man, wie er glaubt, generell schnell in Gefahr, den eigenen Erfolg bloß noch zu verwalten, im Denken zu bequem zu werden. Außerdem sei es eine Entscheidung aus Freundschaft zu Ulrich Khuon: „Diesen Weg gehen wir jetzt noch mal zusammen – und dann haben wir auch einiges an Weg hinter uns gebracht.“PATRICK WILDERMANN

„Herz der Finsternis“: Premiere 17.9., 20 Uhr, „Prinz Friedrich von Homburg“: Premiere 25.9., 19.30 Uhr

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