Zeitung Heute : Weiterbildung: Computerlernen ist Mythos

Klaus W. Döring

Firmen setzen ihre ganze Hoffnung auf Computer-based-Training, propagieren arbeitsplatznahes Lernen als kostengünstigste Variante der betrieblichen Weiterbildung und fahren ihre Bildungsausgaben entsprechend drastisch zurück. Wirtschaftliche Interessen beherrschen und verformen im Bildungsbereich das Denken und die Vorstellungen.. Suggestiv wird vom Weg in die Wissensgesellschaft geredet, der über das Lernen am Computer angetreten werden soll. Die Zukunft des Lernens sei im Netz zu suchen.

Bei so viel Euphorie ist Skepsis mehr als angebracht. Man braucht kein Prophet zu sein, um nicht eine baldige Ernüchterung vorauszusagen. Mit technischen Hilfsmitteln wie Programmen oder Computern kann man im eigentlichen Sinne gar nichts lernen. Alles was wir aus der Lernforschung heute wissen, belegt nachdrücklich, dass die beinahe ausnahmslos miserable Qualität der Lernsoftware Lernen im ganzheitlichen Sinne gar nicht zulässt. Menschliches Lernen ist nämlich ein ganzheitliches, sozial-emotionales Geschehen, bei dem das Denken mit sozial motiviertem Handeln eng verknüpft werden muss. Die Motivation speist sich aus dem geselligen Miteinander mit anderen und aus konkreten praktischen Aufgaben und Problemen, zu deren Bewältigung die Aneignung und Bereitstellung bestimmter Kenntnisse beitragen müssen - ebenso eigene Erfahrungen sowie die Kommunikation mit Vorbildern und Betroffenen.

Der Mensch als informationsverarbeitendes Wesen ist auf sein Gehirn angewiesen. Dieses kennt zwei grundsätzlich verschiedene Aktionsformen: Die Aneignung von Informationen einschließlich der gedächtnismäßigen Speicherung - das so genannte "Einatmen". Als zweite Form hinzu kommt die Aktivierung, Übertragung und praktische Anwendung der angeeigneten Informationen - das so genannte "Ausatmen". Das "eigentliche" Lernen ist nicht das Einatmen, sondern ganz gewiss das Ausatmen.

Technikgestütztes Lernen ist nun aber überwiegend konzentriert auf die Vermittlung von Informationen - das Einatmen also - und kann bestenfalls dazu führen, dass man etwas versteht, nicht aber dass man etwas lernt. Beispiel Tennisspielen-Lernen: Man kann durch Einatmen eine ganze Menge Informationen über diesen Sport ansammeln, aber damit noch immer nicht Tennis spielen. Wollte man Tennisspielen lernen, müsste man Tennis praktisch ausführen, nämlich spielen und üben.

Aus der Lernforschung ist genau bekannt, dass die isolierte Vermittlung von Wissen und Kenntnissen (Theorie) für die meisten Menschen so gut wie nutzlos ist. Erst wenn sich die Theorie mit praktischen und handlungsbezogenen Aufgaben, Fragen und Problemen verbindet, bekommt sie ihren Stellenwert. Wissen ohne Handlungskompetenz ist hochgradig defizitär und störanfällig - wird schnell wieder vergessen. Lernen ist im Kern etwas anderes als Verstehen. Diese Perspektive erklärt, warum die berufliche Weiterbildung seit 20 Jahren das so genannte Transferproblem bejammert, also die Frage stellt, warum das im Lernfeld Gelernte im betrieblichen Funktionsfeld nicht angewendet wird. Die Antwort liegt auf der Hand: Wie soll jemand plötzlich Tennis spielen können, dem man bislang nur Wissen und Kenntnisse über Tennis vermittelt hat?

Den Personalentwicklern und Weiterbildungsmanagern in den Betrieben, die berufsbezogenes und handlungsorientiertes Lernen verantwortlich zu organisieren haben, stellt sich ein lernspezifisches Qualitätsproblem, das sich mit technikgestütztem Lernen gerade nicht lösen lässt: Was muss geschehen, damit in Aus- und Weiterbildung das Ausatmen kompromisslos in den Mittelpunkt gestellt wird?

Systematisches, organisiertes Lernen am PC macht nur dann Sinn, wenn es in ein Gesamtkonzept handlungsorientierten und ganzheitlichen Lernens eingebettet wird. Schüler wie Erwachsene müssen Methodenkenntnisse im Prozess der eigenen Lernpraxis erwerben können. Was also bleibt? Lerner brauchen menschliche Vorbilder. Also denn: Aufbruch in die Bildungsgesellschaft - nicht aber in die Wissensgesellschaft!

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