Weltklimakonferenz : Aufgeheizte Atmosphäre

Auf Bali beginnt heute die Weltklimakonferenz. Sie soll den Klimaschutz verbindlich machen. Doch die größten Verschmutzer wehren sich. Um was geht es beim Kampf gegen die Erderwärmung? Ein Lexikon von Dagmar Dehmer

Klimaklimagipfel auf Bali
Ein Greenpeace-Aktivist vor dem Kongresszentrum auf Bali. -Foto: dpa

A wie Atomkraft: Nur sechs Prozent des weltweiten Energieverbrauchs stammen zurzeit aus den etwa 430 Reaktoren. Die Energiekonzerne argumentieren damit, Atomenergie sei klimafreundlich. Allerdings wird auch hier Kohlendioxid (CO2) ausgestoßen: In Deutschland sind es pro Kilowattstunde Atomstrom 32 Gramm CO2, in Russland sogar 64 Gramm. Denn auch beim Uranabbau und der Herstellung von Brennelementen wird Energie benötigt. Vor allem die Delegationen aus den USA und Frankreich werden auf Bali für die Atomkraft werben.

B wie Bali: Die „Insel der Götter“ ist der Schauplatz des 13. UN-Klimagipfels. Rund 3,3 Millionen Menschen leben dort. Das Klima der Insel ist tropisch. Deshalb hat das UN-Klimasekretariat für die ersten eineinhalb Wochen auch vorgeschlagen, ohne Jackett und Krawatte zur Arbeit zu erscheinen. Erst beim Verhandlungssegment, zu dem vom 12. bis 14. Dezember auch die Umweltminister anreisen, ist formelle Kleidung Pflicht.

C wie CO2: Kohlendioxid (CO2) ist das wichtigste der sechs Treibhausgase. Neben CO2 sind dies Methan (CH4), Lachgas (N2O), Fluorkohlenwasserstoffe (HFCs), perfluorierte Kohlenwasserstoffe (PFCs) und Schwefelhexafluorid (SF6). Methan und Lachgas entstehen vor allem in der Landwirtschaft; die drei anderen Gase bei industriellen Prozessen. CO2 entsteht bei jedem Verbrennungsvorgang, vor allem von Kohle, Öl und Gas. Der CO2-Gehalt in der Atmosphäre liegt zurzeit bei 381 Teilchen pro Millionen Luftteilchen (ppm). Zu Beginn der Industrialisierung waren es 280 ppm.

D wie Deutschland: Deutschland hat sich im Kyoto-Protokoll verpflichtet, seine Emissionen bis 2012 um 21 Prozent im Vergleich zu 1990 zu vermindern. Zurzeit liegt Deutschland bei knapp minus 19 Prozent. Deutschland geht mit dem Angebot in die Verhandlungen, bis 2020 seine Emissionen um 40 Prozent im Vergleich zu 1990 zu senken.

E wie Erneuerbare Energien: Im Moment decken sie weltweit etwa 17 Prozent des Gesamtenergiebedarfs. Der größte Anteil daran entfällt auf die Stromerzeugung aus großen Wasserkraftwerken und die traditionelle Biomasse (Holz oder Dung). In beiden Fällen ist die Nutzung aber nicht besonders nachhaltig. Dagegen sind die Potenziale der „neuen“ erneuerbaren Energien gewaltig. Am schnellsten wächst der Markt für Windräder. In China boomt die solare Warmwassererzeugung, etwa 70 Prozent des Weltmarktes befindet sich dort. Kontrovers diskutiert wird der Einsatz von Biokraftstoffen, da der Anbau von Energiepflanzen mit dem von Lebensmittelpflanzen konkurriert. Schon jetzt steigen in den Entwicklungsländern deshalb die Lebensmittelpreise.

F wie Flugverkehr: Zurzeit liegt der Anteil des Flugverkehrs an den weltweiten Treibhausgasemissionen bei unter fünf Prozent. Doch kein anderer Bereich wächst schneller. Deshalb will die EU die Fluglinien von 2011 an in den Emissionshandel aufnehmen. Fliegen wird dadurch auf jeden Fall teurer – allerdings rechnet die EU-Kommission höchstens mit zehn Euro mehr pro Ticket. Die USA wehren sich gegen den Plan.

G wie Gebäude: Kein anderes Feld bietet ein größeres Potenzial zur Energieeinsparung. 87 Prozent des gesamten Energieverbrauchs privater Haushalte gehen für Heizung und Warmwasser drauf. Durch eine energetische Sanierung ließen sich bis zu 80 Prozent davon einsparen.

H wie Hurrikan: Die Erwärmung der Meere führt dazu, dass Wirbelstürme mehr Energie freisetzen und gefährlicher werden. Den bisherigen Rekord markiert das Jahr 2005. Hurrikan „Katrina“ zerstörte New Orleans. Die darauf folgenden Hurrikane „Rita“ und „Wilma“ gehörten zu den stärksten, je gemessenen Wirbelstürmen. Außerdem drehte 2005 zum ersten Mal ein Hurrikan auf Europa zu. Ob der Klimawandel auch die Häufigkeit von Wirbelstürmen beeinflusst, ist allerdings umstritten.

I wie IPCC: Der Weltklimarat (International Panel on Climate Change) wurde 1988 gegründet. In diesem Jahr legte er seinen vierten Bericht vor. Mehr als 3000 Forscher trugen sechs Jahre lang die wichtigsten Ergebnisse der Klimaforschung zusammen. Im Oktober erhielt der Weltklimarat zusammen mit dem früheren US-Vizepräsidenten Al Gore den Friedensnobelpreis.

J wie Joint Implementation: Die gemeinsame Erfüllung (Joint Implementation, JI) von Verminderungsverpflichtungen ist einer der drei sogenannten Kyoto-Mechanismen. Industriestaaten können bei der Reduktion von Emissionen zusammenarbeiten. Ein Beispiel wäre die Sanierung von Erdgaspipelines in Russland, für die sich ein deutsches Unternehmen einen Teil der Emissionszertifikate gutschreiben lassen könnte.

K wie Kyoto-Protokoll: Es ist immer noch das einzige bisher existierende weltweite Klimaschutzabkommen. Im Jahr 1997 beschloss der dritte UN-Klimagipfel, dass die Industrienationen bis 2012 ihre Treibhausgasemissionen um 5,2 Prozent reduzieren müssen. Im Anhang B des Kyoto-Protokolls wurden die sogenannten Annex-I-Länder aufgelistet, die sich zu Einsparungen verpflichteten. Die EU soll ihre Emissionen um acht Prozent senken. Die USA hätten ihre Klimagase um sieben Prozent senken müssen – doch sie haben das Protokoll nie ratifiziert. Die Klimaziele dürfen auch mit Hilfe der Kyoto-Mechanismen erfüllt werden. Neben der gemeinsamen Erfüllung (JI) sind das der „saubere Entwicklungsmechanismus“ (CDM) und der Emissionshandel zwischen Staaten, der im kommenden Jahr erstmals möglich sein wird.

L wie LuLuCF: LuLuCF ist echter Klimasprech. Aufgelöst bedeutet die Abkürzung: Land use, land use change and forests. Dahinter verbergen sich sogenannte Klimasenken. Damit sind Wälder oder Böden gemeint, die Kohlendioxid speichern. Bei der Abholzung von Regenwäldern können zum Beispiel große Mengen CO2 zusätzlich freigesetzt werden. Berücksichtigt man dieses Phänomen, dann ist Indonesien drittgrößter Erzeuger von Treibhausgasen – direkt nach den USA und China. Umgekehrt lässt sich durch Aufforstung Kohlendioxid speichern. Es ist aber schwierig, diesen Effekt in Zahlen zu fassen.

M wie menschengemacht: Die Frage, ob der aktuelle Klimawandel vom Menschen ausgelöst wurde, beantwortet der vierte Weltklimabericht eindeutig mit Ja. Der erste IPCC-Bericht hatte noch die Möglichkeit offengelassen, dass auch natürliche Effekte – zum Beispiel die Sonnenaktivität – zur Erderwärmung beitragen.

N wie Nachhaltigkeit: Mit diesem Prinzip wird versucht, Wirtschaftsentwicklung, Umweltfolgen und soziale Balance in Einklang zu bringen. Deutschland hat sich 2002 eine Nachhaltigkeitsstrategie gegeben. Indikatoren dafür sind beispielsweise der tägliche Flächenverbrauch, der Bestand von bestimmten Vogelarten oder die Quote von Jugendlichen, die ohne Abschluss die Hauptschule verlassen. Ein weiterer Indikator ist das Wirtschaftswachstum.

O wie Ozonloch: Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) wurden bis in die 80er Jahre massenhaft in Kühlschränken oder Sprühdosen verwendet wurde. Sie führten zur Zerstörung der Ozonschicht. Nachdem Wissenschaftler dies erkannt hatten, wurde 1987 das Montreal-Protokoll beschlossen. Tatsächlich gelang es, die FCKW zu ersetzen. Die Industrieländer verboten die Stoffe. Zudem unterstützten sie Entwicklungsländer dabei, auf FCKW zu verzichten. Das Montreal-Protokoll ist das bisher erfolgreichste weltweite Umweltabkommen.

P wie Pflanzen und Tiere: Durch den Klimawandel ist ein Drittel aller Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht. Besonders gefährdet ist die Arktis. Vor allem für Eisbären sieht die Zukunft schlecht aus, weil sie von Eisschollen aus auf Robbenjagd gehen.

Q wie Quantensprung: Wer nicht daran glaubt, dass der Klimawandel noch aufzuhalten ist, macht sich Gedanken über einen Plan B. Die bisher geäußerten Vorschläge dazu klingen jedoch alle gleichermaßen verrückt: Zum Beispiel die millionenfache Installation von Spiegeln zwischen Erde und Sonne, um Sonnenlicht ins All zurückzuspiegeln; der Abschuss von mit Schwefeloxid gefüllten Raketen, die in der Atmosphäre einen künstlichen Vulkanausbruch simulieren sollen – oder die Massenzüchtung von Algen, um mehr CO2 im Meer zu speichern.

R wie Regelverstoß: Wer die Kyoto-Ziele verfehlt, kann bestraft werden. Allerdings sind die Strafen nicht besonders abschreckend. Die Staaten müssen lediglich einen Aktionsplan darüber vorlegen, wie sie ihre Verpflichtungen doch noch erfüllen wollen.

S wie Saudi-Arabien: Der Ölstaat hat bisher immer verlangt, dass die Opec-Staaten einen Ausgleich für mögliche Mindereinnahmen bekommen müssten. Beim Opec-Gipfel hat Saudi-Arabien jetzt erstmals einen Vorschlag für einen Klimafonds gemacht. Ein Teil der Öleinnahmen soll dazu dienen, dass die Opec-Staaten ihre Industrie diversifizieren. Allerdings hat sich bisher keines der Länder der Initiative angeschlossen.

T wie Treibhauseffekt: Die Erde ist von einer Atmosphäre umgeben, die für Infrarotstrahlung schlecht durchlässig ist. Vor allem Wasserdampf und CO2 strahlen einen Teil der von der Erde abgegebenen Strahlung zurück. Ohne diesen natürlichen Treibhauseffekt wäre die Erde vollständig vereist – doch die Verbrennung von fossilen Energieträgern heizt ihn nun zusätzlich an.

U wie Umweltorganisationen: Die Nicht-Regierungsorganisationen (NGO) sind als Beobachter am Klimagipfel beteiligt. Sie versorgen die Medien mit Informationen und sind inzwischen für viele Regierungsdelegationen wichtige Ratgeber.

V wie Verschmutzer: Die größten Klimaschädiger sind noch immer die USA, die einen Pro-Kopf-Ausstoß von CO2 von rund 20 Tonnen pro Jahr haben und auch absolut die meisten Emissionen produzieren. Der zweite Teil des Titels wird ihnen gerade von China streitig gemacht. Allerdings ist ein Chinese nur für vier Tonnen CO2 pro Jahr verantwortlich. Deutschland liegt mit elf Tonnen pro Kopf und Jahr dazwischen.

W wie Rachmat Witoelar: Der indonesische Umweltminister ist der Gastgeber und Vorsitzende des UN-Klimagipfels. Er ist seit 2004 in seinem Amt und bemüht sich, eine Waldinitiative auf den Weg zu bringen. Dabei sollen Industrieländer für Waldzertifikate bezahlen, damit die Wälder nicht abgeholzt werden.

X wie X-Faktor: Zweifel gibt es vor allem bei der Frage, wie stark die Temperaturen bis 2100 wirklich steigen werden. Tatsächlich hat der IPCC bisher in seinen Annahmen eher zu positiv gelegen. Viele Prognosen sind von der Realität längst überholt worden.

Y wie Yes: Die ganze Welt will von US-Präsident George W. Bush ein kräftiges Ja zu einem Kyoto-Nachfolgeabkommen hören. Er wird das vermutlich aber auch diesmal verweigern.

Z wie Zertifikate: Auf dem Emissionshandel liegen die großen Hoffnungen der Klimaschützer. Für Kohlekraftwerke wird der Betrieb deutlich teurer. Das wiederum hilft erneuerbaren Energien, schneller wettbewerbsfähig zu werden.

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