Zeitung Heute : Welt der Bücher, Welt der Wunder

PETER VON BECKER

"Leipzig liest" - Heute abend wird die Buchmesse in Leipzig eröffnet.Dieses Jahr zum ersten Mal in den neuen MessehallenVON PETER VON BECKERHeute abend wird die Leipziger Buchmesse im Neuen Gewandhaus, an traditioneller Stätte, in Anwesenheit des sächsischen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf und des rumänischen Außenministers Andrei Plesu eröffnet.Bis Sonntag aber wird sich die Frühjahrsbuchschau, die das Literaturland Rumänien als Themenschwerpunkt präsentiert, dann im eigenen neuen Gewand vorstellen.Aus der wohlrestaurierten Leipziger Innenstadt, wo Aussteller, Autoren und Publikum im Umkreis von Auerbachs legendärem Keller ein weit innigeres Verhältnis pflegten als in den mondäneren Hotels und monströseren Hallen des Frankfurter Bücherherbsts, zieht auch dieses Unternehmen jetzt um in neue, ambitiöse Mehrzweckhallen am Rande der Stadt.Seit der Wende galt die Leipziger Buchmesse als größte und überraschend erfolgreiche "Literaturnische" - doch der Erfolg beim Publikum erzeugte den Wunsch nach Ausweitungung, nach mehr Platz und noch mehr Programm.So regiert, so reagiert der Markt, und zu einer Messe gehört eben eher der Rummel als die Romantik. Zwar befürchten nun einige Verlage, vornehmlich aus den alten Bundesländern, daß Literatur-Leipzig mit dem Messeumzug der "besondere Charme" und womöglich das Publikum abhanden kommen könnte.Doch die offiziellen Auguren melden mehr als nur den zwecküblichen Optimismus: Auch diesmal steigt die Zahl der Aussteller aus (nunmehr) 34 Ländern; und bei "Leipzig liest", so das Motto, treten auf über 700 Veranstaltungen Poeten und Politiker auf, von Spaniens Bestsellerautor Javier Marìas bis zum deutschen Bundespräsidenten.Am Ende, das läßt sich voraussehen, wird Leipzig, obwohl ökonomisch nicht von erster Bedeutung, also wieder eine Messe wert und ein Erfolg gewesen sein.Weil Zulauf, Auftrieb und Medienecho nur einmal mehr signalisieren: Die Branche boomt, die Welt der Bücher lebt und bebt. Das nämlich ist, entgegen allen kulturkritischen Kassandrarufen, das wirklich Wunderbare - und Rätselhafte: Trotz steigender Konkurrenz der elektronischen Medien, trotz angeblich grassierender Leseunlust der Computerkids und eines statistisch zunehmenden Analphabetismus, trotz sterbender Kleinstadtbuchhandlungen ist der Buchmarkt hierzulande gewachsen.Trotz Konzentration und Fusionsfieber nimmt die Zahl der Verlage zu, und es sind nicht nur die Elefanten des Markts, die sich der Programm-Diversifizierung wegen immer mehr kleinere, feinschlanke Töchter (als "Imprints") leisten; auch mittelständische Häuser investieren zunehmend in Schwesterfirmen, und daneben verzweigen sich auch die Kleinverlage, mit oft erstaunlich kühnen, kostbaren Programmen.So wird alles mehr: Selbst das Klotzen mit bestsellerverdächtigen "Spitzentiteln" verringert nicht die Zahl der Neuerscheinungen, selbst die Kritiker können mit ihren Unisono-Verrissen nicht die verblüffenden Verkaufszahlen eines ominösen Romans verhindern (der "Fall Robert Schneider"); und auch die überwiegende Unverkäuflichkeit deutscher Belletristik auf dem wirtschaftlich wichtigsten, nämlich englischsprachigen Markt, hindert hiesige Verlage neuerdings nicht mehr, bei Vertragsschlüssen selbst im Inland mit bis zu sechsstelligen Autor-Vorschüssen zu operieren. Nicht nur Esoteriktitel, Lexika, Lebenshilfen oder die Memoiren von Medienstars haben so teil am Bücherboom.Auch die Belletristik, noch immer die Königsdisziplin in der Republik des Geistes, floriert heute - nominell.Wie sich dies rechnet, in einer Branche, die Bücher produziert, sich aber nicht wirklich in die Bücher schauen läßt, ist tatsächlich: ein Wirtschafts-Wunder.Ob dahinter auch eine Art Wachstumsfalle lauert, wird sich irgendwann erweisen. Leipzig 1998 allerdings erinnert mit dem Thema Rumänien daran, daß es bei der Literatur um mehr geht als nur ums wirtschaftliche Überleben.Das Geburtsland Ionescos und des Dichterphilosophen Mircea Eliade verdankt die Überwindung der Diktatur 1989 auch ihren Schriftstellern.Der Lyriker Mircea Dinescu hatte im umkämpften Fernsehstudio in Bukarest den Sturz Ceausescus verkündet, und heute symbolisiert der neue Außenminister Andrei Plesu, ein jahrelang drangsalierter Dissident, als Kulturphilosoph und europäischer Denker die Rückkehr Rumäniens auf einen Kontinent auch der politischen Kultur.

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