Zeitung Heute : Weiterbauen!

VOLKER HASSEMER

Welche Stadtplanung braucht Berlin?VON VOLKER HASSEMERVor zwei, drei Jahren rieb ich mir verwundert die Augen.Inzwischen ärgert es mich einfach nur noch, wenn Analytiker die Entwicklung von Architektur und Städtebau im heutigen Berlin beschreiben, als seien sie gerade von einem siebenjährigen Ausflug auf einen nahegelegenen Planeten zurückgekehrt.So ging es mir mit dem Artikel von Robert Kaltenbrunner im Tagesspiegel vom 16.November.Seine Ziele erschienen mir ja sehr vernünftig.Nur: Warum hat der Autor so wenig erfahren über die Diskussionen, Auseinandersetzungen und Entscheidungen, die im Kern der Berliner Stadtentwicklungsplanung der letzten sieben Jahre standen? Seine erlösende Schlußfolgerung, daß die Stadt sich nicht aus der exklusiven Forderung eines "entweder oder" formuliere, sondern aus der inklusiven Suche nach dem "sowohl als auch", ist zwar etwas formalistisch.Sie beschreibt aber doch treffend die Stadtentwicklungsplanung der ersten Hälfte dieses Jahrzehnts. 1.Diese Suche kennzeichnete auch die Praxis des zunächst immerhin zweiwöchentlich je acht Stunden tagenden Stadtforums.Die Struktur des Stadtforums - Teilnehmer aus unterschiedlichen Berufsgruppen und Kenntnissen diskutierten dort offen - war geradezu ein Dokument dieses Grundgedankens.Es ist gar nicht einfach, die komplizierte Wirkungsweise eines solchen Arbeitsinstruments zu vermitteln.Diese Kompliziertheit korres pondiert aber mit der Komplexität des Themas.Meine Antwort auf die Frage nach dem Stadtkonzept könnte deshalb auch nie ein Schlagwort sein, hieße es nun "Stadtreparatur" oder "kritische Rekonstruktion". 2.Unsere Stadtentwicklungsplanung wollte bewußt nicht mit der Geschichte brechen."Weiterbauen" war das Wort, das im Stadtforum entwickelt und zu unserer wichtigsten Leitlinie wurde.Es besagte, daß Abriß und Zerstörung von Bestehendem nicht unser Ziel war.Es besagte aber auch, daß wir gerade in einer so einschneidenden Phase neuer Entwicklungen unsere Verantwortung für die aktuelle städtebauliche Kultur nicht vernachlässigen dürfen.Und daß wir aktuellen Städtebau nicht dadurch schaffen, daß wir Muster von uns heute attraktiv erscheinendem vergangenem Städtebau aufnehmen und rekonstruieren.Belehrt durch Erfolge und Mißerfolge der Baugeschichte Berlins müssen wir, dürfen wir heute die besonders umfassende aktuelle Stadtentwicklung hinzufügen. 3.Sich bewußt auf die Schultern des Existierenden zu stellen, bedeutete für uns auch, eine neue berlinische Entwicklung des Städtebaus in Gang zu setzen.Daß wir beispielsweise in der Friedrichstraße die historischen Dimensionen nicht verlassen wollten, was die Traufhöhe, das Verhältnis von Straßen zueinander und zu Plätzen angeht, mag den Vorstellungen von einer europäischen Stadt ganz allgemein entsprechen.Für uns wurde es auch wegen der Bedeutung der Friedrichstraße für Berlin Vorgabe.Die Friedrichstraße als Rückgrat des alten Berliner Zentrums durfte in der so sehr zerstörten Stadt und in einer überwiegend erhaltenen Umgebung nicht zu einem beliebigen Bauplatz werden.Anders sahen wir die Lage am Potsdamer und Leipziger Platz.Dies war für uns ein neu zu bestimmender Bauplatz, aber kein beliebiger.Dort galt es, den Mythos des alten Potsdamer Platzes zu beachten, die Bedeutung des Leipziger Tors, die Erinnerung an die wunderbare Figur des Leipziger Platzes, die Nachbarschaft zum Kulturforum und zum Tiergarten.Diese Vorgabe meinte alles andere als den Wiederaufbau des Potsdamer und Leipziger Platzes, wie sie einmal waren.Gerade dieser Ort durfte nicht zum Museum seiner selbst werden.Aber er sollte für zeitgenössische Aufgaben vorbereitet werden.Deshalb haben wir dort weder die Stadtmitte vortäuschende Hochhausformationen akzeptieren können, noch die großzügige Indoor-Einkaufsanlage, die die Investoren vorgezogen hätten. 4.Tatsächlich ist eine Stadttheorie mit überwiegend ästhetischen Begründungen vollkommen unzureichend.So steht für mich im Zentrum der derzeitigen Entwicklung Berlins die grundlegende Modernisierung.Die Frage der besten Architektur für den Lehrter Bahnhof bedeutet viel.Wichtiger allerdings ist, daß dieser Bahnhof in Zukunft für das nördliche Europa der größte Kreuzungspunkt von Schnellzügen in Ost-West- und Nord-Süd-Richtung wird.Und daß es uns gelungen ist, einen solchen internationalen Kreuzungspunkt mitten in die Stadt zu legen.Nicht weniger bedeutsam war für uns, durch die aktuelle Entwicklung Berlins seine urbane Attraktivität, seine Lebendigkeit, seine Vielfalt zu mehren und nicht zu gefährden. 5.Wie ernst wir in diesem Zusammenhang den öffentlichen Raum genommen haben, ist in vielen Einzelprojekten zu verfolgen; sogar am Potsdamer und Leipziger Platz, wo wir auf den Räumen zwischen den Gebäuden bestanden.Das mußte gegenüber den Investoren erst durchgesetzt werden.Wie wunderbar war es deshalb, daß debis bei der "Schaustelle" sein neues Areal als Straßenfest und nicht als Gebäudebesichtigung dem Berliner Publikum öffnete. Wir hatten sogar einen Stadtentwicklungsplan "Öffentlicher Raum" für ganz Berlin in Gang gesetzt.Eine seiner Konkretisierungen betraf die Landsberger Allee.Wir wollten diese große Straßenschneise als besondere Form eines ungewöhnlich großzügigen offenen Raums behalten und weiterentwickeln.Ganz anders der Alexanderplatz - wir halten die neuen Räume, die in den Entwürfen des dortigen städtebaulichen Wettbewerbs vorgeschlagen wurden, für kraftvoller und urbaner als die heutigen.Der Autor amtierte 13 Jahre lang als Senator für Stadtentwicklung und Umweltschutz sowie Kultur und ist derzeit Geschäftsführer der Marketinggesellschaft "Partner für Berlin"

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar