Zeitung Heute : Weltbürger unter sich

Kohl und Schröder hat der Unternehmer Karlheinz Kögel schon für den Medienpreis nach Baden-Baden geholt – und jetzt auch Kofi Annan

Petra Kistler[Baden-Baden]

Der Unterschied zwischen den Wichtigen und den ganz Wichtigen ist so groß wie eine Zigarettenschachtel. Wichtige Gäste tragen Namensschilder, ganz wichtige kommen ohne Etikett aus – denn die ganz Wichtigen kennt ohnehin jeder: UN-Generalsekretär Kofi Annan, der ehemalige US-Präsident Bill Clinton, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und Karlheinz Kögel, Medienunternehmer und Gastgeber des Deutschen Medienpreises, der Mittwochnacht in Baden-Baden verliehen wurde.

Zum Deutschen Medienpreis gibt es drei Ansichten. Die erste ist unstrittig: Kofi Annan, 65 Jahre alt, hat ihn wirklich verdient. Er hat der Uno ein Gesicht gegeben, er gilt als das Gewissen der Welt. Die zweite Ansicht lautet: Der Preis, ein Zwitter aus Keramik-Engel und Pinguin, fünf Kilo schwer und an die 40 Zentimeter groß, ist nicht nur äußerst unpraktisch für Leute, die wie Annan aus dem Koffer leben; das Ding ist auch hässlich. Und die dritte Ansicht lautet: Die undotierte Auszeichnung wurde vor allem zum Ruhm ihres Stifters Karlheinz Kögel erfunden. Doch welchen Preisträger stört das, wenn sie auch seiner Sache dient?

Selfmademan Kögel, einst Moderator der Südwestfunk-Radiosendung „Popshop“, betreibt heute die Firma Media Control, die Hitlisten ermittelt, und die Reiseagentur L’tur. In der Welt der bunten Blätter wird er als Medienmogul gefeiert, und tatsächlich schafft er es seit zwölf Jahren, die Wichtigen und ganz Wichtigen in die Provinz zu holen: Helmut Kohl, Gerhard Schröder und François Mitterrand wurden in Baden-Baden mit der Keramik ausgezeichnet, Boris Jelzin, Jassir Arafat, Nelson Mandela, Rudolph Giuliani, Bill Clinton, die Königinnen Rania von Jordanien und Silvia von Schweden und jetzt Kofi Annan.

Der Preisträger – „eine Persönlichkeit, die der Zeitgeschichte einen prägenden Stempel gegeben hat“, wie es in der Begründung heißt – wird von den Chefredakteuren der „reichweitenstärksten und einflussreichsten“ Medien ermittelt. Von der Jury ist jedoch nur Stefan Aust vom „Spiegel“ öffentlich bekannt. Für den Medienpreis steht eben vor allem ein Name: Karlheinz Kögel.

Aber was bewegt Annan, den so still und bescheiden auftretenden Mann vom New Yorker East River, die weite Reise nach Baden-Baden zu machen? Der Generalsekretär habe hier Gelegenheit, vor vielen internationalen Medienvertretern den Einsatz für die Menschenrechte und die Pressefreiheit zu propagieren, sagt sein Sprecher. Außerdem weiß Kofi Annan ja nicht, welche Szenen sich beim Defilee im Baden-Badener Kongresshaus abspielen: Fernsehmoderatorin Michelle Hunziker und Sängerin Yvonne Catterfeld werfen Küsschen in die nicht vorhandene Menge, Viktoria Lauterbach lässt ihr Kleidchen flattern, und die Schauspielerin Alexandra Kamp windet sich in der Blitzlichtflut wie eine Ertrinkende. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit schäkert, den Arm um dessen schmale Hüften, mit dem Fotomodell Nadja Auermann.

Die deutschen „Top Hundert“, so steht es auf den Einladungen, hat Karlheinz Kögel geladen – und es sind jedes Jahr dieselben, die bei den Fotografen diese kleinen Schreie auslösen: Sven Ottke, Marius Müller-Westernhagen, Heiner Lauterbach. Boris Becker sagt jedes Jahr kurz vor Partybeginn wieder ab. Michelle Hunziker säuselt ins Mikrofon, dass sie „Politik ja soooo langweilig“ findet. Doch die Party sei gut. Auf dem roten Teppich gelten die Gesetze des Boulevards, aber im Saal sagt Laudator Wolfgang Thierse, dass Kofi Annan „den Glanz und Glamour des medialen Boulevards meidet, weil er auf Kompetenz setzt und die Übereinstimmung von Reden und Handeln“. Bill Clinton lobt Annan als „führenden Weltbürger“: „Die Menschen lieben ihn, weil er für Anstand, Menschlichkeit und den Glauben an Versöhnung steht.“

Und der Geehrte? Der Mann mit dem „unmöglichsten Job der Welt“, wie er selbst oft sagt, ruft schließlich in seiner Rede zur Bekämpfung von Armut und Aids auf. Der Irak-Krieg habe 2003 die Aufmerksamkeit davon abgelenkt.

„Lassen Sie uns das Jahr 2004 diesen Aufgaben widmen!“, sagt Kofi Annan. Er hat seine Botschaft überbracht.

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