Zeitung Heute : Weltwirtschaftsforum in Davos: "Chance für Zuhören, Verstehen, Handeln"

RÉmi Redley

Die bei Genf ansässige Stiftung "World Economic Forum" ruft zum Weltwirtschaftsforum 2001 (WEF) und rund 2000 bedeutende Persönlichkeiten aller Erdteile aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Gesellschaft und den Medien werden sich in der Zeit von 25. bis 30. Januar wieder ein Stelldichein im exquisiten Rahmen des Schweizer Nobelskiortes Davos geben. Durch die umfassende und handlungsorientierte Diskussion zu Schlüsselthemen der Globalisierung wollen die dort Anwesenden einen Beitrag zur Überwindung der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gräben und die Gestaltung der weltweiten Zukunft liefern.

Die Veranstaltung findet allerdings nicht uneingeschränkte Zustimmung. Auch in diesem Jahr haben die Gegner des Weltwirtschaftsforums ihre Proteste angekündigt, mit dem Ziel, künftige Treffen dieser Art zu verhindern. Über das Internet wird zu Blockaden und zu Aktionstagen aufgerufen. Die Stimmung hierbei trägt militante Züge. Hauptvorwurf der Gegner ist, dass die globale Profitmaximierung zur Verarmung von Millionen Menschen führt. Die Globalisierung und die damit einhergehenden Entwicklungen werden einseitig negiert.

Doch was wäre die Alternative? Auf welche Art und Weise ließen sich übergreifende Handlungsstrategien und pragmatische Verhaltensregeln auf höchster Ebene für eine gemeinsame Verantwortung aufstellen, wenn nicht durch das Zusammenführen unterschiedlichster Interessen im direkten Kontakt. Bei vorbehaltloser Sichtweise lassen sich auch die Chancen und der Nutzen für Gesellschaft und Wirtschaft erkennen. Der Beginn des Jahrtausends bietet darüber hinaus einen besonderen Anlass, das Bewusstsein für die künftigen Erfordernisse einer eng zusammenrückenden Welt zu schärfen.

Viele Fragen unserer Zukunftsgestaltung und -entwicklung tun sich in diesem Zusammenhang auf und spiegeln auch die Themenpalette in Davos wider: Wohin wird sich die Welt entwickeln? Was kommt auf uns zu? Welche Rolle spielen dabei die Biotechnologie, die zweite Phase der digitalen Revolution oder die Definition moralischer und ethischer Werte? Wo muss möglicherweise regelnd eingegriffen werden? Wie wird sich die Arbeitsorganisation und -verteilung in der globalisierten Welt entwickeln? Welche Ergebnisse aus Forschung und Entwicklung werden nachhaltig unser Zusammenleben gesellschaftlich und wirtschaftlich beeinflussen oder verändern?

Zur Beantwortung dieser Fragen gehört unter anderem sicherlich die systematische Mobilisierung von Erfahrungswissen der entsprechenden Experten und Meinungsbildner. Berechnungen, die Zuhilfenahme moderner sozial- und wirtschaftswissenschaftlicher Methoden, Zukunftsstudien oder das Einbeziehen emotionaler Sichtweisen führen letztlich zu oft weitreichenden Entscheidungen.

Ergänzend zu all diesen Instrumenten erhält der direkte persönliche Kontakt einen sehr hohen Stellenwert. In diesem Sinne besitzt das Weltwirtschaftsforum seine Chancen und seine Berechtigung.

Wenn hier rund 2000 globale Entscheidungsträger zusammenkommen, entfalten zwei wichtige Aspekte ihre Wirkung. Zum einen erfolgt ein nationen- und gesellschaftsübergreifender Dialog und ermöglicht so den Austausch unterschiedlicher Kenntnisse, Sichtweisen oder Erfahrungswerte. Das direkte und persönliche Kennenlernen bietet die zusätzliche Chance, Vertrauensverhältnisse aufzubauen und Vorbehalte abzubauen. Die Maxime des Weltwirtschaftsforums muss aus meiner Sicht deshalb lauten: Zuhören, Verstehen, Handeln. Wer möchte bestreiten, dass hier wichtige Voraussetzungen liegen, um den globalen Herausforderungen begegnen und entscheidende Weichen für künftiges Handeln stellen zu können?

Auf Dauer lebendig und erfolgversprechend wird das Weltwirtschaftsforum allerdings nur dann sein, wenn übergreifend und umfassend alle gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Gruppierungen die Gelegenheit erhalten, ihren Beitrag zu dieser Plattform zu leisten. So müssen etwa die Anhebung des materiellen Lebensstandards der Dritten Welt und das Vorantreiben einer nachhaltigen, globalen Umweltpolitik in der Teilnehmerstruktur ihre Berücksichtigung finden. Ansonsten besteht die Gefahr, dass das Treffen zu einer einseitigen Interessensveranstaltung der großen Industrienationen verkommt.

Die Zukunft der zusammengerückten und vernetzten Welt fällt nicht vom Himmel - wir können und müssen sie aktiv mitgestalten. Zur erforderlichen globalen Koordination der Zusammenarbeit sollten wir alle sinnvollen und erfolgversprechenden Wege und Instrumente auf allen Ebenen unterstützen.

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