Weltkriegsbeginn : „Flugzeuge, Papa, Flugzeuge!“

Und dann fielen Bomben. Der Junge, der mit seinem Vater auf den Zug wartete, sah auf die Uhr. Es war 4 Uhr 40. Am frühen Morgen des 1. September 1939 fingen die Deutschen in Polen den Zweiten Weltkrieg an. Nicht mit Schüssen auf die Westerplatte. Sondern zuvor noch mit der Vernichtung der Kleinstadt Wielun. Über eine fast vergessene Geschichte – und eine fast verlorene Hoffnung

Agnieszka Hreczuk[Wielun]

Seine beste Erinnerung aus den Stunden davor ist die an die Uhr. Die Uhr seines Vaters. Elegant, rund, golden, an einer Kette, etwas Besonderes. Eugeniusz Kolodziejczyk mochte es, an ihr zu lauschen, besonders mochte er das Geräusch, wenn der Minutenzeiger zu einem neuen Strich sprang.

Damals, auf dem Markt in Wielun, als Eugeniusz mit seinem Vater und vielen anderen zusammenstand, durfte er sie sich wieder ans Ohr halten. Es war Nacht, sie waren angereist aus einem Nachbardorf, sie warteten auf den Zug, die Zeit dehnte sich endlos, mit der Uhr in der Hand verging sie etwas schneller.

Eugeniusz’ Vater war zum Militärdienst einberufen worden, wie Tausende Männer aus der Gegend. Ein Krieg mit Deutschland wurde erwartet. Sie sollten sich um zwei Uhr in der Nacht auf dem Wieluner Bahnhof melden, der Zug würde sie weiterbringen, in die Kasernen. Doch der Zug kam nicht. Der Bahnhofsvorsteher schickte die Männer und ihre Angehörigen auf den Markt, auf dem Bahnhof selbst gab es keinen Platz mehr. Dort sollten sie warten, niemand wusste, wie lange.

Ticktack, ticktack macht die Uhr leise am Ohr des 13-Jährigen. Eins, zwei, drei, vier, bis sechzig, zählt er mit. Ticktack, ein Hund bellt irgendwo, ticktack, jemand macht das Licht an, ticktack, ticktack. Und wieder springt der Zeiger.

Auf einmal dringt ein lautes Geräusch ins Ohr und übertönt alles. „Flugzeuge, Papa, Flugzeuge!“, sie fliegen so tief, dass der Junge auch Details erkennen kann. Die schwarzen Kreuze auf dem Rumpf. Die dunklen Silhouetten, die sich von den Flugzeugen trennen. „Vater, Bomben!“ Die Worte gehen unter im Krach der Explosionen und einstürzenden Häuser. Eugeniusz drückt seine Hand auf die Uhr seines Vaters. Er schaut auf das Zifferblatt: 4 Uhr 40. Es ist der 1. September 1939.

Wielun, 100 Kilometer südlich von Lodz, 80 nördlich von Oppeln. Alte, enge Wege führen dorthin. Nicht mehr lange alte, denn kilometerweit wird renoviert und neu gebaut, worauf Wieluns Bewohner stolz sind. Genauso stolz sind sie auf ihre Stadt. Die Reste der prächtigen Ringmauer und mächtige Tore erinnern daran, dass Wielun einst wichtig war. In seiner 800-jährigen Geschichte war Wielun sogar einmal die Hauptstadt eines gleichnamigen Fürstentums. Heute ist Wielun mit seinen 24 000 Bewohnern eine eher kleine Stadt. Hübsch, sauber, frische Fassaden, stilvolle Wohnhäuser, nur ab und zu zwängt sich ein moderner Wohnblock dazwischen. Auf dem Marktplatz sitzen die Menschen in den Biergärten, Kinder spielen. Am Rande der Altstadt beherbergt eines der mächtigen Tore das Rathaus.

So untypisch wie der Dienstsitz selbst ist auch die Hektik darin. Der Bürgermeister Mieczyslaw Majcher ist sehr beschäftigt, in seinem Büro klingelt pausenlos das Telefon, ständig schaltet sich das Faxgerät ein, dauernd kommt jemand mit Fragen. Wo werden die Sicherheitsleute des Präsidenten stehen, wer legt als Erster Blumen nieder, wer enthüllt das Denkmal? Fernsehteams aus Polen, Deutschland und Israel erkundigen sich nach der Logistik und nach Gesprächspartnern. „Der Parlamentsvorsitzende wird auch kommen“, sagt Bürgermeister Majcher, „polnische Europaabgeordnete, Woiwoden, der Erzbischof, aber eben vor allem der Präsident!“

Möglicherweise sogar zwei Präsidenten. Die polnischen Medien spekulieren, dass vielleicht auch Horst Köhler zur Gedenkveranstaltung kommt. Majcher ist vorsichtig – „davon wissen wir noch nichts.“ Obwohl, sagt er, „ein solcher Besuch wäre die Krönung unserer langjährigen Bemühungen.“ Es wäre endlich eine deutliche Anerkennung dafür, dass Wielun das erste Opfer des deutschen Angriffs auf Polen war. „Bei uns tobte der Krieg schon, als man auf der Westerplatte erst eine Ahnung davon hatte. Als dort die ersten Schüsse fielen, lag unsere Stadt schon in Schutt und Asche.“ Schon fünf Minuten lang.

Was bedeuten fünf Minuten? Manchmal können sie die Geschichte umschreiben, und bisher und offiziell geht die Geschichte so: Um 4 Uhr 45 wurden die ersten Schüsse auf das polnische Munitionsdepot Westerplatte abgegeben, von der als Schulschiff dienenden „Schleswig-Holstein“, die sich offiziell zu einem Freundschaftsbesuch in der Danziger Bucht aufhielt. Doch Eugeniusz Kolodziejczyk ist sich sicher: 4 Uhr 40 war es auf der Uhr des Vaters, als die Bomben auf Wielun gefallen sind. Und Vaters Uhr ging immer korrekt.

Augenzeugen wie Kolodziejczyk gab es in Wielun und Umgebung viele, hunderte haben von ihren Erlebnissen, von ihren Beobachtungen berichtet. Einige wollen die Flugzeuge schon um 4 Uhr 30 gesehen haben. Außerdem, sagt Tadeusz Olejnik, ein Geschichtsprofessor aus Wielun, „gibt es genug deutsche Zeugen, die Soldaten, und Dokumente, die die Zeit bestätigen“.

Die ersten Bomben treffen das Allerheiligen-Krankenhaus. Auf das Dach des riesigen Gebäudes ist ein rotes Kreuz gemalt. 32 Patienten, Ärzte, Krankenschwestern sterben.

Eugeniusz Kolodziejczyk, der damals 13-Jährige, geht durch die Stadt, heute ist er 83. Mit kräftiger Stimme erzählt er von dem Tag vor 70 Jahren. „Rechts, die ganze Reihe der Häuser lag in Trümmern. Das Dach der Kirche, auf der anderen Seite des Marktes, wurde von der Explosionskraft angehoben, die Bombe traf das Nebenschiff.“ Kolodziejczyk und sein Vater rannten nicht weg. „Es gab keinen Ausweg. Die Flammen umgaben den Markt, er war voller Menschen. Wir standen alle einfach da, wie gelähmt.“

Als die erste Bombardierung zu Ende ist, fangen die Überlebenden an, nach Lebenszeichen unter den Trümmern zu suchen. Überall verstreut liegen zerrissene Leichen und Körperteile, Menschen mit gebrochenen Gliedern, in Nachtwäsche, die von herabstürzenden Balkons gesprungen sind, einige laufen verwirrt durch die Ruinen. Vater und Sohn Kolodziejczyk packen zwei verletzte Mädchen auf einen Pferdewagen. „Die Jüngere könnte etwa sieben Jahre alt gewesen sein.“ So alt wie seine Schwester damals. „Sie war überall mit Blut beschmiert und hat die ganze Zeit nach Mama gerufen. Ich habe ihr gesagt, mit Mama ist alles in Ordnung, obwohl ich gar keine Ahnung hatte. Bis heute hab ich ein schlechtes Gewissen deswegen.“

Anderthalb Stunden nach dem ersten Angriff fallen wieder Bomben auf die Stadt. Dann wieder um 9 Uhr und noch ein paar weitere Male im Laufe des Tages. Eugeniusz und sein Vater flüchten nun aus Wielun. Auf den verstopften Straßen werden sie mehrmals aus Flugzeugen heraus beschossen. Sie schaffen es nach Hause, in ihr Dorf, erzählen, was passiert ist. „Oma glaubte uns nicht. Sie sagte, ich hätte nicht richtig hingesehen, Deutsche könnten so etwas nicht gemacht haben. Sie seien zu kultiviert. Sie hatte eine Weile in Deutschland gelebt.“ Da ging er mit ihr Richtung Wielun: „Die Stadt sah aus wie eine riesige Fackel. Hinter den Rauchwolken schossen Flammen in die Höhe. Man konnte das Knacken des Feuers hören, keine anderen Geräusche sonst.“

Auf dem Weg trafen sie zwei Militärs in grauer Uniform. Deutsche. „Ein Offizier und ein Soldat, mit einer Pistole, die ihm auf der Brust hängt.“

Jahre später erfuhr Kolodziejczyk, dass die deutsche Einheit, die am 2. September 1939 in Wielun einmarschierte und dann in der Stadt stationiert war, Claus Schenk Graf von Stauffenberg unterstand. „Ich frage mich oft, ob er es war, den ich an diesem Tag getroffen habe.“ Der Offizier habe gefragt, wo sie hinwollen. „Oma hat mit einer Frage geantwortet: Was habt ihr mit Wielun gemacht?“ Der Offizier zuckte zurück und sagte nach einer Weile: „Wir waren das nicht, das waren die von da oben“. „Warum?“, fragte die Großmutter. Warum, fragen sie sich in Wielun noch immer.

Es war sinnlos und grausam, sagt Professor Tadeusz Olejnik. 1939 war Wielun eine Provinzstadt, 15 Kilometer entfernt von der damaligen deutschen Grenze. Die Bewohner lebten von Handel und Landwirtschaft. „Keine Industrie, keine Verkehrsknoten, Brücken, Kasernen: keine militärische Bedeutung“, sagt Olejnik. In den Rapporten der deutschen Flieger tauchen Einheiten der polnischen Kavallerie als Ziel auf. „Unsinn“, sagt Olejnik, darüber seien sich die Historiker aus Deutschland und Polen einig – „es waren keine Truppen in Wielun und Umgebung stationiert.“

Olejnik hat ein Buch geschrieben, „Das polnische Guernica“. Guernica, jene Stadt im spanischen Baskenland, die 1937 von der Luftwaffe komplett zerstört wurde. Beide Bombardierungen, Guernica und Wielun, leitete Wolfram Freiherr von Richthofen. In seinem Tagebuch notierte er: „Stadt (…) buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht, Bombenlöcher auf Straßen noch zu sehen, einfach toll.“ Der Eintrag betrifft Guernica. Hätte aber auch Wielun meinen können: Fast 500 Bomben brachten am 1. September in wenigen Stunden 1200 Menschen ums Leben, acht Prozent der Bevölkerung der Stadt, und zerstörten 80 Prozent der Gebäude.

Warum also? „Es ging nur um den Schrecken“, sagt Olejnik. Die Leute liefen aus der Stadt und erzählten anderen auf dem Weg, was passiert war. Die Bombardierung sollte Angst über Polen bringen, die Leute lähmen.

Darum gehe es, sagt auch Bürgermeister Majcher. Es gehe um das richtige Symbol für das Wesen dieses Krieges, nicht um die fünf Minuten. Und die Westerplatte sei das falsche Symbol. Der Angriff auf die dortige Festung, auf ein Munitionsdepot, sei zwar eine Aggression, doch – so zynisch es klinge – Teil eines normalen Kriegs. Die Bombardierung wehrloser Menschen in einer kleinen Stadt sei etwas anderes. „Das hatte schon angedeutet, wie die nächsten Jahre unter Hitler aussehen würden. Ein Völkermord ohne Regeln und Gnade.“

Aus den Fenstern des Bürgermeisterbüros blickt man auf alte Fundamente. An der Stelle stand einmal eine Kirche, zerstört am 1. September, nie wiederaufgebaut. Um die Grundmauer werde ein Pfad angelegt, erzählt Majcher. An den Seiten Gedenktafeln, mit den Namen der Bombenopfer. Viele waren es, viele Jahre wird es dauern, bis das Denkmal fertig sein wird. „Keine Eile“, sagt Majcher. „Hauptsache ist, dass niemand vergisst, was hier passiert ist, wenn die letzten Augenzeugen weg sind.“

Das Massaker in Wielun ist indes schon fast vergessen gewesen, sogar in Polen. In den Geschichtsbüchern wird über den Angriff auf die Westerplatte geschrieben und über den Warschauer Aufstand von 1944. „Wielun war nicht geeignet, die junge Generation abzuhärten“, sagt Tadeusz Olejnik. Wehrlose Opfer seien nicht so gut vorzeigbar wie mutige Soldaten in einem Munitionsdepot, die bis zum letzten Blutstropfen kämpfen, so dass sogar ihre Feinde für ihre Tapferkeit Respekt äußern. Olejnik fuhr jahrelang nach Warschau, zum Zentralkomitee der Arbeiterpartei und zu den höchsten Behörden, um sich für Wielun einzusetzen. „Viel verlangten wir nicht. Nur, dass die Wahrheit anerkannt wird.“ Überall stieß er auf Ablehnung. Allein auf regionaler Ebene wurde der Ereignisse von Wielun gedacht. „Wir hier sind mit dem Schatten gewachsen“, sagt der Bürgermeister.

Er ist 52, kam 18 Jahre nach der Bombardierung zur Welt. Jedes Jahr am 1. September um 4 Uhr 40 heulen die Sirenen und läuten die Glocken. Die Stadt wird aus dem Schlaf gerissen. Dann erfahren die Kinder, warum.

Andere erfuhren das in vielen Konferenzen, Workshops, Kultur- und Austauschprogrammen, die Wielun angestoßen hat, die Bewusstsein geschaffen haben. Auch in der großen Politik. 2004 kam der damalige Präsident Aleksander Kwasniewski nach Wielun, in diesem Jahr kommt Präsident Lech Kaczynski. Und dass unlängst das Fernsehen der Deutschen Welle und das polnische TVP Polonia den Angriff auf Wielun nachgezeichnet haben, war das erste Mal, dass eine deutsche und eine polnische TV-Station gemeinsam ein Weltkriegsthema aufgriffen.

Eugeniusz Kolodziejczyk ist trotzdem desillusioniert. „Ich dachte nach dem Krieg, die Leute haben was gelernt. Aber was ist? Die Balkankriege, die in Afrika … Und dann melden sich auch die Braunen zurück, in Deutschland, hier in Polen und sonst wo mit ihrem ganzen Quatsch.“ Er wedelt mit Fotos vom zerstörten Wielun und sagt: „Dies hat doch gereicht.“

Als die Deutschen in die Stadt einmarschierten, fanden sie noch 200 Bewohner vor. Es waren die Schwerverletzten und die Kranken. Alle, die sich bewegen konnten, waren weg, geflohen.

Vor einem Jahr trat Wielun dem „Verein der Friedensfürsprecherstädte“ bei. Und Anfang 2009 hat eine Bürgergruppe die Stadt als Friedensnobelpreiskandidaten vorgeschlagen. „Jeder kann sich bewerben“, sagt Bürgermeister Majcher und bleibt gelassen. Der größte Erfolg für ihn wäre, wenn Wielun einst in einem Lexikon stünde: unter den Kapiteln „Zweiter Weltkrieg“ und „Frieden“.

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