Zeitung Heute : Weltenwanderer

JAN GYMPEL

Eine Hommage an den Regisseur Erich Engel im ZeughausJAN GYMPELIn einem Land, wo zumal die Nachgeborenen mit dem Opportunismusvorwurf schnell zur Hand sind, muß man sich schon wundern, daß Erich Engel heute eher ein Vergessener denn ein Verfemter ist.So sehr vergessen, daß die Verwechslung mit Erich Engels keine Seltenheit ist, obwohl dieser Regisseur teils auf einem anderen Gebiet arbeitete und an die Qualität des Engelschen Schaffens kaum heranreicht. Erich Engel, dessen filmischen Oeuvres sich das Zeughaus-Kino in seinem September-Programm annimmt, war ein Wanderer zwischen den politischen Systemen, wie er sich im Kulturbereich wohl sonst nur noch in Herbert Ihering finden läßt.1891 in Hamburg geboren und an Leopold Jessners Schauspielschule ausgebildet, arbeitet er in seiner Heimatstadt an den Kammerspielen und am Schauspielhaus als Dramaturg, inszeniert in München und Berlin, bringt Toller und Georg Kaiser auf die Bühne und von Brecht, zu dessen engsten Freunden er bald zählt, die Uraufführungen von "Im Dickicht der Städte" und der "Dreigroschenoper".Mit dem Dichter und dem von diesem bewunderten Karl Valentin entsteht auch Engels erster Film: "Mysterien eines Frisiersalons", eine etwas surrealistisch, etwas dadaistisch angehauchte knapp halbstündige Stummfilmgroteske, mit der die Zeughaus-Retro heute, am 2.September, beginnt.Ebenfalls heute zu sehen: jene beiden Streifen, mit denen Engel seine eigentliche Kinokarriere startete - "Wer nimmt die Liebe ernst?" und "Fünf von der Jazzband", musikalische Komödien, die mitten in der Weltwirtschaftskrise entstehen und einen etwas genaueren Blick auf die soziale Realität hinter der heiteren Oberfläche werfen, als ähnliche Produkte des damals beliebten Genres, und Happy-Ends - wenn überhaupt - nur auf privater Ebene bieten, nicht auf ökonomischer. Trotz seiner linken Kontakte und Tendenzen muß Engel Deutschland 1933 nicht verlassen, sondern kann sogar weiterarbeiten.Zwar bewegt er sich weiterhin hauptsächlich im relativ "unverdächtigen" Genre der anspruchsvollen Komödie, andererseits entbehren seine Lustspiele auch fortan kritischer Töne nicht, sei es in seiner 1938 gedrehten Adaption von Heinrich Spoerls Obrigkeitsstaatssatire "Der Maulkorb" (zu der der Autor selbst das Drehbuch schrieb) oder in der ersten, nach Wien verlegten und von Theo Mackeben mit Musik versehenen Verfilmung von Shaws "Pygmalion", 1935 gedreht mit Gustaf Gründgens als Professor Higgins und Jenny Jugo als Eliza Doolittle.Jugo tauchte auch in zehn weiteren Filmen Engels auf, etwa als junge Queen Victoria auf der Flucht vor Heiratskandidaten in "Mädchenjahre einer Königin".Ansonsten agierte vor Engels Kameras nahezu die gesamte Starriege des deutschen Films jener Jahre, von Sybille Schmitz, Willy Birgel und Wolf Albach-Retty in dem Spionagemelodram "Hotel Sacher" über Paul Wegener und Brigitte Helm in dem Alltagsdrama "Inge und die Millionen" bis hin zu Käthe Dorsch und Rudolf Forster in dem Lustspiel aus dem Revuetheatermilieu "Fahrt ins Glück", das 1945 nicht mehr herausgebracht wurde. "Appelle an Vernunft, Logik und Menschlichkeit" nennt Herbert Holba Engels während der NS-Zeit entstandene Streifen, seine kommerzielle Unentbehrlichkeit wird gern als Grund dafür angeführt, daß Engel unter den Nazis nicht mindestens Berufsverbot bekam.Das klingt vernünftig.Doch seit wann lassen sich Überzeugungstäter von Vernunftsgründen - auch solchen ökonomischer Art - beeindrucken? Jedenfalls scheinen Engels alte Gesinnungs-freunde ihm die Arbeit im "Dritten Reich" nicht allzu übel genommen zu haben.Nach einem Intermezzo als Intendant der Münchner Kammerspiele dreht er 1948 wieder - nun bei der Defa - und zwar einen antifaschistischen Streifen, der bis heute zu den besten Produkten des ostdeutschen Monopolstudios gezählt wird: den Politkrimi "Affaire Blum", der einen authentischen Justizskandal mit deutlich antisemitischen Zügen aus der Weimarer Republik als Ergebnis eines unheilvollen gesellschaftlichen Klimas schildert.Nach diesem Erfolg und einer nicht minder gerühmten "Biberpelz"-Adaption arbeitet Engel in der westdeutschen Filmindustrie, wo er vor allem Unterhaltungsware verfertigt, bis hin zu triefender Kolportage; die zahme Version von Zuckmayers "Fröhlichem Weinberg" ist denn taktvollerweise auch der einzige Film, den das Zeughaus aus dieser Zeit zeigt. Erst sein letzter Streifen entsteht 1958 wieder bei der Defa.Am Theater ist Engel nach dem Krieg fast ausschließlich im Ostteil Berlins tätig, seit Brechts Rückkehr aus dem Exil auch gleich wieder mit ihm, an dessen Berliner Ensemble er zur Führungscrew gehört.Engel erhält diverse Auszeichnungen der DDR, ist Mitglied in ihrer Akademie der Künste - und lebt bis zu seinem Tod 1966 in West-Berlin.

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