Weltmeere : Wunderkind des Ozeans

Vor 70 Jahren begann diese Leidenschaft: für die Zauberwelt unter dem Wasser. Hans Hass – heute 90 – hat sie seitdem nicht mehr losgelassen. Er war der Pionier der Unterwasserfotografie, ein Abenteurer und Filmemacher. Und der Erste, der es wagte, beim Tauchen Haien ins Auge zu sehen. Morgen bekommt er einen Preis für sein Lebenswerk

Kerstin Decker[Wien]
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Augetaucht. Hans Hass mit seiner Sekretärin und späteren Ehefrau Lotte Baierl im Film „Unternehmen Xarifa“ 1954. Foto: adolph...

Er setzte sich auf den komfortablen Felsblock, der wie ein Thron aus Stein war, schloss die Augen und begann, sich über seine Lage Rechenschaft zu geben: „Ich bin nicht zu Hause, bin in keiner Stadt und bei keinem Volke. Ich bin draußen im Ozean und sitze auf dem Meeresgrund.“ Bei den letzten Worten begann ein großes Glücksgefühl sich in ihm auszubreiten, was durchaus seltsam war, weil niemand außer ihm diesen Aufenthaltsort als Vorzug angesehen hätte. Höchstens noch Jörg und Alfred, seine Mittaucher. Für den übergroßen Rest der damaligen Menschheit war klar: Nirgends kann der Mensch so fehl am Platze sein wie auf dem Meeresgrund, weshalb auch nur die Schiffbrüchigen, die Toten ihn bisher gesehen haben.

70 Jahre später, in der Mitte einer denkbar meervergessenen Stadt, fast schon beim Stefansdom, wartet ein alter, gebeugter Mann vor einem unscheinbaren Mietshaus, das sich neben den Barock- und Bürgerpalästen ringsum nicht recht wohlzufühlen scheint. Mit 90 Jahren muss kein Mensch mehr vor der Tür stehen, wenn Gäste kommen. Das sehe er genau so, antwortet Hans Hass, nur habe er wohl vergessen zu erwähnen, dass sein Name nicht am Klingelschild steht. Lebt er hier etwa incognito, mitten in Wien? Eine Frau tritt aus dem Fahrstuhl, wünscht „Guten Tag, Herr Professor“. Würde sie einen Hut tragen, sie hätte ihn jetzt gewiss abgenommen. Der Professor nickt ihr zu. Vollkommen ist sein Incognito also nicht.

Ja, Professor ist er auch. Die meisten Menschen müssen sich irgendwann entscheiden – entweder Professor oder Abenteurer –, aber Hans Hass hat diese Alternative immer abgelehnt. Sein Berufsbild: Entdecker des Meeres und dessen erster Pressesprecher, Hai-Schreck und Hai-Schützer, Pionier der Unterwasserfotografie, Regisseur der Korallenriffe, Erfinder diverser Tauchhelme, der Hans-Hass-Flossen sowie verschiedener Hans-Hass-Fotoapparate, Vortragsreisender. Dafür bekommt er morgen einen großen Preis, den Elisabeth-Mann-Borgese-Preis. Für sein Leben. Für sein Leben als Werk. Für sein Lebenswerk.

Die schmalen Flure riechen nach Alltag und Bohnerwachs, vor den Türen stehen Schuhe. Hass öffnet eine ohne Schuhspalier. Es ist ein kleiner Raum. Mein Studio!, stellt der 90-Jährige das Zimmer vor. Der Blick prallt am Dach gegenüber ab. In den Regalen an den Wänden befindet sich wohlsortiert das Leben des Hausherrn: Filme, Interviews, Fotoalben, Bilder junger athletischer Männer – einer davon ist meistens er selbst. Dazu vergilbte Zeitungsausschnitte. Hass setzt sich an seinen Schreibtisch am Fenster. Wenn er hinausschaut in den Kaumblau-Himmel über Wien, mag es manchmal sein, als tauche er wieder ein in ein anderes Blau.

„Ich bin nicht zu Hause, bin in keiner Stadt …“ Der 20-Jährige öffnete nach seiner Kurzmeditation wieder die Augen und erblickte das Unglaubliche: Das Zauberreich um ihn herum war immer noch da, ja, es war noch schöner als zuvor. Er schwamm durch einen Korallenwald in der Südsee. „Wie hohe Baumstämme, rötlich braun gefärbt, wie ganz alte Bäume, denn sie hatten dicke, knorrige Stämme, standen diese Korallen auf dem Meeresgrund. Überall blitzte es auf, hier rot und grün, dort gelb und blau, und auch im Dunkel des Schattens standen Augenpaare und sahen mich gespenstisch funkelnd an.“ Es war der Sommer 1939 vor der kleinen niederländischen Insel Curacao, was so viel wie „Gebratener Priester“ heißt und auf den ersten Empfang der Europäer auf der Insel anspielt. Curacao liegt nördlich von Kolumbien.

Als Hans Hass wieder auftauchte, war der Zauber vorbei. Unter Wasser war er ein Fisch unter Fischen. Über Wasser war er – selbst auf Curacao – ein Wiener, also ein Österreicher, also, seit einem Jahr, ein Deutscher. Also ein feindlicher Ausländer.

Vor Wochen noch hatte Hans Hass nur ein Problem gekannt: Wie komme ich in die Südsee? Nun lautete es: Wie komme ich da wieder weg, wenn überhaupt noch? Aber fangen wir ganz von vorn an. Wie schafft es ein Binnenländer überhaupt auf den Meeresgrund?

„Aus Liebeskummer“, erklärt ungerührt der 90-Jährige. „Ich war 18, allein in Südfrankreich, und lief auf ein entlegenes, einsames Cap hinaus, um über mein Leben nachzudenken.“ Und darüber, ob es – auch ohne das Mädchen, das ihn übersah – überhaupt noch ein Leben sein könnte. Da bemerkte er einen Mann, der tauchte gewandt wie ein Fisch, in der rechten Hand einen langen Speer. Als der Fremdfisch, es war ein Amerikaner aus dem Luxushotel gegenüber, seine Beute an Land brachte, ließ er sich von dem jungen Lebensmüden befragen. „Er hieß Guy Gilpatric, ein bekannter amerikanischer Schriftsteller und Korrespondent der Saturday Evening Post.“ Sollten die Artikel dieses Journalisten auch nicht für die Unsterblichkeit genügt haben, so doch sein Benehmen. Der junge Wiener sah Guy Gilpatric herzhaft in seine Taucherbrille spucken, bevor er sie wieder aufsetzte, und es wird nicht mehr lange dauern bis man – durch den obersten Pressesprecher des Meeres Hans Hass – überall auf der Welt wissen wird, was am besten gegen beschlagende Taucherbrillen hilft.

Kurz darauf konnte er sich kaum noch an das Mädchen erinnern, dafür besaß er nun auch eine Harpune und übte, unter Wasser so zu tauchen wie jener Amerikaner, mit weichen, fließenden Bewegungen, ohne die Harpune fallen zu lassen. „Das war sehr schwer“, sagt Hass noch heute. Seine alten, schönen Hände liegen auf der Sessellehne. Wie viele bislang unbekannte Meeresschätze haben diese Hände geborgen. Welche Kränkung muss das Alter sein für einen, der sich einmal auf nichts so sehr verlassen konnte wie auf seinen Körper?

Vielleicht wäre allen anderen die Harpune spätestens beim Anblick eines Hais aus der Hand gefallen. Aber als Hans Hass im Sommer 1939 vor Curacao einen großen schnell näher kommenden Schatten im Wasser bemerkte, hielt er gar keine Harpune in der Hand, sondern – einen Fotoapparat. Ohne diesen folgenschweren Waffentausch – Fotoapparat gegen Harpune – wäre Hans Hass wohl niemals Hans Hass geworden.

Der nahende Schatten wurde zu einem mindestens vier Meter großen Hai. Die Einwohner von Curacao und mit ihnen der Vreemdlingendienst, die Fremdenpolizei, waren anfangs der Meinung gewesen, dass sich das Ausländerproblem auf ihrer Insel bald von selbst erledigen würde. Diese lästigen Wiener werden ohnehin von den Haien gefressen! Und illegal war er auch noch.

Der 20-Jährige hatte die Ablehnung der Aufenthaltserlaubnis auf den niederländischen Antillen noch in Wien erhalten und fast im selben Augenblick beschlossen, seinen Freunden nichts davon zu sagen und trotzdem loszufahren. Schließlich kann man eine große, sorgfältig vorbereitete Reise nicht von einer Aufenthaltsgenehmigung abhängig machen. Zudem galt es, dem Arbeitsdienst sowie dem Militärdienst davonzulaufen. Kaum auf Curacao angekommen, wurden Hass und seine beiden Freunde umgehend wieder ausgewiesen. Ihre Abreise hatte sich immer wieder verzögert, aber nun – dachte der junge Ignorant amtlicher Verfügungen mit Blick auf den wachsenden Riesenschatten – stand sie wohl unmittelbar bevor, wenn auch anders als gedacht. „Und dann geschah etwas mit mir, was mir noch heute vorkommt, als habe ein fremder Wille von mir Besitz ergriffen“, sagt Hans Hass.

Dieser Wille ließ ihn die Kamera direkt auf den Hai richten und ihm unter unentwegter Betätigung des Auslösers entgegenschwimmen. „Ich fotografierte ihn in seiner ganzen Majestät, in seiner Sicherheit und in seiner vollendeten Größe.“ Der Blick des Fotografen registrierte genau, dass das tiefe Wasser hinter dem Hai einen großartig dunklen Hintergrund bildete. Aber das war kein fremder Wille, das war Journalismus! Der große Hai blickte gewiss nicht sehr intelligent in die Kamera, die schließlich nur noch drei Meter von ihm entfernt war, um dann voller Panik die Flucht zu ergreifen. Hans Hass, der Hai-Schreck.

Das Curacao-Tagebuch befindet sich wohl auch im Bücherregal am Fenster. Es verzeichnet fast keinen Tag ohne Hai. Schließlich vergaßen Hans, Alfred und Jörg deren Anwesenheit sogar, sie gehörten einfach dazu. „Haie sind sehr scheue Tiere, müssen Sie wissen“, erklärt der Meeresveteran und klingt jetzt ein wenig wie der Direktor eines Streichelzoos: „Ich hatte bald eine große Sympathie für sie."

„Aber Herr Professor Hass, wen man mag, den schreit man doch nicht an!“ Immerhin ist der Wiener nicht zuletzt durch die These berühmt geworden, wer einem Hai begegne, brauche ihn unter Wasser nur kräftig anzubrüllen, dann kehre er schon um. „War es nicht auch auf Curacao, dass Sie zum ersten Mal einen Hai angeschrien haben?“

„Ja, natürlich, aber nicht einen, sondern drei. Die rasten mit unglaublicher Geschwindigkeit direkt auf uns zu. Wir waren starr vor Schrecken, und einer von uns stieß einen gellenden Schrei aus.“ Das Wunder geschah. Die drei Haie schwenkten herum und rasten zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Ob Haie überhaupt hören können, ist sehr fraglich. Hass glaubt noch heute, dass die Druckschwingungen des Schreis die Tiere vertrieben haben.

Allein, bald ohne Geld als feindliche Ausländer in der Karibik. Andere hätte das entmutigt. Aber nicht diesen Ein-Mann-ein-Wille-ein-Weg-Hass. Und doch ist es auch ihm unheimlich, wie viel Glück selbst einer wie er im Leben braucht. Mit dem letzten Dampfer, der nicht über die britischen Bermudas fuhr, die kein Deutscher mehr anlaufen durfte, gelangten sie nach New York, im Gepäck Tausende Unterwasseraufnahmen, auch – eine Sensation! – in Farbe. Statt in einem Internierungslager auf Curacao die Kriegsjahre zu verdämmern, verkaufte er nun die Veröffentlichungsrechte seiner Fotos. „Und zwar dem Life-Magazin!“, sagt Hass. Davon ließ sich die Rückreise bezahlen.

Im Herbst 1940 erschien die größte Zeitschrift Deutschlands mit Hass’ Hai-Foto auf der Titelseite und dem Beginn eines Fünfteilers über Menschen und Meer. Die „Berliner Illustrierte Zeitung“ besaß damals eine Auflage von zwei Millionen. Das war der Durchbruch. Hass war nun 21 Jahre alt, seine Altersgenossen zogen in den Krieg und er von Vortragssaal zu Vortragssaal. „Zum Abschluss dieser Tour mietete ich im Mai 1941 die Berliner Deutschlandhalle und sprach vor 20 000 Menschen.“

Das Wunderkind des Ozeans wurde zu Empfängen geladen, es wurde auch einer österreichischen Landsmännin vorgestellt, die ihm erklärte, wie gern auch ihr Bruder einmal auf Expedition gefahren wäre. „Ach ja, ist Ihr Bruder auch schon in der Öffentlichkeit aufgetreten?“, fragte Hass zurück. „Ich denke schon, es ist der Führer“, antwortete die Österreicherin.

Europa versank in der Katastrophe, Hans Hass besichtigte Unterwasserdome in der Ägäis. Sein Leben gewann die Form, die es über Jahrzehnte behalten würde von Expedition zu Expedition, von Film zu Film, von Buch zu Buch.

Sogar auf die große Leinwand hat er es geschafft. Und das verdankt er seiner Sekretärin. „Ja, wenn eine Frau mitmachen würde“, hatte nach dem Krieg ein Filmproduzent zu ihm gesagt, und Hass musste sofort an seine Sekretärin Lotte Baierl denken, der er bis dato jeden gemeinsamen Unterwassergang verwehrt hatte. Eine Frau mit lauter Männern, das passt nicht. „Und bevor wir zum ersten Mal gemeinsam an Bord gingen“, sagt Hans Hass, „nahm ich sie zur Seite und sagte: Ab heute bist du ein Mann.“ Niemand, der nachher im Kino „Abenteuer im Roten Meer“ oder „Unternehmen Xarifa“ sah, hat das wohl geglaubt. Vielleicht haben es nicht einmal die Fische geglaubt und vor allem nicht die Haie, denen die Meerfrau immer noch eine Spur furchtloser entgegenschauen musste, weil sonst alle gesagt hätten: Haben wir es doch gewusst, eine Frau kann das nicht!

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