Welternährung : Gipfel der Heuchler

Harald Schumann

Die Armen hungern und die Welt eilt ihnen zu Hilfe. So soll die gute Botschaft lauten, mit der die Vereinten Nationen und ihre Mitgliedstaaten ihre Gipfelkonferenz zur Bekämpfung der Hungerkrise beendet haben. Dafür sind ein paar Milliarden Dollar aus den Etats für die Entwicklungshilfe zugunsten der Nothilfe für die Hungernden umgeschichtet und ein „globaler Aktionsrahmen“ verabschiedet worden, der verspricht, „mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln“ die Krise zu mildern.

Das klingt gut und ist doch eine ganz bittere Nachricht für die vielen hundert Millionen Opfer, die wegen der Preisexplosion auf den Agrarmärkten ihr täglich Brot nicht mehr bezahlen können. Denn all jene, die nun Rettung für die Hungernden versprechen, verweigern sich der Einsicht, dass es ihre Staaten waren, die diese Notlage herbeigeführt haben. Da wusste Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy, dass es „ein strategischer Fehler war“, die Landwirtschaft in der Entwicklungspolitik jahrzehntelang zu vernachlässigen. Doch er verlor kein Wort darüber, dass gerade die von Frankreich eisern verteidigten EU-Agrarsubventionen in Höhe von jährlich mehr als 50 Milliarden Euro Millionen afrikanische Bauern ihrer Existenzgrundlage beraubt haben. Sie konnten gegen die künstlich verbilligten Importe aus Europa nicht konkurrieren.

Da verkündete Weltbankpräsident Robert Zoellick, es bedürfe nur der nötigen Mittel zur Förderung der Agrarpoduktion, um der Krise Herr zu werden. Doch er vergaß zu erwähnen, dass gerade die Weltbank über ihre Kreditauflagen zur „Strukturanpassung“ Dutzende von Ländern gezwungen hat, jede Förderung ihrer Bauern aufzugeben und stattdessen ihre Grenzen für Billigimporte aus den USA und Europa zu öffnen. Und da klagte der Senegalese Jaques Diouf, der die UN-Agrarorganisation FAO leitet, dass „niemand verstehen“ könne, warum die Wohlstandsstaaten mit ihren Agrarmilliarden die Nahrungsmärkte der Armutsländer zerstören. Aber er sprach nicht darüber, dass viele von Afrikas Regenten nur allzu bereit waren, mit den subventionierten Lieferungen aus dem Norden ihre städtische Klientel zu befrieden – und ihre Länder in die Importabhängigkeit trieben. Alle gemeinsam schließlich schwiegen sich darüber aus, dass das Welternährungsprogramm seine Nothilferationen bis heute zu mehr als der Hälfte mit Lieferungen aus US-Überschüssen bestreitet. So gräbt es selbst den Bauern in den Armutsländern das Wasser ab, anstatt mit dem Einkauf in den produktiven Regionen Afrikas und Asiens gezielt die Landwirtschaft am Ort zu fördern.

Die vielfach erhobene Forderung nach einer „grünen Revolution“ in den Hungerregionen führt darum in die Irre. All den Kleinbauern, die den größten Teil der Landwirtschaft in den Armutsländern bestreiten, ist mit verbilligten Saatgut- und Düngergaben auf Dauer wenig geholfen. Nicht nur, dass tropische Böden für die Intensivlandwirtschaft nach US- und EU- Vorbild ungeeignet sind. Dazu ist absehbar, dass die meisten Produzenten die Kosten für den mit hohem Energieaufwand hergestellten Mineraldünger wegen der schnell steigenden Preise für Öl und Gas niemals erwirtschaften können.

Das heißt nicht, dass die vom Hunger heimgesuchten Länder von Haiti bis zu den Philippinen sich nicht selbst ernähren könnten. Afrika könnte sich auch auf Basis heimischer Ressourcen und Anbaumethoden vollständig selbst versorgen. Die entscheidende Voraussetzung wäre aber der Aufbau von stabilen regionalen Agrarmärkten. Sie geben den Produzenten die Sicherheit, nicht wegen „Hilfslieferungen“ und Dumpingimporten auf ihren Produkten sitzen zu bleiben. Darum ist die Lösung des Hungerproblems keine Frage der Technologie, sondern eine der Macht und der politischen Prioritäten. Für die Wohlstandsländer ist es seit je selbstverständlich, ihre Landwirtschaft unbeschadet aller Bekenntnisse zum Freihandel strikt gegen alles abzuschirmen, was die Sicherheit ihrer Versorgung gefährden könnte. Nun ist es die Aufgabe der Agrar- und Handelspolitiker in Nord und Süd, genau diese Souveränität endlich auch für die Entwicklungsländer durchzusetzen.

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