Zeitung Heute : Weiter leben

Die entlassene Chefsekretärin, die sich trotzdem elegant kleidet. Der arbeitslose Dolmetscher, der seinem Sohn nichts verrät. Und ein Pfarrer, der sagt: Unterschicht bist du heute ganz schnell.

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Von Josef-Otto Freudenreich An ihrem Zeugnis kann es nicht gelegen haben. Das ist gut. Man sei „außerordentlich zufrieden“ mit ihr, schrieb die Firma Alcatel Ende 2002. Hannelore Schenck habe ihren Arbeitsbereich vollkommen beherrscht, vorbildliches Verhalten und eine hohe Zuverlässigkeit gezeigt. Nicht zu vergessen die sehr große und sehr beachtliche Berufserfahrung. Doch leider hat man sich trennen müssen, weil die Abteilung Broadband Network verkauft worden ist. Und dazu gehörte das Büro in München, das sie als Office-Managerin mit aufgebaut hatte. Damals war Hannelore Schenck 48 Jahre alt und sie hatte 20 Jahre bei Alcatel gearbeitet.

Bis dahin hatte sie ein schönes Leben. Sie war in der Welt herumgekommen. Vor Alcatel war sie Reiseleiterin bei Hetzel, hatte sich in Griechenland verliebt, einen Sohn geboren und geplant, dort zu bleiben. Die Männer schauten ihr bewundernd hinterher, weil sie blond, groß und schlank war. Aber ihr Mann, ein Grieche, mochte die Blicke nicht teilen, wurde fuchsteufelswild und drohte damit, den Sohn wegzunehmen, worauf sie sich den Kleinen griff und nach Deutschland zurückkehrte. Sie hatte eine solide Bankausbildung genossen, und die Ausflüge ins Stuttgarter Umland waren auch nicht zu verachten.

Heute gibt es von all dem nichts mehr. Kein Besuch im Bad, kein Ausflug an den Bodensee, Friseur nur alle vier Monate. „Schlimm“, sagt sie, „bei einem Kurzhaarschnitt“. Beim Fototermin bittet sie darum, den kleinen Kaffeespritzer am Kamelhaarjackett wegzublenden. Schick ist teuer, aber soll sie auf alles verzichten, was ihr Freude am Leben bereitet hat? Bei 354 Euro, die sie im Monat zur freien Verfügung hat, lässt die Antwort wenig Spielraum. Gerade jetzt würde sie am liebsten ihr Fenster mit einer Fototapete zukleben. Das Motiv müsste griechisch sein.

Im Stuttgarter Arbeitsamt, das inzwischen Jobcenter heißt, hat der Sachbearbeiter 20 Bewerbungen im Monat verlangt. Sie hat sie geschrieben und sich sogar vorstellen dürfen. In einem Cannstatter Hotel, in dem sie 1200 Euro brutto kriegen sollte, als Mädchen für alles. In ihrem Alter solle sie froh darüber sein, hat der Besitzer gemeint. Hannelore Schenck lehnte ab und wartete auf Post, die nicht kam. Porsche war eine der wenigen Firmen, die schriftlich absagten. „Sollten wir wieder einmal eine für Sie interessante Position anbieten“, schreibt das Unternehmen, „zögern Sie nicht, sich erneut zu bewerben“. Den Brief verwahrt sie wie einen Schatz in einer Klarsichthülle, oben in ihrem Bewerbungsordner.

Die verbliebenen Freunde meinen es gut, wenn sie empfehlen, zu Aldi an die Kasse zu gehen, wenn sie ihr kleine Aufträge geben, für deren Erledigungen sie keine Zeit haben. Ihre eigenen Einkäufe teilt Frau Schenk sorgsam ein, dass der Tag eine Ordnung hat. Zahnpasta morgens bei Schlecker, Hackfleisch mittags bei Lidl, Psychothriller abends bei Witwer, dem größten Buchladen der Stadt. Hannelore Schenck liest viel und schnell. Kein Buch wird bei ihr alt, weil sie es sofort bei Ebay verkauft. Nur ihre 27-bändige Ausgabe der Nobelpreisliteratur, einst für 60 Mark pro Stück erworben, liegt wie Blei im Wohnzimmerregal.

Im Kinderzimmer hat sie ihren Computer. Ihr Sohn braucht den Raum nicht mehr, er studiert in Bochum Geowissenschaften. Der Computer ist ihre Hoffnung, ihre Verbindung zur Welt der Leistungsbereiten, in der sie einst hoch im Kurs stand. Excel, Power Point, Word – sie kennt das alles. Nur, wer will die Kenntnisse nutzen, ihre Kenntnisse?

Die unermüdliche Frau versucht es jetzt mit einem Homeservice, als ambulante Sekretärin, die anrückt, wenn das Büro zu ordnen ist. Hartz IV werde sie nicht beantragen, sagt sie so bestimmt, als gelte es, dem Strick zu entgehen. Dann könnte sie alles fortwerfen. Ihre Wohnung, den Computer, ihr Handy, ihre Uhren, ihre Ringe. Und am Ende würden sie noch in ihrem Schlafzimmer rumschnüffeln. Ihre Würde, sagt Hannelore Schenck, lasse sie sich nicht nehmen.

Ihre Tage zögen sich recht träge dahin, würde sie nicht im „Kompass“ helfen, einer Begegnungsstätte der Diakonie. Hier regiert Martin Friz, Pfarrer, 63 Jahre alt, und nicht dazu da, den Sozialstaat zu reparieren, wie er sagt. Und dennoch versucht er es seit 17 Jahren. Mit seiner Vesperkirche, in der es umsonst zu essen gibt, mit seinen vier Schwäbischen Tafeln, in denen täglich 1200 Bedürftige zu Billigstpreisen einkaufen, mit der Begegnungsstätte, in der Hochland-Kaffee getrunken wird, weil Friz die Röstereibesitzerin kennt und viele der 41 500 Hartz-IV-Empfänger in der Stadt. „Die Armut wird immer mehr und immer jünger“, sagt er. Mindestens zehn Prozent seien es im reichen Stuttgart, vielleicht mehr, je nach Definition. Er nennt die Zahl ganz kühl. Im Vergleich zum Osten gehe es noch gut.

Der Pfarrer, der einst mit Rudi Dutschke marschierte, glaubt längst nicht mehr an die Revolution. Wenn überhaupt, vertraut er auf die Vernunft jener, die nicht lügen. Die auszusprechen wagen, dass es keine Vollbeschäftigung mehr geben wird, dass wir mit 20 Prozent leben müssen, die man heute gerne der Unterschicht zurechnet, und dass es darum geht, diesem Teil der Bevölkerung eine menschenwürdige Existenz zu sichern. „Viel wäre schon gewonnen, wenn dieses Verdächtigungsklima ein Ende hätte“, sagt Friz. Wenn man nicht immer von der Hängematte redete, in der Arbeitslose schaukelten. Wenn man die Opfer nicht zu Tätern machte. Wenn man ihnen sagte: Ja, es gibt euch noch.

Friz will die Unterschichtendebatte führen, die Armut öffentlich machen, aber bitte nicht als Stigmatisierung der ohnehin Geprügelten, als Paukboden für die Fördern-und-fordern-Ideologie. Friz war ja nicht nur Sozialist, er hat auch mal Manager in Genf gelernt und als Geschäftsführer eines Wirtschaftsverbandes gearbeitet. Politiker sind für ihn nicht böswillig, nur hilflos. Der Kapitalismus ist nicht des Teufels, nur ungezähmt. Friz sagt, in der Nachbarschaftshilfe, im Alten-, Pflege- und Gesundheitsbereich könnten viele Arbeit und damit auch wieder einen Sinn finden.

Dieser Friz ist nicht der heilige Franz. Er ist Pragmatiker mit einer Lebensgeschichte, die ihn ungerade Biografien verstehen lässt. „Vor 14 Jahren, als meine Frau gestorben ist“, erzählt er, „hätte ich genauso abstürzen können“. Innerhalb von wenigen Minuten war sie tot – Gehirnblutung. Plötzlich stand er alleine mit zwei kleinen Kindern da, und die Frage war: Geht es weiter und wie? Es hätte sein können, dass er nicht Gastgeber in der Vesperkirche geworden wäre, sondern hungriger Gast. Dass er nicht Mozart, Bach oder AC/DC in seinem Auto hören würde, wenn ihm das Elend zu sehr ins Auge springt, sondern in der Schlange vor der Schwäbischen Tafel warten müsste. „Es kann jeden erwischen“, sagt Friz. Er wurde damals von seinem Gott aufgefangen, wie er glaubt. Das Glück haben nicht alle. Die wenigsten dürften auch ein Handy haben, bei dem als Anrufton Kirchenglocken läuten.

Zu den häufigen Gästen im „Kompass“ gehört Jürgen Rink. Der große Mann bewegt sich lautlos in Sportschuhen, als hätte er Angst, anzuecken, zu stolpern. Er lächelt freundlich, entschuldigt sich, wenn er um etwas bittet. Es sei ihm peinlich, sagt der 52-Jährige, so weit unten zu sein. Rink ist staatlich geprüfter Übersetzer. Englisch, Spanisch, Italienisch. Der Arztsohn hat beim Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge in Zirndorf gedolmetscht, ehe ihn der italienische Traum erwischt hat.

Vor 20 Jahren ist er nach Prato bei Florenz gezogen, hat bei einer Privatschule angeheuert und eine Frau gefunden, die er heute noch ganz liebevoll beschreibt. Carmen aus Kalabrien mit ihren dunklen Augen und Haaren. Sie heirateten, kauften eine Wohnung, und bald wurde ihr Sohn Alberto geboren. Das Glück schien vollkommen, vor allem dann, wenn der Gatte ins Rathaus gerufen wurde, um für den Oberbürgermeister bei Empfängen ausländischer Delegationen zu übersetzen. Bella figura für Carmen. Doch Mitte der 90er Jahre ebbte die Welle der italophilen Sprachschüler ab, das Geld wurde knapp, Rink versuchte es mit Zweitjobs bei einer Spinnerei und Gerberei oder bei der Eisenbahn, bei der er die Minibar durch die Gänge schob. Es reichte nicht.

Seine Carmen schickte ihn weg. Er sei ein Versager, schimpfte sie. Mit zwei Koffern fuhr Rink nach Stuttgart, wo er 2004 noch auf der Urlaubsmesse CMT für einen toskanischen Gutsbesitzer übersetzt hatte. Doch nun war Juni 2006, und es war nicht mehr das Messehotel am Killesberg, in dem er nächtigte, sondern das Übergangswohnheim Nordbahnhof, wo er sich ein Zimmer mit vier Männern teilen sollte, aber die schickten ihn weiter nach Vaihingen, ein Zimmer, 13 Quadratmeter. Die Bahnhofsmission sei doch nichts für einen wie ihn, haben sie gesagt.

Jürgen Rink hat den Antrag auf Hartz IV gestellt. Seitdem steckt er ein Kärtchen in die Stechuhr bei einer Einrichtung für Jugendarbeit und Bildungsförderung, jeweils vier Stunden täglich. Dafür erhält er sechs Euro zusätzlich zu seinen 324,60, und dafür will er nicht undankbar sein. Nur was er dort tun soll, ist ihm unklar, weil es für ihn nichts zu tun gibt. Manchmal schicken sie ihn los, Werbematerial für die Einrichtung zu verteilen. In seinem nicht mehr ganz modischen, aber blitzsauberen Karojackett ist er vorzeigbar, und er geht auf die Menschen zu.

Das tut er auch, wenn er „Trottwar“ verkauft, die Zeitung der Obdachlosen. Er hat lange gebraucht, bis er die Blicke der Passanten, die zwischen Verachtung und Mitleid schwankten, ertragen konnte. Aber er will sich nicht unterkriegen lassen, er will sich nützlich machen. Portier in einem Hotel, das wäre ein Traum. Solange der unerfüllt ist, liegt er nachts wach und sucht seine Schuld am Abstieg in der Vergangenheit und den Sinn für die Zukunft.

Am meisten beutelt ihn der Gedanke an seinen Sohn Alberto. In der Welt des 16-Jährigen ist der Vater ein großer Mann, der beim Bürgermeister ein und aus gegangen ist. Seinen Klassenkameraden erzählt er, Papa arbeite in einem FünfSterne-Hotel. Der Vater kann die Wahrheit nicht sagen. Alberto will an Weihnachten kommen. Jürgen Rink hat ihn eingeladen.

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